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Ein Pfarrer als Kirchenrebell

Angeeckt ist Wojciech Lemanski schon öfter. Doch nun ist er binnen weniger Tage zur Symbolfigur kritischer Katholiken in Polen geworden.

Von Eva Krafczyk, Warschau

Warschau. An diesem Mittwoch wird Pfarrer Wojciech Lemanski noch einmal am Altar „seiner“ Kirche in Jasienica stehen und die Morgenmesse feiern. Zum wohl letzten Mal. Denn Erzbischof Henryk Hoser von der Diözese Warschau-Praga hat den 52 Jahre alten katholischen Pfarrer nach langem Streit wegen Ungehorsams in der vergangenen Woche abberufen und in ein Altenheim für Priester geschickt. Zunächst wollte Lemanski dem Kirchenoberen trotzen und einfach in dem Pfarrhaus in Jasienica bleiben. Doch nach tumultartigen Szenen beim Eintreffen eines bischöflichen Gesandten hat er sich entschlossen, auf eine Konfrontation zu verzichten.

„Das war das Schlimmste, was passieren konnte“, sagte er gestern in einer Ansprache zu den Gläubigen, die geschlossen hinter ihm stehen. „Morgen wird vielleicht ein Auto umgekippt, und übermorgen kommt jemand zu Schaden.“ Lemanski hat an den päpstlichen Nuntius geschrieben und hofft nun auf eine Entscheidung des Vatikans zu seinen Gunsten.

Der Priester mit den kantigen Gesichtszügen und dem schütteren blonden Haar ist in den vergangenen Tagen unfreiwillig zu einem Medienhelden geworden. „Verändert ein einfacher Pfarrer die polnische Kirche?“ fragte die linksliberale „Gazeta Wyborcza“ am Wochenende auf ihrer Titelseite. „Newsweek Polska“ titelte ebenfalls mit dem kritischen Geistlichen, der seit Jahren kirchlichen Antisemitismus und den Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs durch Geistliche anprangert. „Kirchenfeind Nummer Eins“, schrieb das Magazin unter ein Bild des in eine Soutane gekleideten Pfarrers. „Die Bischöfe verdammen einen Priester, der über die Fehler der Kirche spricht.“

Strafversetzt in die Provinz

In konservativen und rechtskatholischen Medien wiederum wird der streitbare Pfarrer angefeindet, auch von höchster Stelle. „Er versteht nicht, was der Dienst eines Priesters ist“, rügte etwa Erzbischof Józef Michalik, der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Polens.

Jasienice ist nicht gerade ein Ort, von dem eine Erneuerungsbewegung der in Polen noch immer mächtigen katholischen Kirche erwartet wird: Mit knapp 3 000 Einwohnern eher ein großes Dorf, nicht weit von Warschau. Sieben Jahre lang war Lemanski hier Gemeindepfarrer, seine Versetzung in die Provinz war auch eine Folge seines Engagements im christlich-jüdischen Dialog und seiner Kritik an antisemitischen Strömungen in der Kirche.

Seinen Bischof, der zum konservativen Flügel des polnischen Episkopats gehört, hat Lemanski damit ziemlich irritiert. „Sagen Sie mir, gehören Sie etwa zu jenem Volk?“ soll er Lemanski nach dessen Angaben in einem Gespräch gefragt haben. Doch der Pfarrer will sich nicht den Mund verbieten lassen. Wenn er den Umgang der Kirche mit Missbrauchsopfern anklagt, sieht er sich auch durch Papst Franziskus bestätigt. Doch werden die Probleme eines polnischen Dorfpfarrers im Vatikan bemerkt? „Höre hin, Franziskus!“ appellierte ein Kommentator der „Gazeta Wyborcza“.

„Ich kann in den Spiegel sehen, ohne mich vor mir selbst zu schämen“, sagte Lemanski in einem seiner zahlreichen Interviews. Er will nun eine Entscheidung aus Rom abwarten. (dpa)