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Ein Zentrum für die neuen Nachbarn

Der Verein Assalam eröffnet sein interkulturelles Zentrum an der Bahnhofstraße in Görlitz. Es soll ein offener Ort sein.

© nikolaischmidt.de

Von Frank Seibel

Görlitz. Der Kaffee kommt aus einer messingglänzenden, orientalisch verzierten Kanne und hat ein feines Kardamon-Aroma. Das Gebäck schmeckt nach Honig, Pistazien und Rosenöl. Frauen mit schönen Kopftüchern haben die Baklava und andere Spezialitäten aus Syrien und weiteren arabischen Ländern gebacken, mehrere Platten voll, die nun auf einem großen Tisch in der Mitte des Raumes liegen. Um ihn scharen sich an diesem Mittwochabend sechzig, siebzig Menschen, die alle eines eint: Sie freuen sich und lassen sich das deutlich anmerken.

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Das muslimische Zentrum befindet sich an der Bahnhofsstraße in Görlitz.
Das muslimische Zentrum befindet sich an der Bahnhofsstraße in Görlitz. © nikolaischmidt.de
Viele Gäste kamen zur Eröffnung am Mittwochabend.
Viele Gäste kamen zur Eröffnung am Mittwochabend. © nikolaischmidt.de

Am meisten freut sich ein kräftiger Mann mit rundem Gesicht, hoher Stirn und dunklem, kurz gestutzen Vollbart. Reda Errafi ist anfangs die Anspannung anzumerken, denn nun steht er als Vorsitzender eines besonderen Vereins und Verantwortlicher für ein besonderes Projekt im Rampenlicht: „Assalam – Interkultureller Verein Görlitz“. Als Elektroingenieur stellt er sich vor, der bei Bombardier arbeitet. Seit vielen Jahren lebt er in Deutschland, ganz lange im Westen, bevor er nach Görlitz kam. Seine Frau, die samt zweijähriger Tochter neben ihm Platz nimmt, ist modern gekleidet, trägt kein Kopftuch.

„Dies ist keine Moschee“, betont Reda Errafi. Von hier aus wird kein Muezzinruf über die Höfe im Gründerzeitquartier schallen, und die meiste Zeit soll der flache Anbau hinter dem großen Wohnhaus an der Bahnhofstraße ganz profan genutzt werden: für Kultur, Sport, Bildung. Deutschkurse zum Beispiel will der Assalam-Verein hier anbieten, aber auch Vorträge über den Islam – ein Ort zum Lernen für Muslime und Nichtmuslime soll das interkulturelle Zentrum sein. Freitags aber werden sich hier viele Männer zum verbindlichen Gebet zur Mittagsstunde treffen.

„Es ist sehr wichtig, viel voneinander zu wissen – über Gemeinsamkeiten, aber auch über Unterschiede“, sagte Bürgermeister Michael Wieler, der zu den Gästen der Eröffnungsfeier zählte. Die Verwaltung habe sich bemüht, die nötigen Genehmigungen für die Nutzung schnell zu bearbeiten. Aber öffentliches Geld ist in dieses Projekt nicht geflossen. Der Architekt plante die Umbauten ehrenamtlich, die Miete bezahlt der Verein über Beiträge und private Spenden, sagte der Vorsitzende Errafi.

In diesem Sinne sprach auch der wichtigste Mentor dieses Projektes, der frühere Görlitzer Kulturamtsleiter Stefan Waldau. Er hatte mit einem Essay in der Sächsischen Zeitung vor einem Jahr den Anstoß zu einer Debatte gegeben, mit dem Ziel, die neu in die Region gekommenen Muslime offen und tolerant in die einheimische Gesellschaft aufzunehmen. Um ihn scharten sich schnell Persönlichkeiten aus dem städtischen Leben, die Reda Errafi und weiteren Zuwanderern halfen, den Verein aufzubauen. Rainer Müller und Joachim Rudolph vom Aktionskreis für Görlitz waren ebenso dabei wie der evangelische Pfarrer Hans-Wilhelm Pietz – sie und weitere Deutsche freuten sich an diesem Abend mit den Muslimen über die Eröffnung des Zentrums.

Im Sinne des Voneinander-Lernens lud Waldau die Muslime ausdrücklich ein, die Region kennenzulernen, in die sie nun gekommen sind; viele von ihnen geflüchtet vor Krieg und Terror in Syrien und anderen Krisengebieten. Ob vielleicht ein Platz für eine kleine Bibliothek im neuen Kulturzentrum wäre? Drei Bücher brachte Stefan Waldau mit, gleichsam als geistige Grundsteine für eine solche Bibliothek. Das erste: Ein Bildband über die Lausitz. Eine Region, die seit Urzeiten von Menschen unterschiedlicher Herkunft und kultureller Prägung besiedelt und geformt worden sei, beschrieb Waldau diesen vielgestaltigen Landstrich mit Bergen, Hügeln, Heide und Teichen. Seit 1 000 Jahren lebten Sorben und Deutsche friedlich beieinander, schon im frühen Mittelalter durch Handel und Heirat in enger Beziehung zueinander. Und seit die Reformation im 16. Jahrhundert die Kirche spaltete, lebten evangelische und katholische Christen friedlich miteinander – sinnlich erfahrbar im Simultan-Dom Sankt Petri in Bautzen. Das zweite Buch ist ein großes Wörterbuch: Deutsch als Fremdsprache. „Ich bin froh, dass ich meine Muttersprache nicht lernen muss“, sagte er augenzwinkernd. „Aber versuchen Sie es, damit Sie verstehen, wie wir denken und empfinden.“ Und als drittes ein religiöses Buch: Gebete von Juden, Christen und Muslimen, die der Glaube an einen Gott eint, den sie unterschiedlich nennen.

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Stefan Waldau erntete viel Applaus von den Muslimen wie auch von den deutschen Gästen. Für die muslimische Gemeinschaft sprach Abu Bakr, der zu den Vorbetern zählt: „Wir als Muslime fühlen uns als zugehörig zu diesem Land. Wir achten Recht und Gesetz.“ Und der erst seit Kurzem in Görlitz lebende Islamwissenschaftler Abdul Nasser berichtete von einem Seminar für Imame kürzlich in Nürnberg, bei dem es vor allem um ein Thema ging: Toleranz.