merken

Ein Sieg in Gelb

Spitzenreiter Geraint Thomas gewinnt die Königsetappe der Tour. Der Aufstieg nach Alpe d’Huez ist ein Mythos.

© AFP

Von Manuel Schwarz und Tom Mustroph

Christopher Froome von einem Fanatiker beinahe vom Rad gestoßen, Triumphator Geraint Thomas bei der Siegerehrung ausgebuht: In Alpe d’Huez schlug der Doppelspitze der umstrittenen Sky-Mannschaft teils blanker Zorn Hunderttausender Zuschauer entgegen. Sportlich war sie aber obenauf: Thomas baute durch seinen zweiten Etappensieg binnen 24 Stunden die Führung aus. Froome wahrte trotz erneuten Zeitverlustes alle Chancen auf seinen fünften Tour-de-France-Titel.

Zoo Dresden
Tierisch was erleben
Tierisch was erleben

Welche spannenden Neuigkeiten gibt es bei Pinguin, Elefant und Co.? Wer wird Tier des Monats? Hier können Sie abstimmen und erfahren mehr über die tierischen Bewohner des Zoo Dresden.

„Ich bin sprachlos und hätte nie gedacht, dass ich gewinnen kann. Es ist unglaublich, ein Sieg in Gelb in Alpe d’Huez. Das Rennen ist bisher wie für mich gemacht“, sagte Thomas, der mit Blick auf die Geschehnisse an den legendären 21 Kehren ernst wurde. „Chris ist fast gestürzt. Ich weiß nicht, ob es absichtlich war, aber die Leute sind uns einfach zu nahe gekommen. Das war nicht gut anzusehen“, sagte er. Thomas wandte sich an die Fans: „Wenn ihr Sky nicht mögt, okay. Buht und pfeift ruhig. Das ist in Ordnung. Aber packt uns nicht an. Spuckt uns nicht an.“

Edelhelfer fährt weiter für Froome

Thomas weiter im Gelben Trikot, Froome Zweiter – an der Hackordnung im am Donnerstag erneut dominanten Sky-Rennstall hat sich für Thomas aber nichts geändert: „Ich fahre nach wie vor für Froomey. Er weiß, wie man eine Tour über drei Wochen fährt und gewinnt und ist eine Legende, vielleicht der beste Fahrer aller Zeiten.“

Und Alpe d’Huez ein Mythos. Für die Ortschaft sind die Tour-de-France-Besuche Gold wert. Die 32 000 Betten sind nicht nur am Tag der Etappe ausgebucht. „Für die Hoteliers vor Ort sind vor allem die Wochen vor und nach der Tour interessant“, sagt François Badjily, Chef des Tourismusbüros. Dann kommen viele Touristen, die die 21 Kehren zur Skistation sehen wollen. Etwa 1 000 Radamateure versuchen sich täglich am Aufstieg. Das sei auch so in jenen Sommern, in denen die Tour die Alpe auslässt. Der Ruf hat sich verselbstständigt.

Wenn die größte Rundfahrt Station macht, wird jeglicher Rahmen gesprengt. Dann bringen sich bereits eine Woche vor der Etappe die ersten Zuschauer in Stellung. „2 000 Caravans sind jetzt schon da“, sagt Badjily. Die Kommune stellt Toilettenhäuschen auf, legt Stromkabel für die Wohnmobile und besorgt Mülltonnen in Großstadt-Ausmaß. Bis zu eine Million Fans feuern die Stars an. Es ist der blanke Wahnsinn. Der Ort hat keine 2 000 Einwohner.

„Die Tour ist immer großartig mit den Zuschauern, aber Alpe d’Huez noch einen Tick verrückter“, sagt Jens Voigt, mit 17 Teilnahmen an der großen Schleife deutscher Rekordstarter und mehrfacher Bezwinger der speziellen Serpentinen hoch auf 1 850 Meter. Für ihn ist Alpe d’Huez der legendärste Anstieg der Tour de France. Ein Deutscher hat die mythische Etappe noch nie gewonnen. Am Donnerstag stiegen die nächsten Profis bereits davor aus und in den Besenwagen ein: André Greipel, Marcel Sieberg und Rick Zabel.

