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Ein Rebell kippt das System

Das Bosman-Urteil um Ablösesummen stellte die Machtverhältnisse zugunsten der Fußballspieler auf den Kopf. Der Auslöser hat aber nichts davon.

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© Reuters

Von Dietmar Kramer

In der Geschichte des modernen Fußballs markiert der 15. Dezember 1995 einen Wendepunkt historischen Ausmaßes. Durch das sogenannte Bosman-Urteil erschütterte der Europäische Gerichtshof (EuGH) das System in seinen Grundfesten.

Die höchstrichterliche Entscheidung besiegelte das Ende von Ablösesummen nach Ablauf von Verträgen und zudem von bis dahin gängigen Ausländerbeschränkungen. Die Luxemburger Richter stellten quasi über Nacht die Machtverhältnisse zugunsten der Spieler auf den Kopf.

Der EuGH-Beschluss nach einer Klage des bis dahin weitgehend unbekannten Profi-Kickers Jean-Marc Bosman auf das in den EU-Verträgen verankerte Recht zur freien Wahl des Arbeitsplatzes ließ von einem auf den anderen Tag eine der wichtigsten Geldquellen für die Vereine schlichtweg versiegen. Mehr noch: Seit jenem Tag stopfen sich neben absoluten Superstars inzwischen auch noch selbst mittelmäßige Spieler und ihre Berater Millionen und Abermillionen in die Taschen.

Diese Entwicklung hatte Bosman bei seiner lange belächelten Klage nicht im Sinn. „Es ist paradox“, meinte der Belgier kürzlich im Interview mit der italienischen Gazzetta dello Sport: „Der Reichtum sollte unter allen verteilt werden, aber jetzt machen nur einige wenige ganz viel Geld. Die Spieler waren wie Tiere in einem Käfig gefangen, und ich habe sie befreit. Heute aber sind sie Geiseln eines Systems, in dem der Fußball zur Maschinerie geworden ist.“

Bosman selbst, der heute nach eigenen Angaben in einem kicker-Interview „null Euro“ auf dem Konto hat und „Null, Nullkommanull“ verdient, wollte seinerzeit eigentlich nur spielen (können): Weil 1990 nach Ablauf seines Vertrags beim FC Lüttich Bosmans Wechsel zum französischen Zweitligisten US Dünkirchen an einer zu hohen Ablöseforderung gescheitert war, ließ der Durchschnittsprofi die Rechtmäßigkeit der Transfersummen und die Beschränkung seiner Freizügigkeit im EU-Arbeitsmarkt fünf Jahre lang durch alle Instanzen bis nach Luxemburg überprüfen – und triumphierte über das System.

Es dauerte einige Zeit bis zur Entwicklung neuer Strategien zur Refinanzierung und Schulung heimischer Talente. In Deutschland setzten Vereine und Verband der nach Bosman eingetretenen Ausländerschwemme nachhaltige Ausbildungspläne entgegen: Profi-Klubs müssen Teile ihrer Fernseh-Millionen in den Betrieb von Nachwuchs-Internaten statt in neue Spieler investieren. Das Kontrastprogramm liefert Englands Premier League: Die privaten Investoren agieren mit immer neuen Millionen, nicht zuletzt auch für die nach Bosman in Mode gekommenen Handgelder für Profis, als maßlose Preistreiber.

Und Bosman? Die Szene machte den „Rebell“ zur Persona non grata, seine Karriere war nach 1995 faktisch beendet. Heute hält sich Bosman mit kleineren Geldgeschenken der internationalen Spielergewerkschaft FIFPro über Wasser, „ansonsten wäre ich in der Scheiße“. Sein Leben geriet aus der Bahn. Alkoholprobleme, Depressionen und zuletzt sogar eine Haftstrafe – Bosman ist der größte Verlierer seines Erfolgs. Dennoch ist er mit sich im Reinen. (sid)