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Ein Premier am Taxi-Steuer

Wahlkampf auf Norwegisch: Ministerpräsident Stoltenberg will wissen, was seine Landsleute wirklich denken.

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Oslo. Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat sich für ein Wahlkampfvideo als Taxifahrer versucht. Der 54-Jährige war darin wie ein Osloer Taxifahrer gekleidet: mit blauer Strickjacke, orangefarbener Krawatte und einer Sonnenbrille. Dennoch wurde er von zahlreichen Fahrgästen erkannt. Viele lachten verlegen, nahmen dann aber die Gelegenheit wahr, mit dem Sozialdemokraten über Politik zu sprechen.

Eine Frau schimpfte über zu hohe Managergehälter, andere sprachen die Schulpolitik an. Als Stoltenberg mit dem Automatikgetriebe des Taxis haderte, musste er sich sogar Kritik über seinen Fahrstil anhören. In den vergangenen acht Jahren habe er fast nur auf der Rückbank gesessen, entschuldigte er sich. Eine Lizenz zum Taxifahren brauchte Stoltenberg nicht, weil er keine Aufträge über Funk entgegennahm und seine Fahrgäste nichts bezahlen mussten.

Stoltenberg sagte in dem Film, es sei ihm wichtig zu hören, was die Menschen denken. „Das Taxi ist ein Ort, an dem die Leute wirklich sagen, was sie meinen.“ Seine Fahrgäste wurden mit versteckter Kamera gefilmt und anschließend um Erlaubnis gebeten, in dem Video zu erscheinen.

Als der Film ins Internet gestellt worden war, wurde er in kürzester Zeit von Tausenden Menschen in der ganzen Welt angeklickt. Medien in den USA, Australien und Bangladesch berichteten über den taxifahrenden Regierungschef.

Die Arbeiterpartei ist von der Resonanz auf den Film völlig überwältigt. Pressesprecherin Pia Gulbrandsen sagte: „Damit haben wir nicht gerechnet.“ Sie glaubt, dass es zum Beispiel für Engländer schockierend sei zu sehen, dass ein Ministerpräsident ein Taxi fährt. „Ich denke, in vielen Ländern ist die Distanz der Politiker zu den normalen Leuten viel größer.“

Der knapp vierminütige Film läuft von nun an als Wahlwerbespot in Kinos und auf anderen Internetplattformen. Eine längere Version der Taxifahrt soll in Kürze auf einer neuen Website der Arbeiterpartei veröffentlicht werden. In Norwegen wird am 8. und 9. September gewählt. (dpa)