Zu den Pechvögeln gehörte Mit-Favorit Vincenzo Nibali, dem sogar das Tour-Aus droht. Er landete in einer unübersichtlichen Situation nach einer Kollision auf dem Asphalt, konnte aber gleich weiterfahren. „Ich fühle mich nicht gut, habe Rückenschmerzen. Wir müssen erst sehen, wie das weiter geht“, sagte der Italiener, der die Tour 2014 gewonnen hatte. Nach einer ersten Röntgenuntersuchung befürchten die Ärzte einen Wirbelbruch.

Begonnen hat alles 1952. Damals waren die Hoteliers unzufrieden. Gut, es war nicht so schlimm wie in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren. Damals konnte der Vater des einen Wirts das Familien-Chalet nur deshalb vom Touring Club de France erwerben, weil dessen Pächter an Einsamkeit zu verzweifeln drohte. So steht es zumindest in den Annalen des Hôtel Le Dôme in Alpe d’Huez. Dôme-Besitzer Georges Rajon wurde sich 1952 mit dem damaligen Tourdirektor Jacques Goddet einig, auf der Alpe eine Etappe enden zu lassen. Umgerechnet 3 000 Euro sollen Goddet letztlich überzeugt haben. Das Rennen gewann der italienische Superstar Fausto Coppi. Sein Vorsprung war allerdings so groß, dass die Tour bis 1976 wartete, bevor sie sich erneut nach Alpe d’Huez traute.

Damals begann der Berg, sich Orange zu färben, denn erstmals gewann mit Joop Zoetemelk ein Niederländer. Ihm folgten in den nächsten sieben Ausgaben vor allem Landsleute. Einmal gewann Zoetemelk noch, je zweifach Hennie Kuiper und Peter Winnen. Alpe-d’Huez war damit Holländerberg. Die Oranje-Fans ließen sich in Kurve sieben nieder, und die Saga hemmungslosen Biergenusses, entkleideter Körper und berauschter Seelen nahm ihren Anfang.

Dicht gedrängt verengen die Zuschauer die Fahrbahn. „Ein Haufen junger Leute, die stehen in guter Stimmung am Berg und trinken Bier den ganzen Tag“, sagt Voigt. „Die sind teils sturzbetrunken, wenn die Fahrer dann ankommen fünf Stunden später.“ Das sei sehr gefährlich, denn viele seien „nicht mehr zurechnungsfähig“. Einige Zwischenfälle stehen in den Annalen.

Contador wehrt sich mit Fäusten

Voigt wurde 2004 beim Bergzeitfahren von deutschen Fans bespuckt und fast vom Rad geholt, weil er am Vortag einen Ausreißversuch des – gegnerischen – Telekom-Kapitäns Jan Ullrich vereitelt hatte. Giuseppe Guerini war 1999 allein in Führung liegend mit einem fotografierenden Fan kollidiert. Er stand wieder auf und gewann doch noch knapp. Alberto Contador rückte 2011 ein Zuschauer derart nahe, dass er sich in voller Fahrt mit einem Faustschlag wehrte.

In Alpe d’Huez ist es Tradition, dass jeder Gewinner eine Kurve erhält. Weil es inzwischen mehr Etappenankünfte als Serpentinen gibt, sind einige von ihnen doppelt besetzt. Kehre 13 gehörte bisher Winnen. In Kurve 14 schrieb sich der letzte Sieger Thibaut Pinot neben dem Vorgänger Beat Breu ein. Auch den Namen Lance Armstrongs findet man noch, zweimal sogar – in Kurve 21, bei Coppi, aufgrund des Erfolges von 2001, und in Kurve 19, neben Kuiper, dank des Sieges von 2004. Jetzt kommt der Waliser Thomas dazu. (dpa mit sid)