merken

Eine große Stunde für Böhme

Seit dem Wochenende ist eine Ausstellung in Dresden zu sehen. Sie soll in wenigen Jahren in Görlitz den Philosophen würdigen.

© Matthias Rietschel

Von Sebastian Beutler

Die Drittelstunde – der SZ-Podcast

Aktuelle Themen sowie Tipps und Tricks für den Alltag: Fabian Deicke stellt Experten verschiedener Gebiete die Fragen der SZ-Community.

Dresden/Görlitz. Es ist höchste Zeit.“ Als Thomas Regehly das am Freitagabend zu fast mitternächtlicher Stunde im Großen Schlosshof in Dresden sagt, steht der Vorsitzende der Jakob-Böhme-Gesellschaft aus Offenbach noch ganz unter dem Eindruck der Eröffnung der Ausstellung „Alles in allem – Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme.“ Die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden haben zum Auftakt der Schau eine große Stunde für Böhme zelebriert. Das La Folia Barockorchester spielte Musik aus der Zeit Böhmes, aus dessen Buch „Aurora“ wurde rezitiert und schließlich interpretierten zwei Tänzer des Semperoper Balletts zu später Stunde Böhmes Werk.

Da sind die meisten der über 500 Gäste schon einmal auf den Hausmannsturm, den höchsten der Schlosstürme gestiegen, haben das auf den gegenüberliegenden Elbwiesen stattfindende Konzert von Silbermond wie auch den Blick auf Dresdens Dachlandschaft bewundert, um schließlich in die Schlosskapelle hinabzusteigen und die Ausstellung zu sehen, die seit 2013 vorbereitet worden war. An diesem Abend ist Moderne und Tradition, Kunst und Philosophie, Görlitz und Dresden ganz nah im Schloss. Schließlich weilte Böhme wenige Monate vor seinem Tod in Dresden und stieß auf freundliche Aufnahme. 400 Jahre später scheint er nun das geisteswissenschaftliche Dresden erobern zu wollen. Die Kunstsammlungen haben dafür auch alles getan: Sie zeigen erstmals eine Ausstellung in der erst 2013 fertiggestellten Schlosskapelle, sie eröffnen sie mit einem großen Abend im Schlosshof und sie reichen den anderen Städten im Freistaat die Hand. Eines der Kernziele, so sagt Generaldirektorin Marion Ackermann, sei es, das Engagement ihres Hauses für den gesamten Freistaat Sachsen zu fördern.

Auch Regehly hat wie die meisten das Programm des Abends absolviert, als er sein Fazit über die Böhme-Renaissance im Reformationsjubiläumsjahr formuliert. Das hatte zur Eröffnung auch schon die Sprecherin des dreiköpfigen Kuratorenteams, Claudia Brink, angemerkt. „Aus heutiger Perspektive scheinen vor allem Böhmes Eintreten für ein friedliches Nebeneinander der Religionen, seine Verurteilung von Krieg und Gewalt überraschend aktuell.“ Für Regehly ist Böhme im Vergleich zu Luther eben auch der humanere Denker, der nicht gegen die Juden und die Türken wetterte und sich für eine Reformation der Reformation einsetzte. Regehly trifft an diesem Abend auch wieder auf Cecilia Muratori. Sie lehrt an der Universität Warwick und hat mit Claudia Brink von den Dresdner Kunstsammlungen und Lucinda Martin von der Universität Erfurt das Ausstellungskonzept entwickelt. Cecilia Muratori übersetzte zuerst die „Aurora“ Böhmes ins Italienische und wurde 2013 mit dem erstmalig verliehenen Preis der Böhme-Gesellschaft in Görlitz ausgezeichnet. Für den Chef der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften, Matthias Wenzel, schließt sich damit auch ein Kreis. Er ist genauso für diesen Abend nach Dresden gereist, wie der Görlitzer Bürgermeister Michael Wieler, Museumsdirektor Jasper von Richthofen, Pfarrer Hans-Wilhelm Pietz und viele andere Görlitzer, darunter auch Bundestagsabgeordneter Michael Kretschmer, auf dessen Initiative die Böhme-Ausstellung überhaupt erst zustande kam. Wenzel aber freut sich an diesem Abend nicht nur, dass wichtige Schriften aus seiner Bibliothek in der Ausstellung neben Leihgaben aus renommierten Bibliotheken und Museen Europas gezeigt werden, sondern eben auch darüber, dass Böhme wieder stärker wahrgenommen wird. Zwar war der Schuster und Philosoph in Görlitz nie ganz vergessen worden, aber spätestens mit der Sanierung des Stadtmuseums verschwand eine Ausstellung über Böhme aus Görlitz.

