Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Merken

Ein Sommerhaus mit Vergangenheit

Claudia Beger saniert eines der ältesten Gebäude in Dippelsdorf. Erstmals erhält es Strom – mit handwerklicher Raffinesse.

Teilen
Folgen
NEU!
© Norbert Millauer

Von Ulrike Keller

Moritzburg. Von wegen „oller Kasten“. So nennt Claudia Beger rückblickend mit einer Prise Humor das, was sie seit Kindertagen neben ihrem Elternhaus in Dippelsdorf stehen und verfallen sah. Das ockerfarbene Häuschen mit Fachwerk und Mauerziegeln aus Lehm zeigt damit so gar keine Ähnlichkeit mehr.

„Es ist eines der ältesten Häuser des Ortes“, weiß Claudia Beger über das Schmuckstück an der Ecke von Kötzschenbrodaer und Großenhainer Straße. „Ein Denkmal aus der Barockzeit.“ Und bald das Sommerhaus von ihr und ihrem Freund, wie sie erzählt. Denn im Sommer sind die Architektin und der Kunsthistoriker am Wochenende ohnehin oft bei ihren Eltern in Dippelsdorf, um den Garten zu machen. Und in Bälde haben sie auf dem Grundstück der Familie eben gleich eine eigene Bleibe auf dem Lande. Eine, die der Berufspendlerin nach Bayreuth ganz andere Erholung beschert als die Wohnung in Dresden. Mit 30 Quadratmetern Grundfläche ist es zwar recht winzig, aber über drei Etagen summieren sich auch 90 Quadratmeter.

„Ich habe es ein bisschen als meine Verpflichtung angesehen, das Haus zu sanieren“, sagt sie. „Ich weiß, wie es geht, und es war mir immer mehr eine Herzensangelegenheit, das anzupacken.“ Ihrem Vater hatte das Gebäude noch Jahrzehnte als Werkstatt fürs Tischlern und als Kaninchenstall gedient. Bis Claudia Beger dann 2013 begann, es gemeinsam mit ihrem Partner und ihrem Bruder auszuräumen. 2014 ging das Bauen los. Seitdem investierten sie immer von Mai bis Oktober so gut wie jedes Wochenende vor Ort.

Wobei sie berufsbedingt einen besonderen Ehrgeiz an den Tag legte: „Ich wollte zeigen, dass beides geht: ein altes Haus zu erhalten und energetisch zu sanieren“, so Claudia Beger, die auch zertifizierte Energieberaterin ist.

Ein Denkmal von außen zu dämmen, sei ja tabu, erklärt sie. Alternativ habe sie sich für eine Innendämmung und Wandheizung entschieden. Zum Verputzen verwendete sie spezielle Lehmmasse. Als Energiesparfenster konstruierte sie selbst Doppelfenster, die als ein komplettes Kastenelement aus Lärchenholz in die Wand eingesetzt werden.

Historische Besonderheiten im Häuschen hat sie wiederum bewusst konserviert. Beispielsweise erhielt sie eine steinerne Leuchtstelle in der Wand, auf der früher Kienspäne entzündet wurden. So ließ sich der kleine Raum für wenige Minuten in der Dämmerung erhellen. Der Denkmalpfleger habe mit der Zunge geschnalzt, als er diese Seltenheit entdeckte, erzählt sie lachend. „Mein Bedürfnis ist auch zu zeigen, wie das Haus vor hundert Jahren sich selbst überlassen wurde“, betont Claudia Beger. Sie will dem Gebäude nichts überstülpen, sagt sie, aber auch in puncto Komfort auf nichts verzichten. Immerhin gab es darin nie Strom. Bislang.

Und so interessierte auch die meisten der gut 100 Besucher am vergangenen Sonntag zum Tag des offenen Denkmals, wie sie die Frage der Elektrik gelöst hat. „Durch Aufputzleitungen und -schalter aus Bakelit“, verrät sie und deutet auf die schwarzen Kabel, Tasten und passenden Lampen an der Wand. „Technik wie in den 20er-Jahren, aber natürlich nach heutigen Standards aufbereitet.“

Die 41-Jährige nimmt mit der Sanierung ein Vorhaben in Angriff, das sie schon während ihres Architekturstudiums immer wieder beschäftigte. So arbeitete sie damals in einer Seminararbeit die Historie des Hauses auf. Dabei entdeckte sie etwa eine Aufnahme von um 1900, die ihren Ururgroßvater mit eleganten Sommergästen vor dem Haus zeigt. Ganz offensichtlich diente es einst als Auszugshaus, erzählt sie. So bezeichnet man jenes kleine Nebengebäude auf dem Hof, das der Bauer als Ruhesitz bezog, nachdem er seinen Hof und damit sein bisheriges großes Wohnhaus an seinen Nachfolger übergeben hatte.

In einem anderen Projekt während des Studiums dachte sie bereits vor, was sich aus dem Gebäude machen ließe. Davon zeugt ein 3-D-Modell in den Dimensionen eines Schuhkartons. Es ist das erste Stück, das schon im Dachgeschoss Platz gefunden hat. Bis Oktober, so das aktuelle Ziel, soll das Haus bezugsfertig sein.

Auf Werbepostkarten zum Tag des offenen Denkmals hat Claudia Beger für ihr Häuschen die Bezeichnung „Haus der ländlichen Baukultur“ geprägt. Zum einen, weil es die ländliche Baukultur gut zeige, erläutert sie. Zum anderen aber auch, weil man sich bei ihr gern Anregungen holen könne. „Ich habe nichts dagegen, es ab und zu öffentlich zu machen, Besichtigungen zu ermöglichen und Aktionen mit Handwerkern zu planen“, sagt die Bauherrin mit Expertenstatus. Denn viele Verfahren, die sie anwandte, führen tief in die alten Handwerkstechniken hinein.

Mit diesem Engagement möchte sie ihren persönlichen Beitrag dazu leisten, dass möglichst viele der kleinen und einfachen Nebengebäude auf dem Land erhalten werden. „Ich bin überall auf offene Ohren gestoßen bei der Denkmalpflege“, berichtet sie. „Es wäre der Wahnsinn gewesen, das Häuschen nicht zu retten.“

Dieses Wochenende findet in der Messe Dresden die zweite „Bauen Kaufen Wohnen“ statt. Geöffnet ist von 10 bis 18 Uhr zum Eintrittspreis von 7 Euro, ermäßigt 5 Euro.