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Eine Wohnung erzählt

Wer hat mal in diesen verlassenen Zimmern gelebt? Die Beräumer gehen auf Schatzsuche.

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© Christian Juppe

Von Henry Berndt

Rote Kidneybohnen, wahrscheinlich ein Jahresvorrat. Die Dosen stehen in einer Kiste im dunklen Flur. Auch junge Brechbohnen gibt es noch reichlich. Die Chancen stehen schlecht, dass dieses Gemüse noch auf einem Teller landen wird. Die Leute, die jetzt hier ihren Job verrichten, sind auf andere Dinge aus: auf Möbel, Elektrogeräte, auf Kunst, Schmuck. Kurz gesagt: auf alles, was sich zu Geld machen lässt.

Ihr erster Blick fällt auf die glänzende Glaskunst in Wohnzimmer.
Ihr erster Blick fällt auf die glänzende Glaskunst in Wohnzimmer. © Christian Juppe
Anke Kirmse packt fleißig ein.
Anke Kirmse packt fleißig ein. © Christian Juppe

Jens Michalzik und Anke Kirmse wurden vom Ordnungsamt beauftragt, die Wohnung im fünften Stock eines Plattenbaus in Mickten zu beräumen. Ihr Geschäftsmodell ist simpel: Die 35-Jährige und der 43-Jährige sorgen dafür, dass die Wohnung fristgerecht leer wird – und im Gegenzug dürfen sie alles verkaufen, was sie darin noch finden. Für ihr Unternehmen haben die beiden den passenden Namen „Die Beräumer“ gewählt. In ihrem Laden in Mickten nahe des alten Straßenbahnhofs verkaufen sie ausgewählte Dinge. Auch auf verschiedenen Plattformen im Internet sind ihre Angebote zu finden. Ihr Hauptlager haben sie in Freital.

Heute soll es Nachschub geben. Der letzte Bewohner dieser Wohnung war dement und musste in ein Seniorenheim ziehen. Mehr wissen die beiden nicht. „Und mehr wollen wir auch gar nicht wissen“, sagt Jens Michalzik. Emotionen sind für seine Arbeit ungefähr so hilfreich wie für einen Gerichtsmediziner. Allerdings gäbe es Ausnahmen. Wenn zuvor jemand in der Wohnung gestorben sei, dann halte er beim Eintreten einen Moment inne und begrüße denjenigen.

An diesem Montagvormittag aber gibt es niemanden zu grüßen. Mit einem Stapel grüner Plastikkisten im Arm läuft er die Treppen hoch. Anke folgt mit blauen Müllsäcken und Zeitungspapier. An der Haustür steht noch der Name des Mieters. Wie lange er wohl hier gewohnt haben mag?

Die Blümchentapete an den Wänden der drei Zimmer gibt eine erste Antwort. Auf dem Linoleum-Fußboden liegen schwere Teppiche. An den Wänden hängen Bilder in goldenen Rahmen. Es riecht nach Raumspray. Eine gepflegte Wohnung. „Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Jens Michalzik. „Einige Wohnungen können wir nur in weißen Ganzkörperanzügen betreten.“

Zahnbürste am Waschbecken

Die Beräumer laufen direkt ins Wohnzimmer durch. Vor einigen Tagen haben sie bereits einen ersten Blick in die Wohnung geworfen und entschieden, welche Gegenstände sie zuerst einpacken. Den Fernseher, die Waschmaschine und den Kühlschrank hat der frühere Mieter mit ins Pflegeheim genommen. Eine Kiste Weihnachtsbaumkugeln steht bereits im Laden. Sonst aber sieht es hier so aus, als sei der Mieter nur mal kurz einkaufen gegangen und komme gleich wieder. Neben der Tür stehen Pantoffeln, am Waschbecken liegt eine Zahnbürste, und an der Garderobe hängen Jacken und eine geblümte Dederonschürze. Offenbar wohnte hier jemand früher mit einer Frau.

