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Eine Systemfrage

Lutz Heßlich sprintete zu Olympiagold. Sohn Nico würde es ihm gern gleichtun, doch er fühlt sich ausgebremst.

© Thomas Kretschel

Von Cornelius de Haas

Als Nico Heßlich im Oktober 1990 geboren wurde, hatte sein Vater schon lange mit dem Leistungssport aufgehört. Zwei Jahre zuvor beendete Lutz Heßlich seine Karriere als Bahnradsprinter. Dass er in dem Metier zu den Besten gehörte, zeigen seine vier Weltmeistertitel und zwei Olympiasiege. Doch auch im beruflichen Leben kann der inzwischen 58-Jährige nicht vom Rad lassen und führt seit mehr als 27 Jahren sein Fachgeschäft in Cottbus.

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Lutz Heßlich (r.) und sein Chemnitzer Konkurrent Michael Hübner bei den Good Will Games 1986 in Moskau. „Von 40 Rennen hat er vielleicht eins gegen mich gewonnen“, sagt Heßlich mit einem Schmunzeln.
Lutz Heßlich (r.) und sein Chemnitzer Konkurrent Michael Hübner bei den Good Will Games 1986 in Moskau. „Von 40 Rennen hat er vielleicht eins gegen mich gewonnen“, sagt Heßlich mit einem Schmunzeln. © imago

Für den Sohn war das aber zunächst kein Grund, es selbst mit dem Radsport zu versuchen. „Ich konnte mich nicht mit der Szene, die da immer im Laden meines Vaters rumhing, anfreunden“, erinnert sich Heßlich junior an seine Kindheit. „Dabei waren das wirklich nette Leute.“ Mit der Leichtathletik sah das anders aus. Darin war Nico so erfolgreich, dass er auf die Sportschule gehen konnte. „Aber irgendwann zeichnete es sich ab, dass ich als Mehrkämpfer nur eine bescheidene Perspektive habe.“

Dann also doch das Rad. „Ich habe mich schon sehr gefreut, als er sich dafür entschieden hat“, erinnert sich Lutz Heßlich an das Jahr 2008. „Allerdings habe ich anfangs Blut und Wasser geschwitzt. Ich hatte das Wissen, aber nicht mehr die Beine für den Sport, bei Nico war das in den ersten zwei, drei Jahren umgekehrt.“ Dabei hat sich seit Lutz Heßlichs Erfolgen einiges verändert. „Wir sind damals völlig unsinnige Übersetzungen gefahren, mit einer Frequenz von bis zu 170 Umdrehungen in der Minute. Heute fahren die Jungs mit etwa 130 bis 140 – und sind deutlich schneller.“

Doch etwas vom Talent des Vaters ist auch auf den Sohn übergegangen, selbst, wenn der nicht als reiner Sprinter über die Bahn fegt. Im Zweier-Mannschaftsfahren, dem sogenannten Madison, wird Nico 2013 und 2016 deutscher Meister. In den Jahren dazwischen fährt er zum Vizetitel. Für eine langfristige Aufnahme ins Nationalteam reicht das nicht – dabei gehört Madison bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 wieder zum Programm.

„Ich hatte vier Starts im Trikot des Bundes Deutscher Radfahrer“, sagt Nico Heßlich. Einer davon war vor fünf Jahren bei der Europameisterschaft im Derny – eine Art Steherrennen – in Italien. Erst in diesem Jahr durfte er für den BDR auch im Omnium bei drei Rennen antreten, bei denen sich Heßlich für die kommenden Weltcups qualifizieren konnte. „Ich habe dort genügend Punkte für einen Start gesammelt. Aber es gibt drei Fahrer, für die das gilt, und nur zwei werden genommen“, so Nico, der nicht dazugehört. Ein wenig konsterniert fügt er an: „Ich würde die Entscheidung neidlos anerkennen, wenn andere besser sind.“ Aber so sei es seiner Ansicht nach nicht.

Für Vater Lutz stimmt etwas im System nicht. Er erinnert sich an ein Gespräch mit Bundestrainer Sven Meyer und Sportdirektor Patrick Moster nach dem Meistertitel 2016: „In dem wurde uns klipp und klar gesagt: Wir haben unsere Sportler schon, dich brauchen wir nicht.“ Darum blute ihm das Herz, wenn er sehe, wie sehr sein Sohn dennoch um den Traum von Olympia kämpft. „Mir erscheint es sinnlos, es gibt einfach keine Chancengleichheit.“

Zu seiner aktiven Zeit war das anders. „Da sind die besten 15 zum Sportclub gekommen, die besten drei sind zur Spartakiade gefahren, die besten zwei zur Junioren-WM nach Ungarn. Heute ist das so eine klebrige Angelegenheit, nach dem Motto: Naja, da war ja das oder das, darum hat es dort nicht so funktioniert.“ Ein weiteres Beispiel sei die Olympianominierung für Seoul. „1987 kamen die vier besten Bahnsprinter alle aus der DDR. Nur einer durfte 1988 starten. Mit einem Punktesystem haben wir bei zwei Weltcups und der DDR-Meisterschaft diesen Platz ausgefahren. Der erste bekam vier Punkte, der zweite zwei und der dritte einen. Wenn du zweimal gewonnen hattest, warst du dabei.“ Für Lutz Heßlich ging es gut aus – in Seoul sprintete er zum zweiten Olympiagold nach 1980 in Moskau.

Empfehlung für das Kind? Triathlon!

Ein ähnliches System wünscht sich auch Nico, den nun vor allem die Sechstagerennen motivieren, weiter aufs Rad zu steigen. „Es wäre schön, wenn es klare Nominierungsregeln geben würde. Ich habe es schon erlebt, dass ich bei einem Sichtungsrennen Zweiter werde, aber der Dritte, Vierte, Fünfte und Sechste genommen wird.“ Da fällt ihm sein Vater fast schon ins Wort: „Es heißt Roger Kluge und Theo Reinhardt sollen in Tokio im Madison starten. Das sind gute Fahrer, keine Frage. Aber die waren bei der Meisterschaft noch nicht mal dabei. Und es gibt auch kein zweites oder drittes Team, das Druck machen könnte.“ So werde anderen Sportlern die Motivation genommen. „Wie soll sich da etwas entwickeln? Das hat für mich nichts mehr mit Leistungssport zu tun“, sagt Lutz Heßlich.

Seit drei Jahren ist Sohn Nico selber Vater. Er würde sich freuen, schlüge seine Tochter eine Sportlerlaufbahn ein. „Aber mir müsste wirklich erst mal einer erklären, warum ich sie zum Radsport schicken sollte“, sagt er. Was stattdessen infrage käme? „Triathlon. Da lernt sie erst mal schwimmen. Laufen ist immer gut, auch, wenn man mal in eine brenzlige Situation kommt. Und ein paar Fähigkeiten auf dem Rad sind auch nicht verkehrt.“

Bei der Auswahl des passenden Velos wäre er der perfekte Helfer – denn auch im Berufsleben wandelt Nico auf Vaters Spuren und ist regelmäßig in dessen Laden anzutreffen.

Am Donnerstag lesen Sie, warum die Familie Neureuther-Mittermaier keine Pokale im Haus stehen hat.