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Eine Stunde in Angst

Mit Kinderpistole zog ein halbnackter durch Schmölln. Dass der Mann so harmlos ist, wussten aber zunächst weder die Bewohner noch die Polizei. Was sich vor Ort abgespielt hat.

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© Rocci Klein

Schmölln. Viele Schmöllner saßen nach Feierabend gerade am Esstisch oder im Garten. Es war ein warmer Abend. Doch mit der Ruhe war es gegen halb sieben am Donnerstagabend plötzlich vorbei: Mehrere Anwohner sahen einen jungen Mann im Dorf laufen mit einer Waffe in der Wand und freiem Oberkörper. Sie werden wahnsinnig erschrocken gewesen sein. Im Kopf die Bilder von Amokläufen und Anschlägen der letzten Zeit.

Tatsächlich war die Lage unsicher. Einige Schmöllner eilten zum Telefon und wählten die Nummer der Polizei. „Ein Notruf erreichte uns um 18.40 Uhr“, sagt Thomas Knaup, Pressesprecher der Polizeidirektion in Görlitz. „Zeugen berichteten davon, dass ein Mann mit Waffe unterwegs sei.“ Den Beamten war zu diesem Zeitpunkt noch völlig unklar, welche Situation auf sie zukommt. „In solchen Fällen ist immer alles möglich“, so Knaup auf Nachfrage. „Von der Falschmeldung bis zur großen Bedrohungslage.“ Von einem Amoklauf oder einem Anschlag im kleinen Schmölln aber sei man jedoch zu keinem Zeitpunkt ausgegangen“, sagt der Polizeisprecher. Sechs Streifenwagen rasten nach dem eingegangen Notruf dennoch nach Schmölln. Nicht oft kommt das hier vor. Den Einsatz eines Hubschraubers, den Zeugen vernommen haben wollen, bestätigte Knaup nicht.

Mit schusshemmende Weste und einen Helm

Glücklicherweise war es noch nicht dunkel, um kurz vor sieben am Donnerstagabend. Die Suche nach dem Mann mit der Waffe dauerte nicht lange. „So ein Mann fällt ja auch leicht auf“, so Thomas Knaup. Die Polizei erwischte den Mann mit der Waffe in der Hand und dem freiem Oberkörper schließlich auf der Bahnhofstraße – immer noch war nicht klar, welche Art Waffe er mit sich führte. Und dann plötzlich Gefahr: „Nach den Schilderungen der Beamten zielte der Mann dann auf den Streifenwagen“, sagt Thomas Knaup. Sie mussten jetzt von einer Bedrohungslage ausgehen – und sich zunächst in Sicherheit bringen. „Der Beamte am Steuer legte den Rückwärtsgang ein und brachte den Wagen zunächst in Sicherheit“, so Knaup. Anschließend legten sich die Beamten eine schusshemmende Weste mit Schutzplatten und einen Helm an. Derartige Schutzausrüstungen gehören zum Inventar jedes Streifenwagens, angeschafft für speziell solche Szenarien, wie es sich jetzt in Schmölln abspielte. „Die Beamten haben den Mann dann gegen 20 Uhr angesprochen und angehalten, die Waffe niederzulegen. Das tat er und ließ sich widerstandslos festnehmen“, sagt Pressesprecher Thomas Knaup. „Ein Schuss wurde zu keiner Zeit abgegeben. Niemand wurde verletzt.“

Die Beamten vor Ort hatten die Lage so beurteilt, dass keine weiträumigen Absperrungen oder gar Evakuierungen von Anwohnern nötig waren. „Es war die genau richtige Einschätzung der Lage“, so Thomas Knaup. Nach SZ-Informationen verfolgten das Geschehen mehrere Neugierige, darunter auch Jugendliche.

Mit 3,3 Promille

Erst nachdem die Polizei den Mann stellen konnte, wurde klar, dass es sich bei der Waffe um eine Spielzeugpistole handelte, eine sogenannte Softair-Waffe. Damit stellte sich glücklicherweise heraus, dass von dem Mann, der in Schmölln wohnen soll, keine Gefahr für Leib und Leben ausging. Bei der Festnahme machte der 27-jährige Deutsche einen stark berauschten Eindruck. „Der Atemalkoholtest ergab 3,3 Promille“, so der Polizeisprecher. Er war also sturzbetrunken. Der Mann wurde nach seiner Festnahme zunächst vernommen und anschließend wieder auf freien Fuß gesetzt. Bei der Polizei ist er kein Unbekannter, fiel schon mit anderen Delikten auf. Nähere Angaben dazu machte Polizeisprecher Thomas Knaup aber nicht. Auch nicht über mögliche Motive. „Das werden die weiteren Ermittlungen und Vernehmungen zeigen. Der Fall wurde bereits an die Kriminalpolizei übergeben.“ Die Softair-Waffe wurde als Beweisstück eingezogen. Für welche Straftat der Mann zur Rechenschaft gezogen werden wird, sollen ebenfalls die weiteren Ermittlungen der Kriminalpolizei ergeben, sagte Thomas Knaup.