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Ein Restrisiko bleibt

Das Klärwerk an der Chopinstraße kann nun nicht noch mal von einem Hochwasser wie 2010 fast völlig zerstört werden.

© Matthias Weber

Von Thomas Mielke

Weinau. Der Name der Parkanlage in Zittaus Nordosten bezieht sich zum einen auf drei frühere Weinberge und zum anderen auf eine Aue – also ein von Hochwassern und Überschwemmungen geprägtes Flusstal. Auf die Neiße-Aue. Und genau in dieses Tal hat Zittau vor reichlich 40 Jahren den Vorgänger des heutigen Klärwerks an der Chopinstraße gebaut. Offensichtlich war man damals der Ansicht, dass die Vorteile des Standortes das Risiko einer Überschwemmung überwiegen.

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Der Hauptvorteil ist die Höhe. Die Weinau ist einer der tiefsten Punkte der Stadt, ihrer südlichen Ortsteile und Nachbargemeinden. Das Klärwerk befindet sich rund 230 Meter über dem Meeresspiegel, der Markt zum Beispiel 250 Meter, die Grundbachsiedlung Olbersdorf 300 Meter und die Schkola in Hartau 253 Meter. Der Höhenunterschied sorgt dafür, dass das Abwasser dem natürlichen Gefälle folgend ohne großen technischen Aufwand von den Klos der Zittauer, Bertsdorfer, Hörnitzer, Großschönauer, Hainewalder, Jonsdorfer, Mittelherwigsdorfer, Olbersdorfer und Oybiner, von Firmen und anderen in das Klärwerk fließt.

Doch der Nachteil des Standortes wiegt schwer. Der Abwasserzweckverband Untere Mandau, den diese Gemeinden zur gemeinsamen Abwasserentsorgung gegründet haben, hat das 2010 mit voller Wucht erfahren müssen. Bei dem Hochwasser, das laut der Unteren Wasserbehörde beim Landkreis statistisch gesehen nur alle 200 bis 500 Jahre vorkommt, ist das Klärwerk fast vollständig zerstört worden. Der Schaden lag laut der Süd-Oberlausitzer Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsgesellschaft mbH (Sowag), die das Klärwerk für den Verband betreut, bei 12,8 Millionen Euro – und war damit der größte Einzelschaden dieser Flut in Sachsen. Der Inhalt des Klärwerks ergoss sich in die Neiße. Allerdings wurde er – so haben laut Sowag Untersuchungen ergeben – so stark verdünnt, dass keine Gefahr für die Umwelt davon ausging.

Auch im Juli 1981, im Juli 1958, im Juni 1880, im Juli 1854, im Juni 1666 und im August 1595 gab es verheerende Neiße-Überschwemmungen. Für die Zukunft heißt das: „Hochwasser werden immer wieder passieren“, sagte Felix Heumer von der Sowag kürzlich bei einer Verbandsversammlung. Da heiße es, sich wappnen. Der Abwassermeister der Sowag hat bei dem Treffen das wegen gesetzlicher Anforderungen überarbeitete Hochwasserschutzkonzept für das Klärwerk vorgestellt, also die Risiken aufgezeigt, erklärt, was bisher dagegen unternommen wurde, was künftig getan wird und was noch getan werden könnte.

Beim inzwischen abgeschlossenen Wiederaufbau des Klärwerks ist ganz genau auf den Hochwasserschutz geachtet worden. So ist zum Beispiel teure Technik wie drei Blockheizkraftwerke nach oben versetzt oder das Pumpwerk mit Tauchmotoren, die auch unter Wasser funktionieren, ausgerüstet worden. Auch Stoffe, die das Wasser gefährden könnten, werden nun höher gelagert oder Kabelschächte abgedichtet. Auch die Alarm- und Einsatzpläne sind überarbeitet worden. Demnach soll nun unter anderem der Betrieb des Klärwerks bei einem Neißepegel von 4,15 Meter kontrolliert heruntergefahren werden und die Vorsorge wie der Schutz wertvoller Technik starten. Zum Vergleich: Der Höchststand des Pegels bei der Flut 2010 war 4,92 Meter, die Warnstufe 1 von 4 beginnt bei zwei Meter, normal sind 80 Zentimeter. Ob die Landesdirektion, die das Hochwasserschutzkonzept prüft, da mitgeht, ist noch offen. Sie hat das Konzept eigenen Angaben zufolge noch nicht vorliegen. Eigentlich ist das Abschalten eines Klärwerkes nicht vorgesehen. Zudem sei unter anderem angewiesen worden, dass die Klärwerk-Mitarbeiter bei einem drohenden Hochwasser die Pegelstände beobachten müssen, ergänzte Sowag-Chef Michael Kuba.

Naheliegende Maßnahmen wie das Stapeln von Sandsäcken scheiden dagegen als Abwehrmaßnahme laut Heumer aus. Die Zeit vom Erkennen der Gefahr bis zum Hochwasser ist zu kurz zum Schutz eines so großen Geländes. 2010 hat es vom Normalwasserstand der Neiße bis in die späten Abendstunden des 7. August, als der Scheitel der Hochwasserwelle ankam, nur 24 Stunden gedauert. Der Grund: Zittau liegt im Gegensatz zum Beispiel zur Elbe, an der sich ein Hochwasser Tage im Voraus absehen lässt, zu dicht an der Quelle der Neiße.

Die Abwehrmaßnahmen haben dazu geführt, dass das Klärwerk bei einem eben so heftigen Hochwasser wie 2010 nicht mehr zerstört würde. Im Schutzkonzept heißt es, dass der Schaden in diesem Fall nun bei reichlich 2,2 Millionen Euro liegen würde – und nicht mehr bei 12,8 Millionen Euro wie vor acht Jahren. Zudem ist diese Summe über Versicherungen abgedeckt. Wenn weitere Maßnahmen – die allerdings auch Geld kosten – umgesetzt würden, ließe sich das Restrisiko auf 1,6 Millionen Euro drücken. Der Verband wird darüber noch entscheiden müssen. Auf Null senken lässt es sich nicht. Vollständig sicher sein soll die Kläranlage bei einem Hochwasser, das statistisch alle 100 Jahre vorkommt. Darauf sind alle Maßnahmen ausgerichtet. Nach dem Wiederaufbau war sie das. Allerdings gehören auch die Neißedeiche zu ihrem Schutz dazu. Sie waren 2010 ebenfalls zerstört und vom dafür zuständigen Freistaat Sachsen wieder aufgebaut worden. Ausgelegt für diese 100-jährigen Hochwasser. Inzwischen haben Polen und Deutsche es aber neu berechnet. Demnach fällt das Hochwasser höher aus. So hoch, dass die neuen Deiche wohl zu niedrig sind. Dass der Freistaat sie weiter erhöht, ist laut Sowag unwahrscheinlich. Die dafür zuständige Landestalsperrenverwaltung (LTV) äußerte sich auf SZ-Anfrage noch nicht zu dem Problem. Was es aber nun bedeutet, wenn das Klärwerk einen Punkt aus dem Maßnahmekatalog gegen ein 100-jähriges Hochwasser nicht erfüllt, kann derzeit noch niemand sagen. Die Landesdirektion wird das Problem bei der Prüfung des neuen Hochwasserschutzkonzepts einbeziehen. Eines steht aber schon jetzt fest. „Die Landesdirektion wird dem Abwasserzweckverband Untere Mandau nicht die Empfehlung geben, sich langfristig einen neuen Standort für sein Klärwerk zu suchen“, teilte Sprecher Ingolf Ulrich auf Anfrage der SZ mit. Jenseits der Weinau.