Merken

Eine Chance für Schamsullah Safi

Junge Asylbewerber möchten ins Berufsleben starten. Auf dem Weg dahin ist nicht immer die Sprache die größte Hürde. Ein Beispiel aus Großpostwitz.

Teilen
Folgen
© Arbeitsagentur/Corina Franke

Von Tilo Berger

Großpostwitz. Seit Mittwoch haben die 23 Mitarbeiter und zwei Lehrlinge der Großpostwitzer Firma Reno Bau einen neuen Kollegen. Schamsullah Safi aus Afghanistan schwingt jetzt für das Bauunternehmen die Maurerkelle – zunächst ein halbes Jahr lang. Geschäftsführer Uwe Nostitz lässt noch offen, wie es danach weitergeht. „Im August setzen wir uns dann zusammen. Je nachdem, wie es bis dahin läuft, geben wir ihm entweder einen Ausbildungsplatz, stellen ihn fest ein oder qualifizieren ihn erst einmal weiter.“ Nostitz kennt den 22-jährigen Flüchtling bereits aus einem sechswöchigen Praktikum bei Reno-Bau. Danach war der Chef „hochzufrieden. Herr Safi ist sehr motiviert, arbeitet gut mit, will viel lernen.“

Vor gut zwei Jahren kam Schamsullah Safi nach Deutschland und lebt seitdem in einer Bautzener Unterkunft für Asylbewerber. Er erzählt das in druckreifen Sätzen, sein Deutsch verrät viel Lernen. Das will er auch weiter – und er will arbeiten. Als die Arbeitsagentur Bautzen im vergangenen Jahr zwei Programme vorbereitete, um junge Flüchtlinge auf dem Weg ins Berufsleben zu begleiten, kam der Afghane mit auf die Kandidatenliste. Nach Gesprächen mit den Ausländerbehörden und den Heimleitungen standen die knapp 30 Teilnehmer fest. Bei einem Termin in der Arbeitsagentur sollten die jungen Leute sagen, was sie schon können – und was sie lernen möchten. Schamsullah Safi sagte, er habe schon mal gemauert, und er würde gern als Maurer arbeiten.

Der Einstieg ist schwer

Ein Anfang – mehr aber auch nicht, sagt Thomas Berndt, der Chef der Bautzener Arbeitsagentur. „Mehr als drei Viertel der geflüchteten Menschen haben keinen Berufsabschluss nach unserem Verständnis. Für sie ist es sehr schwer, den Einstieg in Ausbildung und Arbeit zu finden.“ Um ihnen den zu erleichtern, fand die Agentur drei Bildungsträger in Bautzen und Hoyerswerda. Bei ihnen konnten die fast 30 Teilnehmer seit August 2016 sechs Monate lang in verschiedene Berufsfelder hineinschnuppern, sich in einer Werkstatt ausprobieren, erste Handgriffe und Fertigkeiten testen, ihr Deutsch verbessern. Und auch lernen, warum eine Ausbildung in Deutschland in der Regel drei Jahre dauert und es eben nicht reicht, eine bestimmte Arbeit in der Vergangenheit mal getan zu haben. „Ich habe das doch schon mal zwei Wochen gemacht“ – ein Satz, den Simone Vogt nicht nur einmal hörte. Sie ist Projektkoordinatorin bei der Bautzener Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft Inab. Hier übten sich während der vergangen sechs Monate junge Flüchtlinge in Berufsfeldern wie Handel, Gastronomie, Hauswirtschaft und Metallverarbeitung, reparierten Fahrräder und kochten. „Dabei ist schon ein kleines Rezeptbuch entstanden“, berichtet Simone Vogt.

Ein richtiger Glücksfall

184 Asylbewerber arbeiten in der Oberlausitz

Bei der Arbeitsagentur Bautzen sind insgesamt 34800 Menschen als arbeitsuchend gemeldet, 980 von ihnen sind Asylbewerber.

Im vergangenen Jahr unterstützte die Agentur 17900 Personen in der Oberlausitz mit Leistungen zur beruflichen Eingliederung oder Weiterbildung – darunter 590 Asylbewerber. Außerdem organisierte die Agentur Sprachkurse für 1400 Flüchtlinge.

Im Juni 2016 – aktuellere Zahlen gibt es nicht – gingen in den Landkreisen Bautzen und Görlitz 184 Asylbewerber aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan oder Somalia einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach. Das waren 114 mehr als im Juni 2015.

Von diesen 184 Personen arbeiten die meisten (79) in Dienstleistungstätigkeiten, gefolgt vom Gastgewerbe (31) und Gesundheits- und Sozialwesen (27).

Quelle: Arbeitsagentur Bautzen

1 / 4

„Die jungen Leute sind sehr lernwillig und motiviert – so lange sie einen Sinn in der Sache sehen“, bestätigt Kerstin Ganz vom Berufsförderungswerk Bau in Bautzen. Hier übten sich elf Flüchtlinge im Hochbau, Malern, Tischlern, Fliesenlegen und anderen Tätigkeiten. Am Ende stand ein sechswöchiges Praktikum, für das Kerstin Ganz sieben Firmen im Raum Bautzen/Löbau gewinnen konnte. So kam Schamsullah Safi zur Reno Bau. Deren Geschäftsführer Uwe Nostitz hatte sein Unternehmen selbst ins Spiel gebracht. „Es wird immer schwieriger, in der Region geeignete Bewerber zu finden“, erklärt Nostitz. „Da ist jemand wie Herr Safi ein richtiger Glücksfall.“

Während die meisten der ersten Berufs-Schnupper-Runde jetzt – wie Schamsullah Safi – eine Einstiegsqualifizierung starten, hat die Arbeitsagentur zusammen mit Bildungsträgern die zweite Staffel gestartet. Wenn die nach sechs Monaten endet, sind einige Teilnehmer der ersten Runde vielleicht schon im Berufsleben angekommen.