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Ein widerborstiger Mann Gottes

Jenas Jugendpfarrer Lothar König provoziert und gilt als unbequem. Doch hat er wirklich andere zu Gewalt gegen Polizisten aufgewiegelt? Am heutigen Donnerstag wird ihm in Dresden der Prozess gemacht.

© dpa

Von Andreas Hummel

Dresden/Jena. Wuchernder Rauschebart, Sandalen selbst im Winter und fast immer eine Zigarette im Mund - Jenas Jugendpfarrer Lothar König ist unverkennbar und schon fast eine Ikone des Widerstands gegen Rechts. Auf Protesten gegen Neonazi-Aufmärsche ist er Stammgast und trägt dabei oft eine schwarze Mütze mit Totenkopf. Der vierfache Familienvater eckt an, provoziert und gerät dabei auch in Konflikt mit der Polizei. Auf die Frage nach seinem Antrieb sagt er: «Da rätsel ich selber. Es ist einfach etwas Widerborstiges in mir.»

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Die Staatsanwaltschaft hat ihn angeklagt, weil er beim Protest gegen Neonazis im Februar 2011 in Dresden zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen haben soll. König bestreitet das.

Lieber in Gesellschaft von Außenseitern

Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht ist er gewohnt. Schon als er 15 war, standen Polizei und Stasi daheim vor der Tür, weil er «21. August ‚68 Dubcek» an eine Wand geschrieben hatte. «Ich hatte Dubcek sogar richtig geschrieben», sagt König heute und lacht. Doch Spaß verstand die DDR-Staatsmacht keinen, und die Sympathiebekundung für den Prager Frühling und dessen Leitfigur Alexander Dubcek kostete den Teenager letztlich das Abitur. Er wird Zerspanungsfacharbeiter. «Ich war kein Widerstandskämpfer, aber ich fand einfach nicht richtig, was da mit dem Einmarsch des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei gelaufen ist.»

Mit Niederlagen umzugehen, hat König im Fußball gelernt. Seine Mannschaft «Traktor Leimbach» habe in der Bezirksklasse gespielt. «Da hieß es meistens: Zähne zusammenbeißen und Niederlagen einstecken», erzählt der 59-Jährige. «In besten Zeiten war ich Mittelstürmer. Ich weiß, wie man Tore schießt.» Doch auf der Seite der Gewinner fühlt sich König unwohl, sucht lieber die Gesellschaft von Außenseitern. «Bei den Starken ist mir schon immer langweilig gewesen. Ich bin lieber bei den Schwachen.»

Nachdem man ihn in Merseburg - seiner ersten Pfarrstelle - nicht mehr wollte, baute König ab 1990 die Junge Gemeinde Stadtmitte in Jena wieder auf, die zu einem Anlaufpunkt der alternativen Szene und einer Bastion gegen Rechtsextremismus wurde, der in den 90er-Jahren in der Universitätsstadt grassierte. Dass König dabei selbst Ziel des rechten Hasses wurde, davon zeugt eine Narbe an seinem rechten Auge, die ein Angriff mit einem Schlagring hinterlassen hat.

„Ich bin nur Mittelmaß“

«Lothar König gehörte zu den ersten in Jena, die die Gefahr, die vom Rechtsextremismus ausgeht, klar gesehen und dagegen angekämpft haben», sagt Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD), ebenfalls Theologe und entschiedener Kämpfer gegen Rechts. «Er geht mit seinen Jugendlichen einen weiten Weg, damit sie nicht zu weit gehen.» Denn gerade in Konfliktsituationen sei König stets der Gewaltlosigkeit verpflichtet geblieben und habe deeskalierend eingegriffen, betont Schröter. König reagiere aber oft spontan, lege den Finger in die Wunde und sei daher für viele unbequem.

So galt der eigensinnige Mann Gottes einigen im bürgerlichen Jena lange als Spinner und Nestbeschmutzer. Doch als das rechtsextreme Terrortrio des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds im Herbst 2011 aufflog, zeigte sich, dass er mit seinen Warnungen recht behielt. Damals standen Journalisten aus dem In- und Ausland bei ihm Schlange, um zu ergründen, wie aus den Jenaer Jugendlichen kaltblütige Mörder werden konnten.

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Ist der 59-Jährige letztlich auch ein Extremist? «Nein», sagt König über König. «Ich bin nur Mittelmaß.» Mit Blick auf den Prozess in Dresden hoffe er, dass die Richter erkennen, dass es in diesem Land auch widerborstige Menschen brauche, Grenzgänger, die Widerstand leisten. «Sonst ist diese Demokratie ein hohles Gebilde.» (dpa)