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Deutschland & Welt

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Zwei Menschen werden erschossen. Eine Leiche liegt nahe der Synagoge. Die Täter flüchten - und Halle/Saale steht unter Schock. Ein aktueller Report.

Polizisten sichern den Bereich am jüdischen Friedhof in Halle ab. Bei Schüssen sind zwei Menschen getötet worden.
Polizisten sichern den Bereich am jüdischen Friedhof in Halle ab. Bei Schüssen sind zwei Menschen getötet worden. © Sebastian Willnow/dpa

Von Marek Majewksi und Franziska Höhnl

Halle/Saale. Sirenengeheul unterbricht die Totenstille. Schwer bewaffnete Polizisten in schwarzen Anzügen und mit Helmen durchkämmen das beschauliche Paulusviertel im Norden von Halle in Sachsen-Anhalt. Etwa 30 Meter von einer Synagoge entfernt liegt die Leiche einer Frau, sie ist mit einer blauen Decke bedeckt. Daneben steht ein schwarzer Rucksack, an dessen Reißverschluss eine kleine Stoffente hängt. Ein Mann wird an oder in einem Döner-Imbiss erschossen. Außerdem habe ein Täter selbstgebastelte Sprengsätze an der Synagoge abgelegt und versucht, hineinzugelangen, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur. Die Polizei hat das Gebiet weiträumig mit Flatterband abgesperrt.

Nach den tödlichen Schüssen befindet sich die Saalestadt im Ausnahmezustand. Am Himmel über der Innenstadt kreist ein Hubschrauber. Streifenwagen fahren mit Blaulicht durch das Villenviertel und fordern die Anwohner auf, Türen und Fenster geschlossen zu halten. Auch das mobile Warn- und Informationssystem Katwarn wendete sich mit einer "Gefahrendurchsage" an die Bevölkerung. "Gebäude und Wohnungen nicht verlassen. Von Fenster(n) und Türen fern bleiben!" Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) betont: "Zum Schutz der Bevölkerung ist dies unbedingt erforderlich."

Die Polizei meldete zuerst, mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht. Später war von einem Täter die Rede. Auch in Landsberg - rund 15 Kilometer von Halle entfernt - wurde geschossen, wie die Polizei bestätigt. Zu den näheren Umständen des Vorfalls in dem Ort im Saalekreis wollte sie zunächst nichts sagen. Mehrere Mannschaftswagen der Polizei, darunter auch Fahrzeuge aus Sachsen, sowie zwei Krankenwagen waren vor Ort.

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Eines der Opfer wurde gegenüber der Synagoge von Schüssen tödlich getroffen.
Eines der Opfer wurde gegenüber der Synagoge von Schüssen tödlich getroffen. © Sebastian Willnow/dpa

Am frühen Nachmittag hatte die Polizei die Festnahme einer Person gemeldet - gab aber keine Entwarnung. Die Situation blieb zunächst völlig unklar. Der öffentliche Nahverkehr in Halle war komplett eingestellt. Auf den Straßen der Stadt mit knapp 239.000 Einwohnern staute sich der Auto- und Lastwagenverkehr. "Bleiben Sie trotzdem weiterhin wachsam", twitterte die Polizei und rief die Bevölkerung auf, in ihren Wohnungen oder an ihrem Arbeitsplatz zu bleiben.

Einwohner erreichten besorgte Anfragen von Verwandten oder Freunden: "Bist du in Sicherheit?" oder "Was ist bei Euch los?!" Die Stadt Halle sprach von einer "Amoklage" und berief einen Krisenstab ein. Alle Rettungskräfte der Feuerwehr seien in Alarmbereitschaft versetzt worden. Die Polizei zog seit den Mittagsstunden alle verfügbaren Kräfte in Sachsen-Anhalt ab und verlegte sie nach Halle. Das Universitätsklinikum verstärkte vorsorglich die Notaufnahme. "Die Nacht- und Frühschicht ist auch geblieben", sagte ein Klinikumssprecher der dpa.

Im benachbarten Leipzig, in Dresden und zahlreichen anderen Städten verschärfte die Polizei ihre Kräfte vor den Synagogen. Juden auf der ganzen Welt feiern derzeit den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

Auch in Landsberg, 15 Kilometer von Halle entfernt, sind Schüsse gefallen und Polizisten im Einsatz.
Auch in Landsberg, 15 Kilometer von Halle entfernt, sind Schüsse gefallen und Polizisten im Einsatz. © Jan Woitas/dpa

Nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, hat ein schwer bewaffneter Täter die Synagoge direkt angegriffen. "Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Privorozki der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten" (Donnerstag). "Aber unsere Türen haben gehalten." Außerdem hätten der oder die Täter versucht, das Tor des benachbarten jüdischen Friedhofs aufzuschießen. Die Menschen in der Synagoge seien geschockt gewesen. Vor der Tür habe ein Todesopfer des Angreifers gelegen. "Wir haben die Türen von innen verbarrikadiert und auf die Polizei gewartet."

Auch Augenzeugen in Halle berichteten von einem Täter, der einen Kampfanzug und eine Maschinenpistole getragen haben soll. Demnach soll es auch eine Explosion auf einem Friedhof gegeben haben.

Ein gepanzertes Fahrzeug der Polizei sucht die Gegend um Wiedersdorf/Landsberg ab.
Ein gepanzertes Fahrzeug der Polizei sucht die Gegend um Wiedersdorf/Landsberg ab. © dpa

Medien veröffentlichten Bilder des angeblichen Täters. Die in Halle erscheinende "Mitteldeutsche Zeitung" zeigte ein Foto, auf dem ein dunkel gekleideter Mann mit Helm und Stiefeln zu sehen ist, der ein Gewehr im Anschlag hat. Der Mitteldeutsche Rundfunk zeigte ein Video, auf dem womöglich derselbe Mann aus einem Auto aussteigt und mehrfach seine Waffe abfeuert. 

Später am Abend wurde bekannt, dass der Täter von Halle ein 27-Jähriger, der mutmaßlich in Sachsen-Anhalt wohnt. Es sei davon auszugehen, dass Stephan B. deutscher Staatsangehöriger sei und die Tat einen rechtsextremistischen Hintergrund habe, hieß es am Mittwoch.

Die Hintergründe der tödlichen Schüsse waren laut Bundesinnenministerium zunächst unklar. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen, wie die Behörde in Karlsruhe auf Anfrage mitteilte. Sie ermittele wegen Mordes von besonderer Bedeutung. Ob es sich um eine antisemitische Tat handelt, sei noch unklar.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) brach seinen Besuch bei der EU in Brüssel ab. "Ich bin entsetzt über diese verabscheuenswürdige Tat", hieß es in einer Mitteilung. "Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer." (dpa)

© Grafik: dpa