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„Ein Stoppschild vor die Nase gesetzt“

Nachdem ihn sein altes Leben aus der Bahn warf, nimmt Matthias Reim neuen Anlauf. In Dresden spielt er 2018 drei Mal.

© Sven Ellger

Ein Gesicht wie ein Drama. Tief zerfurcht, von Freud und Leid gezeichnet. 60 Jahre, drei Ehen, fünf Kinder von vier Frauen, vom gefeierten Teeniestar Anfang der 90er nach ganz unten in die Pleite. Dann wieder an die Spitze der Charts und von dort direkt ins Krankenhaus. Zu viel für ein Leben, könnte man meinen. Doch Matthias Reim ist immer wieder aufgestanden. Nach zwei Jahren Pause erschien vor wenigen Tagen sein 18. Studioalbum „Meteor“. Ein Treffen in der Schokoladenbar in der Dresdner Neustadt.

Herr Reim, vor drei Jahren sagten Sie der SZ, Sie wollten jetzt Ihre „erfolgreiche Ruhe“ finden. Kurz darauf brachen Sie mit einer Herzmuskelentzündung zusammen. Was ist schiefgelaufen?

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Tja, da hat mir das Leben erst mal ein Stoppschild vor die Nase gesetzt. Bis dahin lief es für mich einfach wieder zu gut, und da ist es schwierig, einen gesunden Mittelweg zu finden. Wenn es läuft, läuft’s. Da musste ich durchpowern. Doch auf einmal ging nichts mehr. Mir tat alles weh. Die Pumpe war so entzündet. Das ging schon seit 20 Jahren, hat mein Arzt gesagt. Am Ende war das kein Spaß mehr.

Was bedeutete das für Sie?

Ich brauchte erst mal Zeit, über mich, mein Leben und meine Musik nachzudenken. Der Arzt hat mir gesagt: Herr Reim, entweder Sie geben jetzt auf oder sie machen Bodybuilding. Und zwar viermal in der Woche. Ich hab mich für die Fitness entschieden, lebe jetzt viel bewusster, achte auf mich und meinen Körper und gönne mir Pausen. Zu Hause habe ich mir jetzt mein eigenes Fitnessstudio eingerichtet.

Und was ist mit dem Rauchen?

Naja, das ist eine andere Sache. Doch vom Rauchen kamen meine Beschwerden Gott sei Dank nicht. Ich rauche jetzt seit über 40 Jahren und habe immer noch Arterien wie Ofenrohre, hat mir der Arzt gesagt. Abgesehen davon, wäre es natürlich trotzdem gut, aufzuhören. Und den jungen Leuten will ich sagen: Fangt gar nicht erst an mit dem Quatsch!

Was bringen Ihnen jetzt die Muckis?

Ich habe mehr Sauerstoff im Gehirn, kann mich viel länger im Studio konzentrieren. Außerdem kommt mit der Fitness das Selbstbewusstsein. Wenn du gerade 60 Kilo gestemmt hast, dann gehst du gleich mit einem Grinsen ins Studio und sagst: Gebt mir mal das Mikro her. Auf der neuen Platte habe ich jedes Gitarrensolo selbst gespielt. Das war zuletzt nicht so. Da fand ich immer, dass das andere besser können. Wahrscheinlich ist das sogar so, aber ich habe das Feeling.

1999, bei einem ganz speziellen Auftritt in Dresden hätte Ihnen dieses Selbstbewusstsein sicher auch gutgetan.

Sie meinen das Open Air auf einem Sportplatz vor 13 Leuten. Das war der absolute Nullpunkt. Meine Karriere war damals am Kippen. Mein damaliger Manager sagte mir vorher: „Da kommen 3 000 Leute. Ich lade ein paar Schallplatten-Bosse ein. Da kannst Du ihnen zeigen, was du drauf hast.“ Ich weiß nicht, was da schiefgelaufen ist. Die Schallplatten–Bosse waren jedenfalls da.

Vom Nullpunkt ging es dann aufwärts.

