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Eine einzigartige Bühne

© Mandy Fürst

Das Jubiläumskonzert des Liederfestes „Hoyschrecke“ in Hoyerswerda wurde zum Meisterkonzert – und es gab Lob auf Lob.

Von Mandy Fürst

Eigentlich hätte ich ja heute lieber keinen Preis vergeben“, sagte Uwe Proksch. Der Chef der Kulturfabrik Hoyerswerda stand auf der Bühne des Ballsaales im Hoyerswerdaer Bürgerzentrum und hielt jetzt die goldene „Hoyschrecke“ in der Hand – Preis und Symbol des Hoyerswerdaer Liederfestes. Und weil dieses Liederfest in diesem Jahr zum 20. Mal stattfand, hatten die Macher ein Meisterkonzert ausgerufen. Sie hatten die 18 Gewinner der Jury- und der Zuschauerwertungen der letzten neun Jahre eingeladen. Zehn sagten ihr Kommen zu und standen nun auf der Bühne. Und weil diese zehn schon einmal gewonnen haben, entschied dieses Mal keine Jury, wer der Beste vom Fach sei. Allein das Publikum tat kund, wen es am liebsten mochte. Und weil die Musik der zehn Gewinner in ihrer Art kaum unterschiedlicher und vom künstlerischen Niveau kaum gleichwertiger hätte sein können, darum hätte Uwe Proksch an diesem denkwürdigen Konzertabend eben lieber keinen Preis vergeben. Aber ein 20. Hoyschrecken-Fest ohne Hoyschrecke, das ging dann irgendwie auch nicht.

Heike Mildner aus Berkenbrück in Brandenburg überzeugte in der Nacht zum Samstag das Publikum und holte die Hoyschrecke 2016. © Mandy Fürst

Und so hatten die Zuhörer mit dem Ausfüllen der fliederfarbenen Wertungszettel einen fast unmöglichen Job zu erfüllen. Sie mussten die Besten der Besten und ihre jeweils drei Beiträge in eine Rang-Folge bringen. Einzige Bedingung: Wer seine Meinung abgibt, sollt wirklich alle Vorträge gesehen haben. Mancher fühlte sich der Aufgabe nicht gewachsen und behält seinen Stimmzettel bei sich. „Gestern war es eindeutiger“, ist in vielen Gesprächen zu hören. Beim Wettbewerb der acht Bewerber um die „Hoyschrecke 2016“ am Abend zuvor hatte Heike Mildner aus Berkenbrück das Publikum von sich überzeugt. Mit ihrem Lied „Landschaft“ gab sie dann auch dem Preisträgerkonzert einen besinnlichen Auftakt. Gegen ein Uhr nachts – fünf Stunden nach Heike Milders Prolog – stand schließlich auch der Sieger des Meisterkonzertes fest.

Mit Gundi an der Theke gesessen

Bastian Bandt, ein Mann der ersten „Hoyschrecken“-Stunde, konnte bereits die vierte der grazilen sechsbeinigen Trophäen mit nach Hause nehmen. Bei der Premiere des damals noch als reines Liedermachertreffen ausgetragenen Wettbewerbs hatte er unter seinem bürgerlichem Namen Sebastian G. Birr mit seinem Song „Plastikherz“ schon einmal das Publikum erobert. Der Liedtext ist sogar der erste, an den die extra zum Fest herausgegebene Zeitschrift erinnert. Hoyerswerda sei für Liedermacher eine einzigartige Bühne, sagte Bastian. Mit Ernsthaftigkeit und Wärme sei man hier auf der Suche nach dem einen Lied, das aus einer Musik kommen darf, die sich nicht anpasst und das erzählen darf, ohne dabei gefallen zu müssen. Hier werde genau die Musik honoriert, die ihm so dringlich ist, dass er sie erzählen müsse. Manchmal sich selbst und manchmal dem Publikum. Dass es dieses Publikum in Hoyerswerda gibt, genau dort, wo er 1997 mit Gundi bei einem Tee an der Theke gesessen und gemeinsame Konzerte geplant hatte, zu denen es dann nicht mehr kam, genau das mache den Ort zu einem „Kleinod“ in der Liedermacherszene.

„Ohne euch wären wir ein Scheiß“, sagte der Hoyschrecken-Gewinner von 2012 und Zweitplatzierte des Meisterkonzertes Hisztory, als er dem Kufa-Team im Namen des ganzen Teilnehmerfeldes zum Dank für das nachhaltige Festhalten an dem Format eine saftig-grüne Weihnachtskiefer überreichte. Und ein ausdrücklicher Dank aller Beteiligten ging auch an Ton- und Lichtkünstler Maik „Pille“ Pillokat. Er hat die Künstler in zwanzig Jahren nur ein einziges Mal fast aus den Augen und Ohren gelassen. Das war vor zwei Jahren, als ihm beim Mittagessen ein Broilerknochen im Halse steckengeblieben war und er 14 Uhr im Krankenhaus das Hähnchen aus der Speiseröhre ziehen ließ, um 16 Uhr wieder an seinen Pulten stehen zu können. Zum Auftakt 1997, da hatte Gundi selbst noch die Stühle der Zuschauerreihen zurechtgerückt, erinnerte sich Pille an den einzigen Wettbewerb, den der Vater der Hoyerswerdaer Liedermacherszene Gerhard Gundermann noch selbst erleben durfte. Wie Gundi damals hätten die Leute heute auf unwahrscheinlich hohem künstlerischen Niveau auch inhaltlich wieder was zu sagen, resümiert der Techniker den langen Abend.

Viele gute Beiträge

Ihr sei ja rational völlig klar gewesen, dass sie heute zehn Preisträger hören wird, stellte Moderatorin Petra Schwarz am Ende des Abends fest. Was sie dann aber geballt auf einer Bühne erlebt habe, mache sie trotz ihrer langjährigen Erfahrung so sprachlos, wie es ihr selten widerfahre. Auch wenn es ihrem Favoriten knapp hinter dem unterhaltsamen Entertainer „Weiherer“ aus München nur zu Platz 4 gereicht hat, konnte Schwarz, wie sicher die meisten der ambitionierten Wertungsrichter, gut mit dem Ergebnis leben. Weil alle wussten, dass an diesem Abend zehn Bands und Liedermacher eine Hoyschrecke verdient hätten. Und aus diesem Grund lieber keinen Preis vergeben hätten. Aber die 20. Hoyschrecke ohne Hoyschrecke – das ging ja nun wirklich nicht.