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Eine Seife für Generationen

Vor 170 Jahren begann die Seifenproduktion der Firma Schicht in Usti nad Labem. Sie findet nun eine Fortsetzung.

© Petr Špánek

Von Steffen Neumann

Usti nad Labem. Dieser Laden auf der Einkaufsmeile Masarykova in Usti nad Labem (Aussig) ist besonders. Von außen wirbt ein springender Hirsch. Das Warenangebot befasst sich mit Reinigung – Seife, Waschmittel und Geschirrspülmittel sind die Kernprodukte. Auch auf ihnen prangt der Hirsch, wie auch auf den Schürzen der Verkäuferinnen. Es ist das Logo einer der bekanntesten Marken in Tschechien: die Seife mit dem Hirsch, tschechisch „Jelen“. Zugleich ist der Hirsch Symbol für eine der größten Erfolgsgeschichten in Österreich-Ungarn und der Tschechoslowakei. Es ist die Geschichte der Firma Schicht, die ihre Wurzeln in Usti hat und aus der später der Weltkonzern Unilever wurde.

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Wer möchte, kann sich zur Hirsch-Seife noch eine stilechte Schale, hergestellt in der Porzellan-Manufaktur in Dubi (Eichwald), dazu kaufen (l.). Johann Schicht, der von 1855 bis 1907 lebte, war der Begründer des Firmenimperiums.
Wer möchte, kann sich zur Hirsch-Seife noch eine stilechte Schale, hergestellt in der Porzellan-Manufaktur in Dubi (Eichwald), dazu kaufen (l.). Johann Schicht, der von 1855 bis 1907 lebte, war der Begründer des Firmenimperiums. © Petr Špánek
Wer möchte, kann sich zur Hirsch-Seife noch eine stilechte Schale, hergestellt in der Porzellan-Manufaktur in Dubi (Eichwald), dazu kaufen (l.). Johann Schicht, der von 1855 bis 1907 lebte, war der Begründer des Firmenimperiums.
Wer möchte, kann sich zur Hirsch-Seife noch eine stilechte Schale, hergestellt in der Porzellan-Manufaktur in Dubi (Eichwald), dazu kaufen (l.). Johann Schicht, der von 1855 bis 1907 lebte, war der Begründer des Firmenimperiums. © Muzeum Usti nad Labem

„Wir möchten an die Tradition von Schicht anknüpfen“, sagt Marketa Prochazkova von der vor drei Jahren neu gegründeten Firma Schicht. Damals sicherte sie sich die Marke „Jelen“ aus jenen Resten, die vom einstigen Schicht-Imperium übrig geblieben waren. „Weil sie nach einer Umfrage zu den wertvollsten Marken in Tschechien gehört und wir an sie glauben“, begründet Prochazkova, die sich Brand-Managerin nennt, sich also um die Markenpflege kümmert. Zunächst lief der Verkauf über E-Shop, im August letzten Jahres eröffnete der erste eigene Laden. Der befindet sich in einem früheren Hausflur und wird nach hinten größer. Dort hat noch eine Wäscherei Platz, wo Kunden ihre Wäsche unter Anleitung waschen können. Das Design von Laden und Produkten ist liebevoll gestaltet. An den Wänden hängen Werbeschilder aus Emaille und Plakate. „Die sind alle noch historisch. Einige haben wir aus dem alten Werk. Andere bringen uns Kunden vorbei“, sagt Prochazkova.

Die neue Schicht-Firma produziert selbst nicht mehr am historischen Standort am anderen Elbufer in Strekov (Schreckenstein), hat aber ihren Firmensitz hier. Die Produktion läuft in Olomouc (Olmütz) in Mähren. Ihre Leitlinien lauten: umweltfreundlich, traditionsbewusst und große Reinigungskraft. „Wir produzieren immer noch die alte Schicht-Seife, nur etwas den ökologischen Anforderungen angepasst.“ Sogar das Waschpulver und das Waschgel basieren auf Jelen-Seife. Das umweltfreundliche Image unterstreicht auch die Nachfüllstation im Laden.