Das Paar widmet sich zunächst einer stattlichen Sammlung von kunstvoll verziertem blau-goldenen „Bohemia“-Glas, produziert in den 70er- und 80er-Jahren in der Tschechoslowakei – sagt Google. Die Vitrinen im Wohnzimmer stehen voll mit Karaffen, Krügen und Bowleschalen, die nun vorsichtig in Papier eingewickelt und in die Kisten gestapelt werden. Heute und morgen wird gepackt. Am Mittwoch kommt der Umzugslift, mit dessen Hilfe alles in Transporter verladen wird. Dann geht’s ab nach Freital. Schon am Freitag soll die Wohnung komplett leer sein, so der Plan. Dank eines alten DDR-Mietvertrages müssen die Räume vor der Übergabe diesmal ausnahmsweise nicht renoviert werden. Durchkehren reicht.

Es ist kaum zu erahnen, wie viele Kisten diese Wohnung am Ende verlassen werden. Wer auch immer hier gewohnt hat, es müssen richtige Sammler gewesen sein. Beim Blick ins Schlafzimmer fragt man sich, wie all diese Kisten, Taschen, Decken und zum Teil gepackten Koffer, die als großer Berg auf dem Doppelbett liegen, jemals in die Schränke gepasst haben .

In einem Schrank sind selbst aufgenommene Videokassetten eingestapelt. Auf einer steht „Alte Filme Rühmann“, auf einer anderen „Ansehen!“. Unter einem Koffer findet sich eine unverschlossene blaue Geldkassette. Neben jeder Menge Kassenzettel liegen darin auch ein FDGB-Ausweis von 1962, ein Sparkassenbuch von 1963 und ein grüner Ausweis, ausgestellt vom Amtsgericht. Danach wurde der Mann im Jahr 2012 offiziell zum Betreuer seiner Frau bestellt. Persönliche Dinge wie diese werden die Beräumer in einer eigenen Kiste sammeln und am Ende dem früheren Bewohner übergeben, versprechen sie.

Goldmünzen sind Mangelware

Was auffällt: In der ganzen Wohnung ist kein einziges Foto zu finden. Darauf haben die Kinder oder Enkel beim Auszug des alten Herren offenbar geachtet. Dafür steht in einer der Vitrinen im Wohnzimmer das „Buch der Familie“ mit allen Geburts- und Eheurkunden im Original. Die Frau stammte gebürtig aus Tschechien – was das Bohemia-Glas erklärt. Auch die Urkunden sind ein Fall für die Erinnerungskiste.

Bei jedem einzelnen Gegenstand, den Jens Michalzik und Anke Kirmse finden, müssen sie entscheiden: zurückgeben, verkaufen, wegwerfen. Sie stehen mitten in einem zur Wohnung gewordenen Trödelmarkt. „Wir fühlen uns dabei schon ein bisschen wie Schatzsucher“, sagt Jens Michalzik. „Das macht einen großen Teil der Motivation für diesen Job aus.“ Die mächtigen Sessel kommen auf jeden Fall mit, sogar die halb vertrockneten Pflanzen auf den Fensterbrettern bekommen eine Chance. Auf Goldmünzen, antike Möbel und seltene Briefmarken würden sie allerdings nur äußerst selten stoßen. Dafür sorgen in der Regel die Erben.

Die Küche könnte samt Ausstattung komplett in ein DDR-Museum wandern. Viel Geld wird sich damit nicht machen lassen. Der Kronleuchter im Schlafzimmer sieht da schon spannender aus. „Bloß weil’s blinkert, muss es aber noch nicht wertvoll sein“, sagt Jens Michalzik. Er guckt genauer hin und sieht seine Ahnung bestätigt. „Nicht sehr alt.“ In jedem Raum hängen Uhren, keine läuft mehr. In jedem Raum hängen große Kalender, doch keiner ist von diesem Jahr. Die Zeit scheint an diesem Ort schon vor einer ganzen Weile stehengeblieben zu sein. Nun aber läuft sie weiter.