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Ein spezieller Olympionike

Raus aus der Behindertenwerkstatt, auf zum Wettkampf: Trotz Handicap will ein junger Mann vorn mitschwimmen.

© Robert Michael

Von Nancy Riegel

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Andreas Wünsche formuliert in deutlichen Worten, was er von seiner Schwimmtruppe erwartet. „Zwei Bahnen Brust, kurz raus, dann noch mal zwei Bahnen Freistil. Und ordentlich anschlagen!“ Dem sportlich gebauten Mann mit den freundlichen Augen ist bewusst, dass er seine Anweisung eventuell noch ein zweites, drittes, manchmal auch viertes Mal wiederholen muss. „Das Training läuft bei uns etwas anders ab, es herrscht viel Redebedarf.“ Aber die Frauen und Männer, die in drei Bahnen der neuen Schwimmhalle in Dresden-Bühlau ihre Bahnen ziehen, sind eben keine durchschnittlichen Sportler. Sie alle haben ein Handicap. Was sie nicht davon abhält, zur Olympiade zu fahren.

Am Sonntag starten mehr als 50 Mitglieder der Lebenshilfe Dresden in Richtung Kiel, wo knapp eine Woche lang die Special Olympics ausgetragen werden – die sportliche Meisterschaft für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Sie treten unter anderem in den Disziplinen Bowling, Bouldern, Leichtathletik, Fußball und Schwimmen an. Für den Wettkampf im Wasser bekommt das Team Unterstützung vom 29-jährigen Eric Pietschmann aus Langenwolmsdorf. 1,92 Meter hoch und so große Füße, dass er in einem normalen Schuhladen kaum noch fündig wird. „Mein Körper ist gemacht fürs Schwimmen“, stellt er fest und grinst.

Einmal wöchentlich ging es in den vergangenen Monaten für ihn mit dem Bus nach Bühlau. Eigentlich arbeitet er im Bereich Kabelkonfektionierung in den Hohwald-Werkstätten der Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital, doch nur in Dresden kann er zusammen mit anderen trainieren.

Ehrgeiz ist geweckt

Zwei Bahnen Brust, zwei Bahnen Freistil – was einfach klingt, ist für den jungen Mann und seinen Trainer Andreas Wünsche manchmal herausfordernd. Eric hat Anpassungsschwierigkeiten im Sozialverhalten, kann Grenzen nur schwer akzeptieren. Er lebt zwar in einer eigenen Wohnung, bekommt aber Unterstützung im Alltag und Haushalt. In der Schwimmhalle äußert sich sein Handicap dadurch, dass er gerne mal stiften geht, wenn er eigentlich mit Zuhören dran wäre. Oder ihm plötzlich einige Gründe einfallen, warum er gerade diese Reihenfolge der Teammitglieder hinterfragen muss.

„Komm Eric, weniger labern, mehr schwimmen“, motiviert ihn ein anderer Sportler. Die Ansage funktioniert. Der 29-Jährige taucht per Kopfsprung in das Becken, wirft die langen Arme nach vorne und krault die vorgegebenen 50 Meter. „Und, wie schnell?“, fragt Pietschmann atemlos. „49 Sekunden“, liest Trainer
Wünsche vom Handydisplay ab. „Das ist okay, meine Durchschnittszeit ist 51 Sekunden“, sagt er und hebt sich auf den Beckenrand.

Den sportlichen Ehrgeiz nimmt er mit nach Kiel. Auch, wenn dort tatsächlich der olympische Gedanke mehr zählt als das Siegen. So ist sich Andreas Wünsche noch nicht einmal sicher, ob die Schwimmer aus Dresden in der „Unified-Staffel“ überhaupt Gegner haben werden. Unified bedeutet, dass zwei behinderte und zwei nicht behinderte Sportler zusammen schwimmen. Aber, das betont der Mitarbeiter der Lebenshilfe, die Regeln seien trotzdem genau definiert. Wer wegen seiner Behinderung beispielsweise den Schmetterlingsstil nicht beherrscht, darf darin bei den Nationalen Sommerspielen auch nicht antreten. Eric Pietschmann beherrscht den Schmetterling. In Kiel muss er aber kraulen. Wie seine Chancen auf einen Sieg stehen? „Keine Ahnung! Erst mal schauen, wer überhaupt alles antritt.“

Erster zu werden ist für das Schwimmteam nicht der Grund, warum es sich in den Bus nach Kiel setzt. Es ist die Erfahrung an sich. Während des Trainings wird unter den Sportlern ausklamüsert, wer mit wem in einem Zimmer schlafen wird. Und was gibt es zu essen? Und was sollen wir anziehen? Eric bekommt von den Fragen nichts mit. Er versucht, die Trainerin an der Nebenbahn mit Scherzen abzulenken.