Ihre Kundschaft beschreibt sie als noch klein, aber treu. „Die Kunden finden uns auch schon bei Globus und Rossmann. Wir planen, in weitere Ketten vorzudringen, und wollen zwei weitere Firmenläden in Prag und Olomouc eröffnen“, kündigt Prochazkova an.

Vor genau 170 Jahren gründete Georg Schicht in seinem Haus in Rynoltice (Ringelshain) bei Liberec (Reichenberg) eine Seifenproduktion. Den entscheidenden Schritt machte jedoch sein Sohn Johann, der als Gründer des Schicht-Imperiums gilt. Er begründete 1882 das Werk im damaligen Novosedlice (Obersedlitz-Neudörfel), das heute zu Usti gehört. Nahe an den Transportwegen Elbe und Eisenbahn entwickelte sich das Werk rasant. Noch 1885 arbeiteten gerade einmal zehn Arbeiter und zwei Beamte in Usti. Nur wenige Jahre später waren es über tausend.

Schicht erweiterte die Produktpalette. Es kamen Margarine und Säfte der Marke „Ceres“ dazu. Er produzierte Kerzen und stellte auch Vorprodukte selbst her, um unabhängig zu sein. „Das war Prinzip. Er startete auch einen eigenen Maschinenbau. Da er nicht ausgelastet war, kam sogar der Gedanke auf, eigene Autos zu bauen“, sagt der Historiker und Schicht-Kenner Martin Krsek. Der Weg zum Schicht-Imperium wurde auch nicht durch den Ersten Weltkrieg und den nachfolgenden Verlust des riesigen österreich-ungarischen Marktes gebremst. Schicht kaufte geschickt auf, baute neue Fabriken und wurde so der größte Hersteller von Drogeriewaren und Pflanzenfetten in Mitteleuropa. Ihm gehörte zum Beispiel der Kosmetikhersteller Elida (Seife CD) mit einem Werk in Leipzig-Wahren.

Nach der Vorherrschaft in Mitteleuropa schloss er sich mit der niederländischen Margarine Unie zusammen. Letzter Schritt war 1929 die große Fusion von Schicht und Margarine Unie mit den britischen Lever Brothers zu Unilever. Erster Vorstandsvorsitzender mit Sitz in London wurde Georg Schicht, der Enkelsohn des gleichnamigen Firmengründers.

Anders als ihre erfolgreichste Marke „Jelen“ ist der Name Schicht heute vergessen. 1945 mussten die Schichts ihre Heimat verlassen. Firmenchef Heinrich zog in die Schweiz. Immerhin wurde die Firma als einzige große nicht verstaatlicht. Ihnen konnte kein schädliches Verhalten gegen die Tschechoslowakei nachgewiesen werden. Den Schichts war immer wichtig, dass tschechische und deutsche Arbeiter gleichberechtigt sind. „Die Deutschen mussten Tschechisch lernen und die Tschechen Deutsch“, nennt Krsek ein Firmenprinzip. Auch waren die Schichts um das Wohlergehen ihrer Arbeiter bemüht, bauten gut ausgestattete Wohnsiedlungen mit günstigen Mieten und eröffneten sogar ein Hallenbad.

Aber auch für Georg Schicht war nach dem Weltkrieg bei Unilever Schluss. „Als Deutscher war er nicht mehr zu halten und wurde recht unsanft aus dem Direktorium gedrängt“, sagt der Wirtschaftshistoriker Tomas Okurka, der an einem Buch über die Schichts arbeitet. Seine Forschungen dürften noch einige Überraschungen zutage fördern. So wurde ihm von den Schicht-Nachkommen in Großbritannien das Familien- und Firmenarchiv anvertraut. „Wir haben es komplett kopiert und digitalisiert. Das ist eine große Fundgrube für die weitere Forschung“, sagt Okurka.

Wenige Hundert Meter von seinem Arbeitsplatz im Museum Usti entfernt bastelt Marketa Prochazkova indes weiter am Mythos „Hirsch“: „So groß wie Aral werden wir sicher nicht, das ist nicht unser Anspruch. Uns geht es um ein ehrliches, tschechisches Produkt“, nennt sie ihr Ziel.