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Dresden

Eine Schule braucht Schüler

Josephine Kucklick wird Logopädin und hat für die Zukunft damit schon mal eine Sorge weniger. Doch es gibt zu wenige wie sie.

© René Meinig

Logisch erschien Josephine die Logopädie nicht sofort. Zunächst wollte sie Berufsschullehrerin werden. Zwei Jahre lang studierte sie das Lehramt. „Aber mir fehlte das praktische Lernen“, sagt sie. Auf der Suche nach einer anderen Ausbildung machte sich die 22-Jährige schlau in allen möglichen sozialen, pädagogischen und medizinischen Bereichen und fand schließlich vieles davon vereint im Berufsbild des Logopäden.

Inzwischen steuert Josephine Kucklick auf das Ende ihres zweiten Ausbildungsjahres an der DPFA-Akademie Dresden zu. Die Schule ist derzeit die einzige der Stadt, die Logopäden ausbildet. Und dennoch füllt sich die nächste erste Klasse, die nach den Sommerferien in die schulische Ausbildung einsteigt, nur zögerlich. „Zu wenige junge Leute können mit der Fachrichtung Logopädie etwas anfangen“, vermutet Patrick Franz von der DPFA. Zu unbekannt sei das extrem breite Tätigkeitsfeld der Experten, deren Arbeit mit der Deutung der altgriechischen Wörter lógos für Wort und paideuein für erziehen viel zu kurz greift. Denn Logopäden sind viel mehr als Sprecherzieher. Die Sprache, das Sprechen, die Stimme, das Schlucken und das Hören gehören zu dieser Disziplin – bezogen auf Patienten in allen Altersgruppen.

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„Wir beschäftigen uns in der Ausbildung zuerst mit der Kindersprache“, erklärt Josephine Kucklick. Dabei gehe es um Wortschatz, Grammatik und Aussprache. Sprachstörungen, ihre Ursachen und Therapiemöglichkeiten stehen auf dem Lehrplan. Ein Jahr später werden die Auszubildenden in Kindereinrichtungen arbeiten. Praxis und Theorie vermitteln die Lehrkräfte gleichmäßig verteilt übers ganze Ausbildungsjahr. Viele von ihnen arbeiten als Logopäden in Praxen und unterrichten außerdem an der Akademie. So wie Patricia Rosenthal. „Ich habe hier selbst vor fünf Jahren meine Ausbildung abgeschlossen“, erzählt sie. Jetzt ist sie Josephines Klassenleiterin. Wie wichtig Logopäden sind, weiß sie aus ihrer therapeutischen Arbeit. Zahlen und Fakten dazu liest sie auch im alljährlichen Heilmittelbericht, den das Wissenschaftliche Institut der AOK herausgibt. Demnach haben etwa 35 Prozent aller Fünf- bis Siebenjährigen eine Entwicklungsstörung, rund 82 Prozent davon bezogen auf die Sprache.

Die frühzeitige Mediennutzung ist nur ein Grund dafür. „Sicher verbringen viele Kinder zu wenig Zeit mit der gesprochenen Sprache und erhalten zu wenig Rückmeldung von ihren Eltern“, sagt Patricia Rosenthal. Wie viele körperliche Auslöser es für Sprach- und Sprechprobleme gibt, ergründet auch Liane Fröbel. Sie betreibt eine logopädische Praxis und beschäftigt zehn angestellte Kollegen. „Heute überleben viel mehr extreme Frühchen als früher. Häufig haben sie Probleme mit dem Gehör, mit dem Schlucken oder mit Kieferfehlstellungen“, erklärt sie. Rund ein Drittel ihrer Arbeit machen physiologische Hintergründe aus, zwei Drittel ihrer kleinen Patienten sprechen aus psychischer Ursache heraus schlecht, falsch oder gar nicht.

Doch auch Erwachsene brauchen logopädische Therapien, zum Beispiel nach Unfällen, Schlaganfällen, aufgrund von Schädigungen des Gehirns durch Gehirntumore, Demenz, Parkinson oder Multipler Sklerose, aber auch durch Überbeanspruchung. Letzteres betrifft vor allem Lehrer, Sänger, Schauspieler oder Moderatoren. Die allseits bekannten Schwierigkeiten wie Stottern oder Lispeln machen also nur einen geringen Teil aus. Wie vielfältig das Thema Sprache und Sprechen ist und wie gut Menschen lange Leidenswege durch gezielte Behandlung erspart bleiben können, erkennen Liane Fröbel zufolge immer mehr Mediziner.

„Als ich mich selbstständig machte, hatte ich schlaflose Nächte wegen der Frage, ob das Geld für alles reichen würde“, erinnert sie sich. Heute könne sie nachts nicht schlafen, weil sie Patienten abweisen müsse. „Ich könnte noch zehn weitere Logopäden in meiner Praxis beschäftigen“, sagt Liane Fröbel. Im Schnitt bleibt eine freie Stelle 146 Tage unbesetzt. Auf der anderen Seite warten Schlaganfallpatienten darauf, dass der Logopäde ihnen dabei hilft, wieder sprechen zu lernen. „Wir bräuchten viel mehr Kollegen, um auch den Bedarf an Hausbesuchen decken zu können.“

Sicher sind die Verdienste wie in den meisten sozialen, pflegerischen und therapeutischen Bereichen zu gering. Rund 2340 Euro brutto verdienen angestellte Logopäden hierzulande monatlich im Schnitt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erhält von Liane Fröbel ein seltenes Lob: „Er hat etliches für eine Ost-West-Angleichung der Stundensätze getan“, sagt sie. Während selbstständige Kollegen in den alten Bundesländern 60 Euro pro Stunde abrechnen durften, waren es in den neuen nur 34 Euro. Noch sei finanziell keine Augenhöhe erreicht, aber es bewege sich einiges.

Während Josephine Kucklick im Spätsommer ins dritte Ausbildungsjahr wechselt, starten mindestens 25 Anfänger. Einer zusätzlichen Klasse steht nichts im Weg – allenfalls leere Plätze.

Tag der offenen Tür an der DPFA, Stauffenbergallee 4: 16. Mai, 14 bis 19 Uhr www.dpfa.de