Merken

Eine ganz normale Familie

Jeaninne Wahrendorff hat es in der Jugend nicht leicht gehabt, war auch im Kinderheim. Sie hat sich selbst aus dem Sumpf gezogen.

Teilen
Folgen
© Claudia Hübschmann

Von Jürgen Müller

Meißen. Napoleon und Simon sind dicke Freunde. Der sechs Jahre alte Kater und der neun Monate alte Säugling schmusen miteinander. Jaeninne Wahrendorff schaut zufrieden zu. Die Welt ist für sie und ihre kleine Familie in Ordnung. Das war nicht immer so. Die 19-Jährige, die aus Oranienburg stammt, hat ein intaktes Familienleben nie richtig kennengelernt. An ihren leiblichen Vater hat sie keine Erinnerungen. Als sie vier Jahre alt war, verließ er die kleine Familie. Und auch das Verhältnis zu ihrer Mutter war getrübt. Sie trank, war spielsüchtig. Jeannine, die noch zwei Schwestern hat, war oft allein zu Haus. „Irgendwie wurde ich damit schon auf die Selbstständigkeit vorbereitet“, sagt sie fast ein bisschen sarkastisch.

Eine Ohrfeige ändert alles

Mit 15 ist sie oft auf sich allein gestellt, muss selbst kochen, den Haushalt schmeißen. Irgendwann hält sie das Alleinsein nicht mehr aus, haut ab, geht zu ihrem Freund. Die Mutter gibt eine Vermisstenanzeige auf. Nachts halb Zwölf steht die Polizei vor der Tür. Jeaninne muss mit aufs Revier, „Und das, obwohl ich am nächsten Tag in die Schule musste“, sagt sie. Sie kommt wieder nach Hause, das für sie kein Zuhause ist – zu ihrer Mutter. Es gibt Streit in dieser Nacht, der mit einer Ohrfeige der Mutter endet. Jetzt ist für die 15-Jährige eine rote Linie überschritten. Sie geht zum Jugendamt, kommt in ein Heim. Sechs Wochen ist sie in Coswig, hält die Trennung von ihrem Freund nicht aus, obwohl der sie im Gegensatz zu ihrer Mutter an jedem Wochenende besucht. „Er war mein einziger Halt in dieser Zeit“, sagt sie.

Eine Psychologin stellt fest, dass es für die junge Frau nicht zumutbar ist, weiter bei der Mutter zu wohnen. Also kommt Jeaninne ins Betreute Wohnen. Seit Mai vorigen Jahres hat sie mit ihrem Freund eine Wohnung in Meißen. Dann wird sie unerwartet und ungeplant schwanger. Simon wird geboren, und bald ist die Wohnung zu klein. Seit Oktober dieses Jahres hat die kleine Familie nun eine Vier-Raum-Wohnung am Dieraer Weg in Meißen. Umziehen ist Jeaninne Wahrendorff gewöhnt. 13 Mal in ihrem Leben musste sie es tun.

So geht die Hilfe

Heute startet Lichtblick die 20.Spendenaktion. Im Dezember 1996 bat Lichtblick erstmals um Spenden für Menschen in Ostsachsen, die unschuldig in Not geraten sind. Lichtblick unterstützt auch Einrichtungen, die Flüchtlingen helfen. Wenn Sie speziell dafür spenden wollen, vermerken Sie beim Verwendungszweck das Stichwort „Asyl“.

Kontakt: Hilfesuchende wenden sich bitte an Sozialverbände, Sozialämter und gemeinnützige Vereine, mit denen Lichtblick zusammenarbeitet.

Erreichbar ist Lichtblick Montag bis Donnerstag 9 bis 16 Uhr, Telefon 0351/4864 2846, Fax - 9661, E-Mail: [email protected], Anschrift: Sächsische Zeitung, Stiftung Lichtblick, 01055 Dresden, Website: www.lichtblick-sachsen.de

Bankverbindung

Ostsächsische Sparkasse Dresden, IBAN: DE88 8505 0300 3120 0017 74, BIC: OSDDDE81

1 / 3

Jetzt scheint sie endlich angekommen. Die kleine Familie ist glücklich, auch wenn das Geld kaum reicht. Ihr Freund hat Arbeit, verdient aber gerade so viel, dass die Familie keinen Anspruch auf Sozialleistungen hat. „Wir kommen schon über die Runden mit Elterngeld und Kindergeld, versuchen zu sparen. Aber einfach mal 500 Euro ausgeben für Elektrogeräte, das geht einfach nicht“, sagt die 19-Jährige. Deshalb hat die Aktion Lichtblick geholfen, eine Waschmaschine und einen Kühlschrank spendiert.

Die Schwester als Vorbild

Jeaninne Wahrendorff ist dankbar dafür, will aber nicht auf Dauer auf Kosten anderer leben. Sie möchte einen Berufsabschluss machen und selbst Geld verdienen. Die junge Frau, die die Realschule mit einem Abschluss von 2,7 verließ, hatte eine Ausbildung als Bäckereifachverkäuferin begonnen. Dann stellte sich heraus, dass sie eine Haselnussallergie hatte. Krankheit und Fehlzeiten waren die Folge. Die Dresdner Bäckerei habe ihr die Kündigung angedroht, sagt sie. Da ist sie von sich aus gegangen. Nach der Elternzeit, die im März nächsten Jahres endet, möchte sie eine neue Ausbildung anfangen. Was das sein wird, weiß sie noch nicht. „Ich bin da nicht wählerisch, nehme alles, was mir angeboten wird“, sagt die 19-Jährige. Später will sie arbeiten gehen. „Ich weiß natürlich, dass es schwer wird, als Mutter eines kleinen Kindes eine Arbeit zu finden“, sagt sie. Vorbild ist ihre ältere Schwester. „Ich bewundere sie, möchte schaffen, was auch sie geschafft hat“, sagt sie. Die Schwester hat eine Ausbildung als Restaurant-Fachfrau, macht jetzt eine zweite als Erzieherin. Nebenher arbeitet sie im Betreuten Wohnen.

Früher hat Jeaninne manchmal auch Alkohol getrunken. Um ihrer Situation zu entfliehen, aber auch, weil sie hoffte, damit Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu bekommen. Doch geholfen hat das nicht. Nicht nur deshalb lässt sie vom Alkohol die Finger, illegale Drogen hat sie noch nie genommen, versichert sie. „Ich bin gewarnt, möchte nicht als Alkoholiker enden“, sagt sie. Jeaninne Wahrendorff hat viel Hilfe erhalten, aber ihre Chancen auch genutzt, sich letztlich selbst aus dem Sumpf gezogen, in den sie geraten war. Das soll so bleiben. Sie möchte eine gute Mutter sein, ihr eigenes Geld verdienen, glücklich werden mit ihrer kleinen Familie. Und hat einen großen Wunsch: „Vielleicht können wir ja irgendwann mal gemeinsam in den Urlaub fahren“, sagt sie, während Simon Kater Napoleon anhimmelt. Eben eine ganz normale Familie. Jeaninne ist glücklich und zufrieden. Denn dieses Gefühl kannte sie viele Jahre nicht.