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Eine Frau entert den Fischladen

Mit viel Liebe, Kunst, Trödel und Nippes hat Sylvia Gleißner den alten Laden wieder zum Leben erweckt.

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Von Mario Heinke

Es ist frisch. Dicke, hellgrüne Fliesen untermauern die Kälte optisch. Sylvia Gleißner legt zwei Holzscheite nach. Der Ofen böllert. Langsam, aber stetig breitet sich die Wärme im ehemaligen Fischladen in der Inneren Weberstraße 44 aus. „Wolle“ - unübersehbar eine Promenadenmischung – schleicht gelangweilt um das geblümte Kastensofa aus den 1970er Jahren. Sein Name ist Programm, zumindest was das Fell betrifft. Der Weihnachtsbaum schwingt in der Luft, wenn „Wolle“ ihn passiert. Umfallen kann der Baum nicht, denn er hängt an der Decke. Außer Christbaumkugel und Leuchtkerzen zieren eine Handtasche, Schuhe und Socken das Nadelgehölz. Im Dezember ist die freischaffende Ökologie- und Umweltschutzingenieurin hier eingezogen und hat ihr Geschäft für Kunst und Kunsthandwerk aus der Region, Trödel sowie alternative Second-Hand-Mode für junge Leute eröffnet. Die Umweltingenieurin nennt ihren Laden nachhaltig. Während andere noch darüber nachdenken, was „nachhaltig“ bedeutet, handelt sie. Alte Dinge weiter nutzen statt wegwerfen, mit Neuem kombinieren, individuell angefertigte statt Massenware, wenn möglich aus Naturmaterial – so lässt sich das Geschäftsmodell mit wenigen Schlagworten beschreiben. Außerdem bietet sie Gemälde, Zeichnungen und Fotografien junger, regionaler Künstler an.

Der Fischladen bietet eine morbide Kulisse für den „Gemischtwarenladen“, wie sie besser nicht sein könnte, findet Sylvia Gleißner. Der Berliner Architekt Benjamin Pfefferkorn hat das markante Eckhaus gekauft und nur soweit hergerichtet, dass der Verfall erst einmal gestoppt ist. So blieb das Flair des alten Ladens mit seiner ursprünglichen, in die Jahre gekommenen Ausstattung erhalten. Die groben Fliesen, das Karpfenbecken am Schaufenster und volkseigene Werbeschilder aus DDR-Zeiten erzählen von der langen Geschichte des Fischhauses. Bei einer klassischen Sanierung, die vermutlich den ohnehin hohen Leerstand von Gewerbeimmobilien auf der einst pulsierenden Geschäftsstraße gesteigert hätte, wäre das alles unwiederbringlich verloren gegangen.Sylvia Gleißner ist deshalb zufrieden, trotz Ofen , alter Schaufenster und klappriger Eingangstür. Sie hat nicht nur einen Faible für alte Sachen, sondern auch für individuelle Raumgestaltung. Aus alten Türen fertigte sie eine Umkleidekabine, barocke Bilderrahmen dekoriert sie mit Damenschuhen und ein altes Fenster hängt im Raum, so als gehöre es dahin. Fische gibt es auch wieder, allerdings sind die geruchlos und aus Lärchenholz von Nils Noack in 80 Stunden Handarbeit geschnitzt. Die beiden Haie sind das teuerste Objekt im Raum. Verhandlungsbasis 485 Euro. Der Trödel sei hingegen sehr günstig, sagt die 33-Jährige und lacht. Sie hat den Vorteil, dass sie nicht von den im Laden erzielten Erträgen leben muss. Das Geschäft ist ein Nebenjob und biete ihr Abwechslung zur Computerarbeit. Was sie zur Arbeit braucht, ist im Notebook gespeichert, das liegt im Nebenraum. Die im thüringischen Eichsfeld geborene Frau berät Firmen in Sachen Ökologie und Umweltschutz und bereitet deren Umwelt-Zertifizierung vor. In der Freizeit engagiert sie sich außerdem im Zittauer Freiraumverein, der das Wächterhaus nur wenige Meter weiter oben, in der Inneren Weberstraße, betreibt.