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„Eine Liebeserklärung an unsere Heimat“

© dpa

In Zeiten von Pegida erscheint eine Diskussion über eine Sachsenhymne eher unpassend. Doch Ideen gibt es genug, die unendliche Geschichte der Suche nach einer Hymne zum Abschluss zu bringen.

Von Henry Berndt

„Frieden dir, mein Land der Sachsen, du, mein Heimatland. Wiege großer Wegbereiter, keiner Herren Pfand.“ Das hört sich nach viel Pathos und vor allem viel Tradition an. Nach einer echten Hymne eben. Allerdings sind diese Zeilen gerade mal elf Jahre alt. Axel Klemm aus Chemnitz und Doris Grieswald aus Limbach-Oberfrohna haben sie geschrieben und vor einigen Wochen direkt an Sachsens Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich geschickt. „Wir meinen, es ist Zeit für eine offizielle Hymne für Sachsen“, sagt Klemm.

Die Suche nach einer offiziellen Sachsenhymne ist eine unendliche Geschichte voller Hoffnungen und Enttäuschungen, voller Vorstöße und Rückzüge. Offizielle Hymnen gibt es bisher nur in Bayern, Hessen und dem Saarland. Andere Länder haben aber zumindest Volkslieder mit ähnlichem Stellenwert. Sachsen nicht.

Vielleicht ja bald? Das eine Minute lange, noch namenslose Werk von Klemm und Grieswald existiert bisher nur in einer Probeaufnahme. Dabei entstand die Komposition bereits 1994, wie die Autoren sagen. Neun Jahre später kam der Text dazu. Die Melodie erinnert an einer Stelle frappierend an die der deutschen Nationalhymne. Und tatsächlich führt Klemm den Komponisten Joseph Haydn als Helfer an, genauso wie den Österreicher Hanns Eisler.

Seine Hymne sei „eine Liebeserklärung an unsere Heimat“, sagt Klemm. „Politisch neutral, wertungsfrei und ohne Götterbeschwörung.“ Der festliche Charakter dieser Hymne mache sie universell einsetzbar. Außerdem habe sie einen Text, den sich auch ein Schulkind merken könne. „Weiß und grün sind deine Farben, wie der Tau im Tal. Reichst der Welt die off’nen Arme, hier und überall, hier und überall“, lauten die finalen Zeilen.

In der Staatskanzlei gehen seit Jahren immer wieder sehr unterschiedliche Vorschläge für mögliche Hymnen ein, wie Sprecher Ralph Schreiber bestätigt. „Ein Sachsenlied müsste eine breite Zustimmung in der sächsischen Bevölkerung haben“, sagt er. Bislang habe noch keine Auswahl stattgefunden. Möglicherweise könne auch ein öffentlicher Wettbewerb ins Auge gefasst werden.

Es wäre nicht das erste Mal. Seit der Wende gab es einige Vorstöße in Sachen Hymne, den vielversprechendsten vermutlich 1994. Damals rief die Staatskanzlei selbst zu einem Wettstreit auf. 102 Vorschläge wurden eingereicht von „Sachsen, du mein Heimatland“ bis „Aus den Wettinern wurden Sachsen“. Natürlich durfte auch der Evergreen „Sing, mei Sachse, sing“ von Jürgen Hart nicht fehlen. Am häufigsten wurde jedoch das „Sachsenlied“ von Ernst Julius Otto von 1841 mit einem Text von Maximilian Hallbauer genannt: „Gott sei mit dir, mein Sachsenland“.

Beim Tag der Sachsen in Annaberg-Buchholz 1994 wurden einige der vorgeschlagenen Lieder bei einer Art öffentlichem Wettstreit zum Besten gegeben. Das Land gab sogar ein Liederbuch mit dem Titel „Wie lieb ich dich mein Sachsenland“ heraus. Doch auch dieser Findungsprozess lief bald ins Leere. Ein Jahr später fand das Emnid-Institut bei einer Umfrage heraus, dass 72 Prozent der Sachsen gegen die Einführung einer Hymne sind. Bei einer erneuten Befragung zehn Jahre später stieg der Anteil sogar auf 75 Prozent.

Heute steht das Thema Hymne in der Staatskanzlei wenig überraschend nicht ganz oben auf der Agenda. In Zeiten von Pegida erscheint der Vorstoß für ein stolzes Sachsenlied ja auch ein wenig befremdlich. Torsten Tannenberg, Geschäftsführer des Sächsischen Musikrats, winkt daher auch ab: „Das Thema ist verbrannt“, sagt er. „Kein Mensch wird sich in der jetzigen Situation für so etwas stark machen.“ Komponist Axel Klemm sieht das anders. „Vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, Zeichen zu setzen“, sagt er.

Den letzten ernsthaften Vorstoß in Sachsen gab es vor vier Jahren durch die Junge Union. Seit 2012 singen die Mitglieder der CDU-Jugendorganisation bei ihren Treffen regelmäßig „Gott segne Sachsenland“ von Siegfried August Mahlmann auf die Melodie der britischen Nationalhymne „God Save the Queen“. Das um 1790 entstandene Werk war die erste nachweisbare Hymne der Sachsen und gehörte bis zum Ersten Weltkrieg zum festen Repertoire von Militärkapellen. Die Junge Union glaubte daher, endlich das richtige Sachsenlied gefunden zu haben.

Es blieb einmal mehr ein Strohfeuer, auch wenn der CDU-Nachwuchs „seine“ Hymne erst vor wenigen Tagen wieder bei seinem Landestag in Leipzig anstimmte.

Der Vorschlag von Axel Klemm und Doris Grieswald hier zum Anhören