Dass es nun zu einer breiten Böhme-Wiederentdeckung kommt, liegt an zwei Dingen. Zum einen interessieren sich nicht mehr nur Theologen für Böhme, sondern Philosophen und Literaturwissenschaftler. Lucinda Martin sagt: „Die hiesige Forschung hat entdeckt, dass sie einen Philosophen von Weltrang vor der Nase hat.“ Zum anderen sind nach dem politischen Umbruch von 1989 alle wichtigen Sammlungen erreichbar: in Amsterdam, in Wolfenbüttel, Görlitz und Breslau. So kooperiert die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften seit einigen Jahren mit der Bibliotheca Philosophia Hermetica in Amsterdam, die 1957 gegründet wurde. Sie geht auf Joost R. Ritman zurück, einem Unternehmer und Sammler von Handschriften von religiöser Offenbarungsliteratur. Der 76-jährige Ritman ist auch an diesem Freitag in Dresden. Vor zehn Jahren hatte er in Amsterdam die Ausstellung „Jakob Böhmes Weg in die Welt“ initiiert. Nun wird die Dresdner Böhme-Ausstellung im kommenden Jahr in Amsterdam gezeigt, wenn seine Bibliothek im kunstgeschichtlich berühmten „Haus mit den Köpfen“ an der Keizersgracht eröffnet wird. Es ist die erste Station der Schau, die anschließend auch noch in Coventry und in Wroclaw gezeigt wird, bevor sie schließlich 2020 oder 2021 in abgewandelter Form in der Dreifaltigkeitskirche ihre dauerhafte Heimstatt finden soll – in einem neu geschaffenen Jakob-Böhme-Welterbezentrum.

Bis dahin tourt mit der Schau auch Werbematerial von Görlitz durch Europa. Schon im Vorraum der Ausstellung in der Dresdner Schlosskapelle laden Fotoimpressionen von Böhme-Orten wie der Peterskirche, seinem Wohnhaus oder der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften die Besucher nach Görlitz und Zgorzelec ein. Die Europastadt Görlitz/Zgorzelec hat dafür die Initiative ergriffen. Im Internet ist nun auch eine Spezialseite „Auf den Spuren von Jacob Böhme“ freigeschaltet, zudem ein Flyer produziert worden. Diese zeigen nicht nur Orte, die sein Leben prägten, sondern auch Einrichtungen, in denen man heute noch seine Werke lesen kann. „Unser Ziel ist es, damit die Böhme-Fans direkt anzusprechen, die inspirierende Atmosphäre von Görlitz kennenzulernen und hier Böhmes Spuren nachzuforschen“, erklärt Andrea Behr, Geschäftsführerin der Europastadt Görlitz/Zgorzelec GmbH. Damit knüpft Görlitz nicht zuletzt an die Bemühungen in der Vergangenheit an, als sich die Stadt als Mittelpunkt der europäischen und außereuropäischen Forschung bezeichnete. So sollten mitten im Zweiten Weltkrieg sogar eine Jakob-Böhme-Forschungsstelle eingerichtet, das Jakob-Böhme-Haus am Ostufer der Neiße für die Stadt erworben und eine Jakob-Böhme-Bibliothek aufgebaut werden. Letztlich zerschlugen sich all diese Pläne. Und doch blieb Böhme präsent. Mittlerweile, so erzählt Regehly würden sich viele Initiativen um den Görlitzer Philosophen drehen, existierten gar Lesekreise. Es sei wie eine Graswurzelbewegung, der noch das Zentrum in Görlitz fehlt. Das aber kann die Dauerausstellung in der Dreifaltigkeitskirche werden. „Böhme braucht eine bleibende Stätte in Görlitz“, sagt Regehly.

Bis es soweit ist, können die Besucher der Ausstellung in dicken Katalogen und Aufsatzbänden lesen. Oder in einem Buch, das Joost R. Ritman am Ausgang verteilen ließ. Es war seinerzeit zur Ausstellung in Amsterdam vor zehn Jahren erschienen. „Was man im Leben geschenkt bekommen hat, soll man teilen und weiterteilen“. Der Auslöser für seine Initiative, eine Bibliothek in Amsterdam zu gründen, war ein Geschenk: seine Mutter überreichte ihm 1964 einige niederländische Böhme-Drucke aus dem 17. Jahrhundert.

Ausstellung „Jacob Böhme – Alles in allem“ bis zum 19.11.2017 in der Schlosskapelle des Schlosses Dresden. Öffnungszeiten täglich 10-18 Uhr, Dienstag geschlossen

www.jacob-boehme-goerlitz.com