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Eine Kugel für den Neumarkt

Nach den Bussen wird bald ein neues Kunstwerk vor der Frauenkirche in Dresden stehen. Der Streit darum ist kalkuliert.

© Zeichnung: Mutter und Genth, Foto: M. Rietschel

Von Andreas Weller

Auf den ersten Blick sieht es wie ein Ufo aus, was ab dem 25. April auf dem Neumarkt zu sehen sein wird. Das „Denkmal für den permanenten Neuanfang“, wie es die Künstler Heike Mutter und Ulrich Genth nennen, ist eine Auseinandersetzung mit dem Platz. „Der Neumarkt hat eine eigenartige Körperlichkeit und Erscheinung“, meint Genth. Diese greife das Kunstwerk bewusst ironisch auf.

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Was wie eine Provokation klingt, meint der gebürtige Tübinger, der zusammen mit seiner Partnerin Mutter in Hamburg lebt, beinahe liebevoll. Es gehe um das Innen-Außen-Verhältnis. „Das ist wie bei den Gebäuden: außen Barock, innen eine ganz andere Funktion.“ Das neue Kunstwerk folgt den jüngst abgebauten ausrangierten Bussen, die hochkant auf dem Platz standen – als Mahnmal, angelehnt an Busse, die als Schutz gegen Scharfschützen im syrischen Aleppo aufgebaut wurden. Die Busse sorgten für heftige Debatten und Pöbeleien, weil sich einige dadurch provoziert fühlten. Das „Denkmal für den permanenten Neuanfang“ dagegen habe „keine starke politische Aufladung“, meint Genth. Dennoch rechnet Kulturamtsleiter Manfred Wiemer mit Diskussionen und heftigem Streit: „Aber nicht mit so politischen Debatten wie bei den Bussen. Das gibt dieses Kunstwerk nicht her.“ Der Neumarkt sei ein Ort der Kunst, meint Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke): „Die Frage ist: Was kann Kunst im öffentlichen Raum erreichen.“ Die Busse hätten den Neumarkt bereichert und eine Debatte angestoßen, ähnlich erhoffe sich Klepsch dies vom „permanenten Neuanfang“.

Kein Zusammenhang zu den Bussen

Bereits seit 2011 arbeiten Mutter und Genth an dem Werk. Dass es auf den Neumarkt kommt, war nicht vorgegeben. Sie haben sich den Platz ausgesucht, weil er damals einer der am meisten diskutierten Plätze in ganz Deutschland war. Zu der Zeit wurde intensiv um die Bebauung und deren konkrete Gestaltung gestritten.

Eigentlich hätte das Werk längst stehen sollen. Aber die Künstler brauchten viele Genehmigungen und mussten an einigen Stellen von ihren Plänen abweichen oder diese nachbessern. Ursprünglich sollte das 7,46 Meter hohe Werk ein Dreieck mit den Denkmälern für Martin Luther und Friedrich August II bilden. Das war nicht möglich, weil es dann zum Stadtfest und während des Weihnachtsmarktes die Feuerwehrzufahrt verstellt hätte. Aus Sicherheitsgründen muss die Arbeitsbühne, die das Gerüst bildet, verschweißt werden. Nach den Erfahrungen mit den Bussen ist die Konstruktion auch vor möglichen Kletterern zu schützen.

Das ganze Gebilde ist eine Collage aus Fragmenten Dresdner Denkmäler. Die Kugel, eine perforierte Bronzehohlkugel auf einer kleinen Säule, ist eine Nachbildung aus den Dresdner Kunstsammlungen. Diese nimmt Bezug auf die Elfenbeindrechselarbeiten aus der Zeit des Absolutismus. Darüber hängt der rechte Arm der Trümmerfrau, die vor dem Rathaus steht. Es ist ein Bronzeabguss des Originals, der beweglich an einem Gestänge montiert ist. Dieser Arm schlägt in zufälligen Abständen auf die Kugel, wodurch der Eindruck eines Glockenläutens vermittelt werden soll. Dazu sind, ebenfalls als Nachbildungen, Teile des Mozartbrunnens zu sehen – ein Arm und ein Schleier. Der Brunnen von 1907 wurde 1945 zerstört und 1991 restauriert. „Das sind alles Dinge aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt“, so Genth.

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Allerdings sind die Fragmente in einem widersprüchlichen Verhältnis zueinander konzipiert. Ebenso soll die Arbeitsbühne ein ironischer Gegenpol zu den massiven Sockeln sein, auf denen Luther und Friedrich August II stehen. Anders als diese Denkmäler erinnere es bewusst an keine konkrete Person oder ein Ereignis, sondern an den aktuellen Umgang mit der Stadt. Die Deutung sei bewusst unterschiedlich möglich. „Das Werk wird auch nicht sofort erfasst“, meint Genth. Deshalb werde es zwei Jahre lang dort stehen.

Das Gesamtprojekt kostet 60 000 Euro, die die Stadt aus dem Topf für Kunst im öffentlichen Raum zahlt. Am 25. April wird Klepsch es um 16 Uhr offiziell einweihen. Der Aufbau ist kompliziert und beginnt bereits einige Tage zuvor.