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Ein Pfarrer auf dem Jahrmarkt

Für den Theologen Martin Beyer steht am Sonntag auf der Kreischaer Festwiese ein ganz besonderer Gottesdienst an.

© Andreas Weihs

Von Stephan Klingbeil

Kreischa. Die Fiktion von Souveränität und Selbstbestimmung – den Gedanken könnte man doch durchaus aufgreifen. Kreischas neuer Pfarrer Martin Beyer sucht nach einer zündenden Idee für seine Predigt am kommenden Sonntag. Dann steht für ihn auf der Festwiese der Freiluft-Gottesdienst an. Schon seit Jahren gehört der Gottesdienst, der von diesem Freitag bis Montag wieder zahlreiche Besucher auf das Festgelände an der Lungkwitzer Straße locken wird, zum Kreischaer Jahrmarkt dazu.

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Orgelklänge werden am Sonntagvormittag nicht zu hören sein, es spielt eine Musikgruppe. Statt einer Kirche wird eine Autoscooter-Anlage den ungewöhnlichen Rahmen für diesen Gottesdienst bilden. Anders als auf den Werbeplakaten für den Jahrmarkt zu lesen, wird es Martin Beyer sein, der die Predigt beim Jahrmarkt hält, und nicht seine Rabenauer Kollegin Annette von Oltersdorf-Kalettka. Laut Gemeindeverwaltung waren die Druckaufträge für die Plakate schon vor längerer Zeit vergeben. Damals hatte Beyer offenbar seine Pfarrstelle in Kreischa noch nicht angetreten. Im Juli übernahm er sie.

Darüber hinaus hat der Vater von fünf erwachsenen Kindern im Alter von 23 bis 33 Jahren jetzt auch die Leitung des Kirchspiels Kreischa-Seifersdorf inne. Neben Annette von Oltersdorf-Kalettka und Pfarrerin Maria Rentzing, die als Vertretung des inzwischen verstorbenen Pfarrers Christfried Luckner vor allem die Kirchgemeinde in Possendorf betreut, ist er für rund 3 200 Gläubige im Kirchspiel verantwortlich.

Die fünf Kirchgemeinden in Possendorf, Kreischa, Seifersdorf, Rabenau und Oelsa hat er schon besucht, sich ein erstes Bild gemacht. Er habe Freude und Erleichterung gespürt, nachdem es nach dem Abschied von Pfarrer Konrad Adolph Ende vorigen Jahres und der lange nicht besetzten Stelle in Possendorf zwischenzeitlich nur eine hauptamtliche Seelsorgerin in dem Kirchspiel gab. „Mein bisheriger Eindruck war auf jeden Fall angenehm“, sagt Beyer.

Er hatte sich nach zehn Jahren in Olbernhau verändern wollen, zudem arbeitet seine Frau in Dresden. Sich für die Pfarrstelle in Kreischa zu bewerben, bot sich da an. Nun wolle er aber nichts überstürzen und zunächst auch keine Projekte auf den Weg bringen. „Ich werde im ersten Jahr schauen, wie die Dinge hier laufen, wo die Interessen der Leute liegen und wofür man sie begeistern kann“, erklärt er. Daher werde an geplanten Veranstaltungen nicht gerüttelt. Im Jahr des 500. Reformationsjubiläums gab und gibt es auch hier so einige.

Der traditionelle Open-Air-Gottesdienst beim Jahrmarkt gehört auch in das alljährliche Programm. „Ich sehe das nicht kritisch. Im Gegenteil: Ich bin aufgeschlossen für so etwas“, sagt Pfarrer Beyer. „Was wir Sonntagvormittags in der Kirche machen, ist doch nicht jedermanns Sache. Dieser Gottesdienst bietet die Möglichkeit, sich auch mal von einer anderen Seite zu zeigen und Leute anzusprechen, die sich sonst nicht für Religion interessieren.“ Am Sonntag könnte ihm zufolge die Selbstbestimmung ein zentrales Thema seiner Predigt sein. „Heutzutage denken viele, sie leben selbstbestimmt, doch ist das wirklich der Fall?“, fragt der Doktor der Theologie.

Es gehe nicht um moralische Fragen, sondern um Anregungen zum Nachdenken, zum Diskutieren. Auch was der Reformator Martin Luther vor 500 Jahren zu diesem Thema gesagt habe, werde sicher eine Rolle spielen bei diesem Gottesdienst.

Trotz des Rückgangs oder der Stagnation bei der Zahl der Mitglieder in den Kirchgemeinden sieht Beyer noch immer viele Berührungspunkte zwischen Religion und alltäglicher Lebenswirklichkeit. Außerdem gebe es heute quasi-religiöse Ersatzhandlungen. „Beim Thema Ernährung, zum Beispiel, geht es zur Sache“, sagt er. Was man essen dürfe, was richtig sei: Es werde viel gestritten, mitunter äußerst vehement.

Beyer denkt viel nach, ein Theoretiker ist der 53-Jährige indes nicht. Als er 2007 seine erste Pfarrstelle in Großerkmannsdorf nach 13 Jahren verließ, zog es ihn nach Olbernhau ins Erzgebirge. Er leitete das dortige Kirchspiel mit rund 3 700 Mitgliedern. Auch saß der parteilose Beyer für die CDU dort im Stadtrat, engagierte sich.

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Er betont, dass eine Kirchgemeinde auch immer Teil einer Kommune ist. „Wir dürfen uns nicht abkapseln, müssen uns öffnen für andere Veranstaltungen, müssen zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind und uns mit einbringen“, sagt Beyer. Daher freut er sich auch auf den Jahrmarkts-Gottesdienst und die kommenden Jahre in Kreischa: „Normalerweise sollte das meine letzte Stelle sein“. Ob er sich 2019 auch um einen Sitz im Gemeinderat bewirbt, könne er jetzt noch nicht sagen.