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Eine Wucht

Es ist ein Start nach Maß, aber wie ordnet man Dynamos 4:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart II richtig ein?

© Robert Michael

Von Sven Geisler

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„Es ist etwas anderes, wenn es die Schüler von den Profis hören!“

Er sei froh, sagt Uwe Neuhaus, und das kann er nach dem „absolut verdienten Sieg“ in seinem ersten Pflichtspiel als Dynamo-Trainer natürlich sein. Aber sein Fazit nimmt eine überraschende Wendung. „Ich bin vielleicht sogar froh, dass er nicht ein, zwei Tore höher ausgefallen ist.“ Und das liegt nicht etwa daran, dass sich der 55-Jährige schon bei seinem Luftsprung nach dem 3:0 die Wade gezerrt hatte. „Ich war ungefähr auf 1,50 Meter Höhe – da ist es passiert“, sagt er danach im MDR-Fernsehen. „Besser ich, als die Spieler.“

Davon hat er geträumt, als er noch für Regensburg traf: Aias Aosmann bejubelt mit Lumpi Lambertz sein erstes Tor für Dynamo. © Robert Michael

Impressionen vom Spiel am Sonnabend

Was Neuhaus nach dem 4:1 gegen die U23 des VfB Stuttgart meint, sind die in Dresden traditionell zu starken Ausschläge auf der Gefühlsskala. Es ist ein gelungener Start in die neue Saison, den die Mannschaft zu Recht in der Fankurve feiert. Aber ein rauschendes Fußballfest war es nicht. „Ich weiß nicht, ob Stuttgart der Gradmesser war“, zweifelt Marco Hartmann an der Aussagekraft des klaren Ergebnisses.

Tatsächlich sind die jungen Burschen aus dem Ländle sichtlich überfordert von der „Wucht im Stadion“, wie ihr Trainer Jürgen Kramny sagt: „Die Fans in Verbindung mit neuer Mannschaft und neuem Trainer – das war einfach zu stark für uns.“ Trotz der Unterstützung von 25 530 Zuschauern braucht Dynamo eine Viertelstunde bis zur ersten Chance, die sich dann aber in einer Szene gleich dreimal ergibt: VfB-Torwart Marius Funk pariert den Schuss von Justin Eilers, den Nachschuss von Nils Teixeira und ist auch beim Nachsetzen von Andreas Lambertz am Ball.

Das Dynamo-Zeugnis: Mannschaftlich stark

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Janis Blaswich

Note 4: Beginnt nervös. Riskante Zuspiele, Unsicherheit bei Faustabwehr. So gut wie nicht gefordert, beim Gegentor machtlos. Durchwachsenes Debüt.

Fabian Müller

Note 3: Dafür hat ihn Dynamo geholt: Hält auf der linken Seite Stefaniak den Rücken frei, erkennt, wann er sich selber offensiv einschalten kann.

Giuliano Modica

Note 3: Der Argentinier macht keine Mätzchen, sondern räumt hinten unaufgeregt auf. Die Stuttgarter stellen keine Herausforderung dar.

Michael Hefele

Note 2: Das meint der Trainer mit der Präsenz in den Zweikämpfen: In der Luft wie am Boden aufmerksam und kompromisslos, ein Abwehrchef eben.

Nils Teixeira

Note 3: Bekommt den Vorzug vor Kreuzer und spielt, wie man ihn kennt: hinten zweikampfsicher und nach vorn aktiv. Vergibt eine dicke Chance (15.).

Andreas Lambertz

Note 3: Will am Anfang wohl zu viel und hadert mit sich selbst, findet aber ins Spiel und dirigiert die Mitspieler. Beim Gegentor zu spät.

Marco Hartmann

Note 2: Wenn der Tüchtige Glück hat, warum hat er dann bei seinem Lattenkracher Pech (43.)? Beeindruckt die VfB-Bubis mit seinem Zweikampfverhalten.

