merken

Eine Stadt von Welt

Ein Heiliger kehrt zurück und der S-Bahn-Takt winkt.

© Alexander Schröter

Von Kevin Schwarzbach

Riesa. Große Augenblicke von Welt kommen auf uns zu, liebe Leser. Es erinnert schon ein wenig an die Wiederkehr eines Heiligen. Ein Mann kehrt an den Ort zurück, dessen Identität er quasi im Alleingang erschaffen hat. Klingt jetzt etwas pathetisch, sogar reichlich übertrieben, ich weiß das, keine Sorge. Es ist in den Augen mancher aber tatsächlich so.

Anzeige
Vernünftige Rendite statt 0 % Zinsen
Vernünftige Rendite statt 0 % Zinsen

Geld anlegen. Klassische Zinsen kassieren. Das ist auf absehbare Zeit schwierig. Mit MeinInvest investiert man in die Zukunft!

Wenn Wolfram Köhler in knapp einem Monat nach Riesa kommt, um an der Gesprächsreihe „Olympiatalk“ des Landtagsabgeordneten Geert Mackenroth (CDU) teilzunehmen, werden die Gemüter der Riesaer auf Betriebstemperatur kommen. Wolfram Köhler ist ein Name, der polarisiert. Ohne Köhler gäbe es den Slogan der Sportstadt nicht, der bis heute als Grundpfeiler unserer Identität unsere Außendarstellung bestimmt. Wolfram Köhler ist gegangen, aber der Slogan ist geblieben, wenn auch immer umstrittener geworden.

Da geht es dem Heiligen Wolfram nicht anders. Er hat Riesa zum Schauplatz der ganzen Welt gemacht und den kleinen Fleck Erde mit sportlichen Großereignissen vorübergehend auf ein Niveau mit der Landeshauptstadt gehievt. Dafür lieben ihn die einen. Doch die anderen, die ihn hassen, entgegnen, dass alles heutige Riesaer Leid seine Wurzeln in Köhlers Zeiten hat, weil der das Geld der Stadt nur für sportliche Bespaßung ausgegeben hat. Gewiss werden beide Seiten an Ort und Stelle sein, wenn der Prophet nach neun Jahren ohne öffentlichen Auftritt am 21. Juni in die alten Hallen hinabsteigt. Vielleicht nicht Köhler selbst, aber mindestens der Geist von damals wird dabei wiederauferstehen.

Eine solche Wiedergeburt hat auch die Idee eines S-Bahn-Anschlusses für Riesa hinter sich. Und das gleich mehrmals. Schon als ich noch in der Grundschule war, hörte ich das erste Mal von dieser Idee. Freilich, meist waren es nur Gerüchte irgendwelcher Mitschüler, die sie am Abendbrottisch von ihren Eltern aufgeschnappt hatten, die sie wiederum von Arbeitskollegen gehört hatten. Im Verbreiten von Informationen sind Menschen flink, der Wahrheitsgehalt ist da nebensächlich. Diese modernen „Fake News“ gab es wohl schon zu meinen Schulzeiten.

Irgendwann kehrten die Gerüchte dann wieder zurück, mittlerweile stand ich kurz vor meinem Abitur, doch die Herkunft der Neuigkeiten war die Gleiche. Irgendjemand hatte von irgendjemandem gehört, das irgendjemand gehört hatte. So laufen unsere Informationsprozesse heute doch. Leider war ich da schon etwas älter und hegte nicht mehr so viel Hoffnung in die roten Züge wie zu Grundschulzeiten. Keine Angst, das war’s jetzt auch mit meiner Lebensgeschichte. Auch wenn der VVO sich für einen S-Bahn-Anschluss von Riesa nach Dresden starkmachen will, glauben die meisten Riesaer wohl erst daran, wenn die Bahn tatsächlich im Takt fährt.

Bis dahin lebt die Hoffnung, wieder ein Stückchen näher an Dresden heranzurücken. Der große Traum vom Katzensprung ins Zentrum der sächsischen Welt. Bahnanbindungen haben wir mit dem ICE, dem IC und dem Regionalexpress ja schon einige, bei der Autoanbindung hapert es mit einer Stunde Fahrtzeit noch. Aber vielleicht trägt uns der S-Bahn-Anschluss ein paar Meter weiter hinein in eine autofreie oder zumindest autoarme Welt. Entschuldigen Sie, liebe Leserinnen und Leser. Aber ich bin ein junger Mensch, ich muss an so was glauben. Denn dann ist der Weg zur Straßenbahn in Riesa auch nicht mehr weit.