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Eine russische Liebe

Andreas Hain hat eine Figur aus dem Lahmann-Sanatorium restauriert. Auch ein Russe hatte ein Auge auf sie geworfen.

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© Claudia Hübschmann

Von Nina Schirmer

Vorsichtig nimmt Andreas Hain die durchsichtige Folie ab. Dann zeigt sich das Schmuckstück, das der Steinmetz und Steinbildhauermeister in seiner Meißner Werkstatt stehen hat, in seiner vollen Pracht. Oder besser gesagt: in ihrer Schönheit. Denn die Figur ist eine junge Frau. Lange Haare, entblößter Oberkörper, die Beine mit einem Tuch bedeckt. Ihr Blick fällt schräg nach unten.

Gut möglich, dass sich ein russischer Offizier vor Jahren in diesen Anblick verliebt hat – sonst wäre die Skulptur vielleicht nicht mehr erhalten. Anfang des Jahres hat Steinmetz Hain die Plastik von Dresden in seine Werkstatt nach Meißen geholt, um sie zu restaurieren. Jahrzehntelang stand das Abbild der zierlichen Frau zuvor auf dem Gelände des ehemaligen Lahmann-Sanatoriums – die große Kur- und Heilstätte im heutigen Stadtteil Weißer Hirsch. 1888 eröffnet, konnten sich nur wohlhabende Leute den Aufenthalt im Sanatorium leisten. Mitglieder der russischen Zarenfamilie und Adlige aus Europa und Asien, aber auch Stars wie Heinz Rühmann oder Zarah Leander ließen sich hier behandeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die Sowjetarmee das Gelände. Die russischen Soldaten gingen nicht pfleglich mit der historischen Bausubstanz um. Nach ihrem Abzug 1991 glich das Gelände einer Ruinenlandschaft.

Schutz vor Witterung

Die Statue der jungen Frau aber blieb erhalten, weil irgendjemand sich um sie gekümmert hat. „Wir vermuten, dass sie einem russischen Offizier so gut gefallen hat, dass er sie schützen oder noch verschönern wollte“, sagt Steinmetz Hain. Als er die Plastik das erste Mal sieht, ist sie komplett mit Bronze überzogen, auch der 1,20 Meter hohe Sockel. „Sie war so dick bestrichen, dass man zuerst gar nicht sehen konnte, aus welchem Material die Figur ist.“ Was für den Steinmetz optisch ein Graus ist, war für die Statue großes Glück. Der Bronzeüberzug hatte sie jahrelang vor der Witterung geschützt.

In der Meißner Werkstatt beginnt für Hain die Präzisionsarbeit. Mit einem sogenannten Mikrostrahlverfahren sprüht er die Bronzeschicht Stück für Stück von der Plastik. Das Schwierige: Das Material unter der Bronze darf nicht beschädigt werden. Deshalb testet der Steinmetz die Stärke des Drucks zunächst an einer kleinen Stelle ganz unten am Sockel. Zwei Wochen ist der 34-Jährige beschäftigt, ehe die Mädchenfigur wieder in ihrer ursprünglichen Farbe erstrahlt. Für den Laien sieht das Material auf den ersten Blick wie Sandstein aus. Doch der Experte weiß es besser: „Die Figur ist aus Keramik“, erklärt Hain, der Anfang des Jahres eine eigene Firma gegründet hat und den Familienbetrieb seines Vaters weiterführt. Auf der Rückseite der Statue ist jetzt auch wieder der Hinweis auf ihren Erschaffer gut lesbar. Das lateinische Wort „fecit“ steht dort – übersetzt heißt das so viel wie „hat es gemacht“. Davor prangt der Name Ernst Paul. Der aus Hessen stammende Bildhauer hatte in Dresden die Kunstakademie besucht. Dort schuf er 1883 auch die Mädchenstatue.

Weil die Figur nicht unter Denkmalschutz steht, hat Andreas Hain die abgebrochenen Unterarme der Frau nicht rekonstruiert. Auch ihr Fuß, zu dem sie sich neigt – wahrscheinlich, um eine Sandale zu binden, – fehlt. Am Sockel aber hat der Steinmetz abgebröckelte Teile restauriert. Ihn zieren Palmetten- und Blütenfriese sowie Eierstabornamente.

Gegen die Feuchtigkeit hat Hain die Plastik mit einem speziellen Mittel behandelt. Jetzt ist ihre Oberfläche wasserabweisend. Denn bald soll die Statue auf ihrem Sockel wieder draußen stehen. Erneut auf dem Gelände des ehemaligen Lahmann-Sanatoriums – inzwischen eine der nobelsten Wohngegenden in Dresden. Einer, der sie dann bestaunen kann, ist Stanislaw Tillich. Sachsens CDU-Ministerpräsident hat 2015 ein Penthouse dort gekauft.