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Eine ungewöhnliche WG

Die Produktionsschule sucht Studenten, die gemeinsam mit Schulabbrechern wohnen. Eine Herausforderung.

© Norbert Millauer

Von Uta Büttner

Moritzburg. Leb’ von Hartz IV, und der Tag gehört dir. Nach diesem Motto leben die meisten jungen Leute, wenn sie sich ein Zimmer in der Wohngemeinschaft der Produktionsschule Moritzburg mieten. Einer von ihnen ist Kevin Riemer. Der 19-Jährige wohnt seit reichlich einem Jahr in der WG mit sechs anderen im Alter von 17 bis 25 Jahren. Er hat – wie alle anderen – keinen Schulabschluss. Wegen Drogen und Alkohol flog er aus der Berufsschule. Seine vermutlich letzte Chance: das Wohnprojekt in Moritzburg. Dort leben Schulabbrecher und Langzeitarbeitslose wie Kevin für ein bis eineinhalb Jahre gemeinsam mit maximal drei Studenten in einer WG.

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Wohnen, Arbeiten, Leben – so lautet das Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene, die bisher den Einstieg ins Arbeitsleben nicht geschafft haben. Jeder Mieter hat ein eigenes, möbliertes Zimmer. Jeweils zwei Bewohner teilen sich ein Bad. Im unteren Geschoss gibt es ein Büro für die Sozialarbeiter, einen Gemeinschaftsraum, ein Wohnzimmer und eine Küche.

Bisher wohnten immer zwei bis drei Studenten der Evangelischen Hochschule Moritzburg mit den Jugendlichen zusammen – weitergetragen durch Mund-zu-Mund-Propaganda. „Im August dieses Jahres ist der letzte Student ausgezogen“, sagt Geschäftsführer David Meis. Aufgrund der Umstrukturierung des Studiums wurde es zunehmend schwieriger, Studenten zu finden. Und einfach sei das Zusammenleben mit den Jugendlichen nicht. „Die Studenten müssen mit beiden Beinen im Leben stehen. Der Umgangston ist schon ein anderer, als sie ansonsten gewohnt sind“, sagt der Sozialpädagoge. Dabei sollen sie nicht erziehen oder vorschreiben, sondern einfach miteinander leben – einen anderen Lebensentwurf vorleben.

Das stellt eine große Herausforderung dar, da will David Meis ganz ehrlich sein. „Die Studenten müssen sich auf die Jugendlichen einlassen und Verständnis für deren Lebenssituation mitbringen.“ Natürlich werden sie auch unterstützt vom Team. Tagsüber ist immer ein Sozialpädagoge im Haus. Aber abends nicht. Dann heißt es, allein klarzukommen. Zum Beispiel mit lauter Musik. Wenn ein Problem jedoch zu groß wird, wird es in der Hausversammlung mit Sozialpädagogen, Studenten und Jugendlichen besprochen. Und so ist zumindest nach 22 Uhr seit Kurzem Ruhe. Nur einer halte sich nicht immer an die Absprache, erzählt Kevin. Er würde sich über neue Studenten sehr freuen: „Sie sind für mich eine Art Elternersatz.“

Seine Mutter lebte jahrelang von Hartz IV, erzählt er. Viel Stress habe es zu Hause gegeben, deshalb hat er eine Weile bei seinen Großeltern gewohnt. Doch sie verlangten, dass er eine Ausbildung macht und arbeitet. Sie stellten ihn vor die Wahl: ein Internat in Chemnitz oder Teilnahme am Wohnprojekt in Moritzburg. „Am Anfang war es ziemlich langweilig“, sagt Kevin. „Doch man kann mehr aus seinem Leben machen.“

Den Alltag meistern, angefangen beim Frühaufstehen, um zur Schule oder Arbeit zu gehen, über Saubermachen bis hin zum Umgang mit Geld – das fällt den Jugendlichen schwer. Das Vorleben der Studenten und gemeinsame Aktivitäten wie Sporttreiben oder Kochen soll den Jugendlichen helfen, soziale Kompetenzen zu erlangen und ihren Tag zu organisieren.

Zwei der bislang drei letzten Studenten sind mit positiven Erlebnissen ausgezogen, erzählt David Meis. In Supervisionen können Erlebnisse auch besprochen und verarbeitet werden. Trotzdem kam „eine Studentin nicht klar.“ Deshalb bietet die Produktionsschule auch ein Probewohnen an. Denn Erzählen und das Erleben sind noch einmal zwei verschiedene Sachen.

Interessierte Studenten sollten idealerweise eine Ausbildung im sozialen Bereich machen, „müssen aber nicht an einer Evangelischen Hochschule sein“, betont Meis. Zum Beispiel gibt es viele Ausbildungsstätten in Dresden und eine in Großenhain. In die Landeshauptstadt bestehen auch sehr gute Busverbindungen. Wer an dem Wohnprojekt teilnimmt, erhält 200 Euro. 150 Euro warm beträgt die Miete, sodass den Studenten 50 Euro bleiben.

Kevin ist derzeit auf dem besten Weg, im nächsten Jahr seinen Hauptschulabschluss zu schaffen. Sein Drogenproblem hat er schon längst hinter sich. Und „in der Schule bin ich derzeit einer der Besten“, berichtet er stolz. Welche Berufsausbildung er anstrebt, weiß der junge Mann nach eigener Aussage noch nicht. Aber vielleicht ja doch: „Seit ich hier bin, arbeite ich in der Holzwerkstatt. Das macht mir Spaß.“

www.produktionsschule-moritzburg.de