Heute habe ich so ein sensationelles Publikum in Dresden. Da kriege ich immer schon feuchte Augen, wenn ich auf die Bühne gehe. Ich bin dieses Jahr ja gleich dreimal hier. Zweimal in der Jungen Garde, die jedes Mal ausverkauft ist, und einmal im Stadion.

Am 16. Juni werden Sie mit einem Dutzend anderer Stars bei der langen Nacht des Schlagers im DDV-Stadion dabei sein. Ist das etwas Besonderes für Sie?

Das ist auf jeden Fall etwas ganz anderes, als ein eigenes Konzert. Ich hab 25 Minuten und weiß schon, was ich reinpacke: „Meteor“ und „Himmel voller Geigen“ vom neuen Album, aber natürlich auch meine alten Hits wie „Verdammt, ich lieb dich“.

Gab es schon mal ein Konzert, bei dem Sie auf dieses Lied verzichtet haben?

Da wäre ich ja schön blöd. Es gehört zu mir, und die Leute wollen es. Es erinnert mich immer daran, dass ich auch mal ein Newcomer war. Bei meinem ersten Konzert habe ich vier Mal „Verdammt, ich lieb dich“ gespielt. Weil ich einfach insgesamt nur acht Songs hatte. Ich war ein Teeniestar, und ich glaube, ich war damals ziemlich mies. Jetzt habe ich 30 bis 40 Hits, aber für dieses eine „Verdammt, ich lieb dich“ werde ich immer dankbar sein.

Unvergessen ist aber auch die Parodie „Verdammt, ich hab nix“ für eine große Mietwagenfirma. Bereuen Sie das?

Wieso sollte ich? Ich war damals völlig fertig, und das war gute Promotion für mich. Ein geiler Gag. Manchmal muss man einfach sagen, Scheiß drauf, ich geh da mit einem Lächeln durch. Über sich selbst zu lachen, ist auch eine Art der Verarbeitung.

Warum ging Ihre erste Karriere denn überhaupt den Bach runter?

Weil ich nicht mehr gut war. Ich brauchte bessere Songs und musste besser performen. Ich war wie ein Roboter, der lange nur funktioniert hat. Heute bin ich ein musikliebender 60-Jähriger, der durch alle Schulen des Lebens gegangen ist. Und die Teenies von damals, die mir erst in Massen als Publikum weggebrochen sind, sind heute alle wieder da. Die haben sich wohl gefragt: Was hat mir damals Spaß gemacht? Das war doch der Reim!

Auf dem Cover Ihrer neuen Platte „Meteor“ steht Ihnen Ihr bewegtes
Leben ins Gesicht geschrieben.

Geil oder? Meine Leute haben mich gefragt, ob wir das wegretuschieren wollen. Und da hab ich gesagt, Leute, guckt euch mal die Oberfläche eines Meteors an.

Die letzte Platte hieß „Phoenix“. Jetzt kommt „Meteor“. Fühlen Sie sich also geerdet?

Was macht denn ein Meteor? Entweder verglüht er oder, wenn er aufschlägt, dann glüht die Erde. Und so trifft einen manchmal das Glück, wenn man nicht mehr damit rechnet. Das ist doch eine geile Story. Das Lied könnte auch eine Fortsetzung von „Einsamer Stern“ sein. Christin (die Schlagersängerin Christin Stark, d.R.) und ich waren zwischendurch ja auch mal ein halbes Jahr getrennt. Und als wir dann wieder voreinander standen, hat uns beide der Blitz getroffen. Im April sind wir jetzt fünf Jahre zusammen.

Könnten Sie sich denn vorstellen, noch mal zu heiraten?

(zögert)

Sie zögern.

Ja, ich zögere. (lacht) Das können wir ja einfach mal so stehen lassen. Es wäre blöd, das grundsätzlich auszuschließen.

Das Gespräch führte Henry Berndt.

Für die Schlagernacht des Jahres am 16. Juni von 15.30 Uhr bis 23 Uhr im DDV-Stadion wurden bereits 15 000 Tickets verkauft. Die restlichen gibt’s hier: www.sz-ticketservice.de