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Eine Frau beherrscht die Drogenszene

Ein Kripo-Beamter schildert vor Gericht, was er erlebt hat. Menschen werden wie Sklaven gehalten.

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© dpa

Von Tina Soltysiak

Chemnitz/Döbeln. Im Prozess gegen einen 26-jährigen Döbelner, der in sechs Fällen Menschen gefoltert haben soll, ist am Mittwoch vor dem Landgericht Chemnitz, ein detailliertes Bild von der Döbelner Drogenszene gezeichnet worden. Die Zeugenbefragung eines Kripobeamten, der seit etwa zwei Jahren in der Döbelner Drogenszene ermittelt, offenbarte, wie weit verzweigt die Strukturen sind – und welche Beziehungen es zwischen dem in Chemnitz angeklagten Marius* und den Zeugen gibt. Gegen diese laufen größtenteils ebenfalls Verfahren, einige sitzen aktuell in verschiedenen Untersuchungshaftanstalten. Das Urteil gegen Marius* fällt am Montag.

Zur allgemeinen Situation sagte der Beamte: „Im Lauf meiner Ermittlungen hat sich gezeigt, dass sich Strukturen herausgebildet haben. Innerhalb dieser Gruppierungen disziplinieren und sanktionieren sich die Leute gegenseitig.“ Das wird auch im laufenden Prozess am Landgericht deutlich. Alle gehörten Zeugen sprachen ein Hello-Kitty-Heft an. Ein Zeuge, der selbst misshandelt wurde, nannte es „das Strafbuch“.

Der einheitliche Tenor: Die Süchtigen mussten, wohl auf Geheiß einer stadtbekannten Drogendealerin, hineinschreiben, welche Fehler sie gemacht haben, was sie zukünftig unterlassen sollen, wie sie ihr Wesen verändern müssen. Kopien einzelner Seiten dienen als Beweismittel. Mit einer Unterschrift mussten die Opfer das Geschriebene unterzeichnen. Wurde dagegen verstoßen, gab es Sanktionen. Diese reichten vom demütigendem Tanzen in Unterhosen oder Verkleidungen über Kloputzen mit einer Zahnbürste bis hin zu Handgreiflichkeiten und Misshandlungen.

Eine zentrale Rolle solle ebendiese stadtbekannte Drogendealerin spielen. Den Geschädigten, der besagtes Buch „das Strafbuch“ nannte, soll sie wie eine Art Sklaven gehalten haben. Er wohnte eine Zeit lang bei ihr, musste Putzen, Wege für die Frau erledigen. Er sei ihr regelrecht hörig gewesen sein. Für seine Dienste bekam er die Droge Crystal.

Das Rauschgift besorgte die Dealerin in großem Stil. Der Kripobeamte schilderte: „Die Abhängigen legten zusammen. Die Frau fuhr einmal pro Woche nach Tschechien, besorgte bis zu 300 Gramm.“ Das Crystal sei dann unter den Geldgebern aufgeteilt worden. Die Frau verkaufte die Drogen weiter. Wer „Stoff“ brauchte, wendete sich in der Regel an sie. Es habe sogenannte „Geschäftsbereiche gegeben: Döbeln, Waldheim, Rochlitz, Mittweida. „Es gibt Leute, die die Drogen verkauft, konsumiert oder Geschäfte vermittelt haben“, erläuterte er. Den Angeklagten Marius schätzt er als Verkäufer und Konsument ein.

Die Dealerin ist vor einiger Zeit mit 30 Gramm Crystal von der Polizei erwischt und festgenommen worden. „Wir haben ihr Handy ausgewertet und daraufhin weitere Ermittlungen im Raum Döbeln eingeleitet.“ Der Kripobeamte sieht in der Stadt zwei große Probleme: „Es gab vor den ganzen Vorfällen niemand, der sich mit den gewachsenen Strukturen beschäftigt hatte.“ Die ganze Dimension sei so einfach nicht absehbar gewesen. Zudem sei es schwierig, Leute zu finden, die „auspacken“.

„Zu 99 Prozent sind die Zeugen, die wir geladen haben, weil wir Zusammenhänge vermutet oder ermittelt haben, nicht erschienen“, sagte der Beamte, der auf Rauschgiftdelikte spezialisiert ist. So habe er beispielsweise versucht, Videos zu bekommen, die unter anderem beim Kloputzen mit der Zahnbürste entstanden sein sollen. „Es ist mir bis heute leider nicht gelungen.“

Im Zuge seiner Ermittlungen, die gegen die Dealerin, aber auch gegen Marius gelaufen sind, habe sich das Ausmaß der Zusammenhänge zwischen den Angeklagten und Geschädigten offenbart.

Der Beamte beschrieb einen Konkurrenzkampf zwischen „verfeindeten“ Drogenbanden. „Es gab eine Messerstecherei“, sagte er. Allein daraus seien etwa 40 Ermittlungsverfahren entstanden sowie mehrere Hausdurchsuchungen (DA berichtete). Als das Handy der Dealerin ausgewertet worden war, seien zahlreiche Kontaktpersonen und „Kunden“ ermittelt worden. Auch gegen die wurde zum Teil Strafanzeige gestellt. Der Kripobeamte spricht von etwa 150.

Seit mehreren Jahren steigt die Zahl der Rauschgiftdelikte im Landkreis Mittelsachsen an. In 198 Fällen musste sich die Polizei 2015 im Altkreis Döbeln mit Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz beschäftigen, 50 Fälle mehr, als im Jahr 2014. Bei der überwiegenden Mehrheit war laut Döbelns Revierleiter Andree Wagner die Droge Crystal im Spiel. Aktuelle Daten für das vergangene Jahr liegen noch nicht vor. Die Kriminalstatistik für 2016 veröffentlich die Polizeidirektion Chemnitz erst im Frühjahr. Doch ohnehin erfassen die Zahlen nicht alle Fälle. Wie Wagner im Rahmen der Veranstaltung „Teufelsdroge Crystal“ im September 2016 sagte, liege die Dunkelziffer viel höher. Immer häufiger werden auch Jugendliche erwischt, die unter Drogeneinfluss straffällig werden. Der Anteil stieg von 3,1 Prozent 2014 auf 8,2 Prozent bis Herbst 2016. Um ihren Konsum finanzieren zu können, werden viele Süchtigen kriminell. Sie klauen in Supermärkten, aber auch Buntmetall und Fahrräder stehen hoch im Kurs. Die Zweiräder sind für die Abhängigen oft noch das einzige Mittel der Fortbewegung. Viele sind bereits beim Fahren unter Drogeneinfluss erwischt worden.

*Namen von der Redaktion geändert