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Ein Pinselstrich Geschichte

Die Predigerhäuser haben sich als Kleinod für die Restauratoren erwiesen. Die seltenen Malereien werden erhalten.

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© Klaus-Dieter Brühl

Von Catharina Karlshaus

Großenhain. Anja Tomaschewski hat allen Grund zum Lächeln. Mit den Großenhainer Predigerhäusern am Kirchplatz sind für die erfahrene Restauratorin berufliche Träume in Erfüllung gegangen. Nicht nur, dass die 41-Jährige gemeinsam mit ihrem fünfköpfigen Team im April 2015 herausragende Funde von den Decken und Wänden freilegte. Nach über einem Jahr dürfen Anja Tomaschewski und ihre Mitstreiter nun wieder auf die Leitern klettern, um die restauratorischen Kostbarkeiten dauerhaft für die Nachwelt zu erhalten. „Als wir damals die verschiedenen Malereien an den Wänden und Decken gefunden haben, wussten wir nicht, ob die erbauungszeitlichen Zeugnisse in die Sanierung mit einfließen werden können. Glücklicherweise hat sich die Denkmalschutzbehörde dafür entschieden, sie in die Gestaltung zu integrieren“, freut sich die Restauratorin.

Dieses zarte Blütenmotiv ist besonders gut erhalten.
Dieses zarte Blütenmotiv ist besonders gut erhalten. © Klaus-Dieter Brühl
Gipslöcher wie dieses werden zugespachtelt.
Gipslöcher wie dieses werden zugespachtelt. © Klaus-Dieter Brühl

Ein Kleinod, was sich dem Betrachter künftig im ersten Raum des Erdgeschosses der beinah fertiggestellten Häuser darbieten wird. Zwar habe man alte Türeinfassungen, Fensterumrandungen und Stuck auch in anderen Zimmern gefunden. Nicht alles lasse sich aber rekonstruieren.

Zur Erinnerung: In den Gebäuden, die nach dem verheerenden Großenhainer Stadtbrand von 1744 als Wohnsitze für Pfarrer und anderes kirchliches Personal errichtet worden sind, fanden sich Fragmente freier Malerei aus dem Jahr der Erbauung. Gut verborgen unter immerhin 14 verschiedenen Farbfassungen. Und ein Ende ist auch heute noch nicht in Sicht. „Damit wir den Überblick behalten, sind wir wirklich ganz behutsam vorgegangen und haben jede einzelne Schicht mit einer Zahl nummeriert, um die Farbabfolgen zu kennzeichnen. Mittlerweile sind wir auf diese Weise auf farbige Malereien aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert gestoßen“, verrät Anja Tomaschewski.

Während jene Blütenranken im bewussten Zimmer des Erdgeschosses aus der Zeit von 1744 eben völlig frei ohne Hilfsmittel aufgetragen worden seien, zeichneten sich die nachfolgenden durch bestimmte farbliche und stilistische Techniken aus. In Abstimmung mit dem beauftragten Architekturbüro Schaufel aus Dresden und der Denkmalpflege arbeite man nun bereits seit vier Wochen daran, genau diese seltenen Malereien zu erhalten.

Wie schon 2015 sind vor allem Fingerspitzengefühl, eine ruhige Hand und viel Geduld von Anja Tomaschewski und ihren Kollegen gefragt. Die Freilegung der malerischen Kostbarkeiten ist freilich der aufwendigste Part, den die weltweit tätige Restauratoren-Crew zu erledigen hat. Mit einem Skalpell schaben die Frauen und Männer vorsichtig über die Wände und fördern nahezu millimetergenau grazile Blumenranken, Blüten und Bögen unter den Farbschichten hervor. Dass diese überhaupt so detailgetreu erhalten geblieben sind, grenze beinah an ein kleines Wunder.

Ein Wunder, das jetzt mit einer speziellen Technik in ihrer Ursprünglichkeit bewahrt werden soll. Abgesehen davon, dass Gipslöcher und Risse der Moderne zugespachtelt werden. Die gefundenen Darstellungen von Gräsern, Klee und Blumen – für Pilgerstätten wie das einstige Priesterhaus typisch – sollen in den nächsten Wochen mit feinen Pinselstrichen nachgezogen werden. „Wir wenden dabei eine italienische Form der Retusche, das sogenannte Tratteggio, an. Dabei werden nur winzige Details ergänzt und mit Farbe hervorgehoben. Denn wir wollen tatsächlich den eigentlichen Charakter jener Entstehungszeit erhalten“, erklärt Anja Tomaschewski.

Die Restauratorin, die mit ihren Kollegen mittlerweile eine Predigerhaus-whats-app-Gruppe unterhält und sich über jedes gemeldete, neu hervorgezauberte Blümchen freut, hat indes eine große Hoffnung. Noch habe man nämlich die Farbschichten über der Zimmertür nicht entfernt. Noch bestehe die Möglichkeit, unter diesen Schichten ein Spruchband zu finden. Ebenfalls typisch für die Epoche, in der die Malereien entstanden. Nun, vielleicht ist das Glück ja den Restauratoren hold. Die Zeichen in den geschichtsträchtigen Häusern stehen ja ganz offensichtlich dafür ganz gut. „Es ist ohnehin schon eine absolute Sensation, dass wir fündig geworden sind.“