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Ein Pfirsich als Zwiebel

Die Manufaktur würdigt das Dekor mit einer Sonderschau. Eine Serie beleuchtet seine Geschichte. Folge 2.

© Claudia Hübschmann

Von Dr. Hans Sonntag

Meißen. Porzellan aus Ostasien hat Anfang des 18. Jahrhunderts den ersten Meissener Porzellanmalern als Vorbild für ihre Arbeit gedient. Die entstehenden Dekore in der Abteilung der Blaumaler wurden schon bald als „blau ordinaire Mahlerey“ bzw. „in Blau und Weiß ordinair gemahlt“ bezeichnet. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich „ordinair“ einerseits auf „einfach“ im Sinne der blauen Einfarbigkeit bezieht und somit auch eine geringwertigere Ware kennzeichnet. Andererseits bezeichnet es den Aspekt einer feststehenden Anordnung des Dekors im Sinne von „Ordre“ bzw. „ordinieren“. Die Dekoration sollte immer gleich gegliedert und die blaue Farbe stets gleichmäßig im Farbwert sein. Noch heute spricht man von „gebundenen“ bzw. „feststehenden“ Dekoren in der Manufaktur, die vor allem per Pause angelegt werden, um den Gleichheitscharakter bei allen Stücken über die Zeit zu bewahren. Die alten Dekorbezeichnungen sollten immer im Kontext der jeweiligen Zeitspanne gesehen werden, denn heute verstehen wir unter „ordinär“ etwas Vulgäres, Schmutziges, Gewöhnliches.

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1851 schrieb Manufakturdirektor Heinrich Gottlieb Kühn von einem „Service mit ordinärer Blaumalerei (zuweilen auch Zwiebelmuster genannt)“. Er hatte diese Bezeichnung aus einem Brief zwischen dem Ministerialrat und Kommissar Sachsens bei Gewerbeausstellungen Christian Albert Weinlig und dem Finanzrat sowie Ministerialdirektor Johann Wilhelm Otto von Freiesleben übernommen. Daraus wird ersichtlich, dass bereits der Dekorname Zwiebelmuster in den hohen Beamtenkreisen bekannt war, obwohl innerhalb der Manufaktur noch immer die alte Bezeichnung beibehalten wurde.

Erst in den Jahren zwischen 1865 und 1870 tauchte offiziell bei Meissen die Dekorbezeichnung Zwiebelmuster auf, allerdings fehlen konkrete Quellenangaben in der Fachliteratur. Vielleicht reichte die Manufaktur ihre Ausstellungsstücke zur Londoner Weltausstellung 1851 mit den in der Manufaktur üblichen und allgemein gebräuchlichen Dekorbezeichnungen „blau ordinaire Malerei“ oder „Blau und Weiß ordinair gemalt“ ein und die Ausstellungsgestalter, Jurymitglieder oder Journalisten, welche die gemalten Früchte auf den Randzonen der Objekte als Zwiebeln interpretierten, wählten die englische Formulierung „Onion pattern“ oder „Blue onion pattern“. Auf diese Weise setzte sich möglicherweise diese Dekorbezeichnung international über die Medien durch, um schließlich in die deutsche Sprache gleichfalls als Zwiebelmuster einzufließen. Hinzu kommt, dass 1874 der Höhepunkt der Zwiebelmusterproduktion bei Meissen erreicht wurde.

Eine genaue Übersetzung in die englische Sprache wäre „Blue ordinary design“ oder „Blue ordinary pattern“ gewesen. Im 2010 erschienenen Buch „Meissen Porcelain“ des englischen Experten John Sandon heißt es, der bei chinesischem Porzellan zur Rand-Dekoration genutzte Pfirsich sei in Europa als Zwiebel interpretiert worden. Sicherlich könnten die Originaltexte in den Katalogen und Kritiken der Weltausstellung exaktere Auskünfte dazu geben, wie der Begriff in die Welt kam.

Der Anfang nächster Woche erscheinende dritte Beitrag dieser Serie beschäftigt sich mit einem möglichen Urheber des Meissener Zwiebelmusters.

Folge 1: Die Wurzeln des Zwiebelmusters