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„Ein Präsident ist geboren“

Er war lange Monate der Präsident mit den miesesten Umfragewerten. Nun ist François Hollande zurück. Nach dem Terror von Paris stehen viele Franzosen zu ihrem Staatschef. Doch wie lang hält der neue Zuspruch?

© Reuters

Von Gerd Roth, dpa

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Mit Oppacher gelassen losradeln

Eine ausgedehnte Fahrradtour ist fabelhaft – wenn sie gut vorbereitet ist.

Paris. „Alles ist vergeben.“ Die Überschrift der ersten Nach-Terror-Ausgabe des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ mit weinender Mohammed-Karikatur vor Islam-grünem Hintergrund ist um die Welt gegangen. Die französische Zeitung „Midi Libre“ zeichnete jetzt Präsident François Hollande in derselben Pose. Aus Mohammeds Schild „Je suis Charlie“ wurde bei Hollande „Ich bin beliebt“. Gilt nun auch für den bisher so unpopulären Staatschef „Alles ist vergeben“?

Nach den Terroranschlägen von Paris sind die Zustimmungswerte für den 60-Jährigen nach oben geschnellt. Umfrageinstitute sprechen von bisher nicht gemessenen Zunahmen. Mehr als 20 Punkte machte der Staatschef in Umfragen gut. Zwar sind noch immer 60 Prozent der Franzosen gegen ihn. Aber mit etwa 40 Prozent Zustimmung liegt der Staatschef erstmals seit rund zwei Jahren wieder in Bereichen, die Gedanken an eine Wiederwahl 2017 realistisch erscheinen lassen.

Frederic Dabi sprach für das Ifop-Institut von einem „sehr seltenen Phänomen“. In der Umfragegeschichte müssen die Experten schon zurückschauen bis zu Hollandes sozialistischem Vorgänger François Mitterrand, der während des ersten Golfkriegs 1991 etwa 19 Prozentpunkte Zustimmung gutmachen konnte.

Mit den drei Tagen des Terrors von Paris hat Hollande in den Augen vieler Franzosen die Anerkennung als Staatsoberhaupt gewinnen können. „Ein Präsident ist geboren“, schrieb der „Nouvel Observateur“. Schon unmittelbar nach dem ersten Anschlag forderte Hollande die Nation auf, nun zusammenzustehen.

Als Zeichen dieses Zusammenhalts rief Paris zum Solidaritätsmarsch für die Terroropfer. In Frankreich gingen mit rund 3,7 Millionen Teilnehmern soviel Menschen auf die Straße wie nie zuvor. Allein in der Hauptstadt waren es etwa 1,5 Millionen. Hollande schaffte es, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel Dutzende Staats- und Regierungschefs aus aller Welt nach Paris zu locken. Die Reihe war so eindrucksvoll, dass die US-Regierung anschließend einräumte, nicht ausreichend prominent vertreten gewesen zu sein.

Dank für umfassende Weltkriegs-Erinnerungsarbeit

Hollande hat in Sachen Gedenken schon vorher überzeugt. Sein Terminkalender 2014 war vollgestopft mit Erinnerungen an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Im Frankreich der historischen Schlachtfelder ist es immer noch der Weltkrieg - trotz der Schrecken seines Nachfolgers von 1939 bis 1945. Nicht nur Veteranenverbände waren Hollande dankbar für die umfassende Erinnerungsarbeit.

Gleichzeitig demonstriert Hollande seine Entschlossenheit, die drei französischen Grundsäulen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auch offensiv gegen neue Bedrohungen zu verteidigen. Am Mittwoch, zwei Wochen nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“, ließ er seinen Regierungschef Manuel Valls neue Schritte im Kampf gegen den Terror direkt im Élyséepalast verkünden - im protokollverliebten Frankreich ein klares Zeichen für Bedeutung und Nachdruck der Pläne.

Die Opposition hat gegen die Omnipräsenz von Regierung und Präsident einen schweren Stand. Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, potenzieller Kandidat seiner konservativen UMP, spielt in der Wahrnehmung kaum eine Rolle. Die Chefin der zuletzt bei Wahlen so erfolgreichen rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, wiederholt sich in Themen wie Grenzschließung. Gegen die französischen Pässe der drei Pariser Islamisten hätte das nicht geholfen.

Umfrageexperten zeigen sich noch skeptisch, ob Hollande und der ebenfalls nach oben katapultierte Valls die Zugewinne halten können. Der französische Präsident ist nicht der erste in Misskredit geratene Politiker, der ausgerechnet über ein Katastrophenszenario wie Phoenix aus der Asche emporsteigt.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) galt am Ende seiner ersten Amtszeit bis weit ins rot-grüne Lager als nicht mehr wählbar. Die Bilder eines in Gummistiefeln durch das Oder-Hochwasser 2002 stapfenden Krisenmanagers sorgten für den Umschwung in Umfragen. Kurz darauf wurde Schröder wiedergewählt - wenn auch knapp. (dpa)

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