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Ein Tresor wie für die Olsenbande

Daniel Erhardt fand in der alten Villa Roch in der Herrmannstraße einen verschlossenen Wandtresor. Die Innenseite erzählt Geschichte und kam deshalb ins Museum.

© Anne Hübschmann

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

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Großenhain. Er war der Franz Jäger von Großenhain: Kunstschlosser Anton Klette von der Klostergasse – später Poststraße 7, der heutigen „Nudeloase“. Seine Geldschrankfabrik bestand seit 1818. Ein goldener Schlüssel über dem Eingang zeigte bis 1995 den Weg, dieses Zunftzeichen wurde 2002 dem Museum übergeben.

Belegschaft der Firma Klette in der Poststraße 7.
Belegschaft der Firma Klette in der Poststraße 7. © Anne Hübschmann
Der Betrieb erhielt viele Auszeichnungen, auch in Paris.
Der Betrieb erhielt viele Auszeichnungen, auch in Paris. © Anne Hübschmann
Hermann Schmieder übernahm die Firma Klette 1941.
Hermann Schmieder übernahm die Firma Klette 1941. © Anne Hübschmann

Nun kommt auch die Innenseite eines Tresors aus der Firma Klette ins Haus am Kirchplatz – ein Stück, an dem die Olsenbande sicher ihre Freude gehabt hätte: „Der verschlossene Wandtresor war in einer Zwischenwand im Erdgeschoss hinter Tapete versteckt“, erzählt Finder Daniel Erhardt. Er hat jene Villa Roch in der Herrmannstraße 26 gekauft und will sie sanieren. Als die 20 Zentimeter dicke Wandverfüllung dabei freigelegt wurde, kam nicht nur der Tresor ans Tageslicht, sondern auch eine alte SZ von 1973. „Den Spuren nach wurde damals schon versucht, den Tresor gewaltsam zu öffnen“, so Daniel Erhardt. Auch er als neuer Besitzer hat keinen Schlüssel – aber einen Bosch-Hammer! Den gab es zu der Zeit, als das Dienstleistungskombinat hier residierte, noch nicht.

Daniel Erhardts Hoffnung, im Tresor noch was zu finden, erfüllte sich zwar nicht. Doch die wertvolle Innenseite der Geldschranktür überraschte den Großenhainer. Sie wiegt etwa 35 Kilo. Erhardt stiftete sie dem Museum Alte Lateinschule. „Meine Ansiedlung in der Stadt hat mir beruflich viel gebracht, deshalb möchte ich gern etwas zurückgeben“, sagt Erhardt, der als Geschäftsführer in Ottendorf-Okrilla arbeitet und bei den Rotariern ist.

Von Klette zu Schmieder

Die Schmucktür mit dem Firmenaufdruck erzählt nicht nur von der Geschichte der Schlosserei/Kunstschmiede/Geldschrankfabrik Anton Klette. Sondern auch von der Nachfolgefirma Schmieder – den Vorfahren von Amtsleiter Matthias Schmieder. Der hat zur Übergabe im Museum Fotos und Belege mitgebracht. Demnach existierte die Firma Klette in drei Generationen von Johann-Heinrich über Anton bis Erich Klette. Es gibt noch Grabkreuze aus Schmiedeeisen gleich rechts neben dem Haupteingang auf dem Friedhof bzw. direkt neben der Kapelle, weiß Schmieder. Anton Klette starb 1919, sein Sohn Erich war ab 1930 erkrankt und hatte offensichtlich keine Nachfolger. So wurde der Betrieb zunächst vom fähigsten Gesellen – Hermann Schmieder, dem Opa von Matthias – gepachtet, 1941 dann gekauft.

Die Geldschränke der Firma Klette waren begehrt und erfolgreich. 1889 gab es dafür sogar auf der Weltausstellung in Paris eine Auszeichnung. Weitere Bilder von Medaillen kann man auf dem Firmenaufdruck der Tresortür erkennen. „Ein preisgekrönter Geldschrank stand auch im Kontor bei meinem Großvater“, weiß Matthias Schmieder. Aber der sei nicht mehr da.

Um die schweren Geldschränke aus dem Hintergebäude des schmalen Hauses in der Poststraße 7 zur Straße zu bringen und auf Wagen zu verladen, befanden sich im Flur Schienen. Auf denen transportierte ein Palettenwagen die Tresore. „Anton Klette war offensichtlich auch sozial eingestellt“, so Matthias Schmieder. Auf dem kleinen Innenhof, der auch als Pausenhof für die Arbeiter diente, befand sich ein Galgen-Kegelspiel, dessen Pflasterung noch bis 2003 existierte. Die Werkstatt Klette hatte vor 1939 ein Dutzend Beschäftigte, nach 1945 waren es etwa sechs, sieben Personen.

Der Egon Olsen von Großenhain

Auch die Leuchter neben dem Altar und an den Wänden der Marienkirche wurden von der Kunstschmiede gefertigt, ebenso die Brückengeländer im Stadtpark sowie die Freitreppe an der Berliner Straße. „Geldschränke der Firma Klette waren in allen Großenhainer Firmen zu finden“, so Schmieder. Bisher hat das Museum allerdings kein vollständiges Exemplar. Die Nachfolgefirma Schmieder hatte ebenfalls drei Generationen: Hermann, Johannes und Hans-Peter Schmieder, Letzterer ist der Bruder des Amtsleiters. Vorn im Laden auf der Poststraße wurden nach dem Krieg Elektrogeräte und Lampen verkauft, die Werkstatt im Hof wurde weggerissen. Johannes Schmieder war in der DDR Innungsmeister der Schlosser im Kreis Großenhain. Er führte auch einen Schlüsseldienst und war damit eine Art Egon Olsen. Mit der Wende hatte Sohn Hans-Peter Schmieder das Geschäft übernommen, er führte es bis 1995.

Im nächsten Jahr wird das Museum eine Ausstellung zum Großenhainer Gewerbe zeigen. Da ist auch die Tresortür dabei.