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Ein Schnäppchen mit Botschaft

Sonja Müller kauft bei Netto eine Tischdecke. Auf der Pappe findet sie chinesische Zeichen – ein Hilferuf?

© Uwe Soeder

Von Frances Scholz

Sie war im Angebot. Nur 12,99 Euro sollte die cremefarbene Tischdecke beim Discounter Netto kosten. Als Sonja Müller Anfang Dezember die Werbung in der Zeitung liest, denkt sie nicht lange über das Angebot nach. Sie fährt zu ihrem Nettomarkt in Weigsdorf-Köblitz und kauft gleich zwei Tischdecken, eine für ihre Tochter. Doch zu Hause erlebt die Großdöbschützerin eine Überraschung. „Als ich die Tischdecke auspackte, stand auf der Innenseite der Pappverkleidung eine chinesische Schrift. Ich war sehr verwundert“, sagt die Rentnerin. Sofort ruft sie ihre Tochter und beide schauen, ob auch auf der Verpackung der anderen Tischdecke etwas steht. „Doch dort war nichts zu finden“, sagt Sonja Müller. Die chinesischen Zeichen lassen ihr und ihrer Familie keine Ruhe. „Wir haben versucht, mithilfe des Internets die Aussage zu entschlüsseln. Das hat aber nichts gebracht. Dann haben wir bei Übersetzungsbüros nachgefragt“, sagt sie. Doch die wollen ihr nur gegen eine Bezahlung von 60 Euro helfen.

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Sonja Müller will aber herausfinden, was auf der Pappe steht. „Denn ich hatte das Gefühl, dass der Mensch, der das geschrieben hat, Hilfe braucht“, sagt die 67-Jährige. Tatsächlich gibt dafür einige Anhaltspunkte, sagt Hongfeng Yang. Die Chinesin lebt in Dresden und ist Redakteurin der chinesisch-englischsprachigen Zeitschrift „Elbe“. Sie hat die Schriftzeichen übersetzt und ist schockiert. „Bei den Zeichen handelt es sich um die Adresse einer Polizeigewahrsamstation in China. Das ist ähnlich schlimm wie ein Gefängnis“, weiß Hongfeng Yang. Sie vermutet, dass die Person, die die Adresse auf die Innenseite der Pappe schrieb, unter größter Lebensgefahr gehandelt hat: „Wahrscheinlich war wenig Zeit, und er oder sie hat sich nicht getraut, einen genauen Hilferuf zu formulieren.“ In chinesischen Gefängnissen herrsche Arbeitszwang. Die Insassen würden ausgebeutet und bekämen oft kein Geld, berichtet die Redakteurin. Aber war es auch in diesem Fall so? Die Adresse allein belegt das nicht. Sie könnte auch aus anderen Gründen auf der Pappe stehen.

Kein Hinweis, wo die Decke produziert wurde

Sonja Müller ist dennoch erschrocken. „Es macht mich sehr traurig, dass Menschen in China unter so schlechten Bedingungen arbeiten müssen“, sagt sie. Denn als sie die Tischdecke kaufte, war für sie nicht zu erkennen, woher diese stammt. Auf der Verpackung steht lediglich der Verweis auf eine deutsche Textilfirma. Gleiches gilt für das Etikett an der Decke selbst. „Das erweckte bei mir den Eindruck, als sei sie in Deutschland gefertigt worden.“

Netto selbst bestätigt zwar, dass die Tischdecke in China hergestellt wurde. Es handele sich aber nicht um Gefängnisware, betont das Unternehmen. „Die Decke wurde in regulären chinesischen Produktionsstätten gefertigt, gelagert und kommissioniert“, sagt Netto-Sprecherin Christina Stylianou. Das Produktionslager der genannten Decke befinde sich in einem chinesischen Areal namens Zhou Village Area in Shandong. „In der Umgebung befinden sich ein Krankenhaus und auch eine Polizeistation, vermutlich mit einem Arrestbereich“, bestätigt die Nettosprecherin. Doch das seien staatliche Gebäude, die in keinerlei Zusammenhang mit den Räumlichkeiten, Arbeitsprozessen und Mitarbeitern des Netto-Lieferanten stünden. Wie die Schriftzeichen in die Packung gelangt sind, sei aktuell nicht nachvollziehbar. Netto mache seinen Lieferanten klare Vorgaben bezüglich der Arbeitsbedingungen. „Deshalb können wir die im Raum stehenden Spekulationen mit absoluter Sicherheit ausschließen“, sagt die Unternehmenssprecherin.

Ein ungutes Gefühl bleibt

Die Verbraucherzentrale in Bautzen rät Sonja Müller dennoch, sich an Netto zu wenden. „Wenn beim Kauf nicht klar war, dass das Produkt in China hergestellt wurde, ist das möglicherweise Irreführung, sagt Mitarbeiterin Stephanie Siedentopf.

Sonja Müller will ihre Tischdecke aber behalten. Wenngleich ein ungutes Gefühl bleibt. „Warum macht jemand auf diese Weise auf sich aufmerksam, wenn doch alles gut ist?“, fragt sich die Rentnerin. Oder ist am Ende doch alles nur ein Zufall – und es steckt gar keine Botschaft hinter den Zeichen auf der Verpackung?