Marvin Stefaniak

Note 2: Will mit dem Kopf durch die Wand – und schafft das oft auch. Sehr aktiv und an vielen guten Chancen beteiligt. Sein frecher Schlenzer leitet das 2:0 ein.

Aias Aosman

Note 2: Hat sichtlich Spaß am Spiel, traut sich etwas zu und belohnt sich mit seinem ersten Tor für Dynamo. Eine Entdeckung, auch wenn am Ende die Kräfte schwinden.

Justin Eilers

Note 2: Findet in Hälfte eins so gut wie gar nicht statt, lenkt aber mit zwei Toren die Aufmerksamkeit wieder auf sich. Muss eigentlich noch eins machen (58.).

Tim Väyrynen

Note 2: Erhält überraschend den Vorzug vor Testroet und rechtfertigt das Vertrauen mit einem Tor und zwei Vorlagen.

Sinan Tekerci

Note 3: Kommt wie vorige Saison zunächst mal von der Bank, nimmt den Konkurrenzkampf aber sofort an.

Pascal Testroet

Note 3: Braucht keine Anlaufzeit, was ihn ein bisschen für die Jokerrolle prädestiniert. Verpasst Teixeiras Eingabe knapp (89.).

Niklas Kreuzer:

Nicht zu bewerten. (SZ/-ler)

1 / 15

Wenig später fällt das 1:0 – und ein Traum geht in Erfüllung. Denn dass er ein Tor für Dynamo schießt, hatte sich Aias Aosman schon ausgemalt, als er in Dresden noch für Jahn Regensburg getroffen hatte. Das war vor gut einem Jahr beim 1:1. Er habe diese Atmosphäre sehr genossen und sich vorgestellt, wie sich das anfühlen mag, wenn die Massen ihm zujubeln. „Dass es so schnell geht, hätte ich nicht gedacht“, sagt der 22 Jahre alte Strahlemann, „umso größer ist die Freude.“

Auch bei Neuhaus. „Aias hat seinen Torriecher unter Beweis gestellt“, sagt der Chefcoach, und das ist nicht nur so eine typische Fußballfloskel. Aosman ahnt die Chance, bevor sie entsteht. Nach der Flanke von Marvin Stefaniak verlängert Lumpi Lambertz den Ball per Kopf zu Tim Väyrynen. „Ich glaube, er wollte aufs Tor schießen, aber dann ist der Ball unglücklich zu mir gekommen“, meint der glückliche Schütze. Weil Aosman weiterläuft, steht er nun am langen Pfosten und drückt die Kugel über die Linie. Seine simple Erklärung: „Ich will halt immer ein Tor machen.“

Väyrynen profitiert beim 2:0 von einem Torwartfehler, aber auch von Lambertz’ Einsatz, der den Keeper attackiert, und von seinem Instinkt, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. „Wenn er eine Chance bekommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er sie nutzt“, meint Neuhaus über den Finnen. Und grinsend fügt er hinzu: „Am besten war, dass wir ,Eile‘ damit ein bisschen gekitzelt haben. Der wurde ja schon ganz nervös, wollte sich nicht lumpen lassen.“

Tatsächlich trifft Justin Eilers in Hälfte zwei zweimal; unterbrochen allerdings vom Gegentor durch Matthias Zimmermann. Dieser Schönheitsfleck ist ein klitzekleines Ärgernis, weil „jedes zu null Sicherheit und Selbstvertrauen gibt“, wie Neuhaus sagt. „Wir hatten eigentlich Überzahl, da müssen wir uns einen Tick cleverer verhalten“, meint Michael Hefele. Es sei okay, das erste Spiel gewonnen zu haben, meint der Kapitän. „Aber das darf man nicht zu sehr in die Höhe jubeln.“

Von Anfang an Flagge gezeigt

Die Analyse dieses Spieles gleicht beinahe der Frage, wer zuerst da war, Ei oder Henne: War Dynamo stark oder Stuttgart schwach? Neuhaus spricht von „ein bisschen Unerfahrenheit“ der VfB-Talente, die in einigen Situationen „ein bisschen Naivität“ zeigten. Doch das ist eben auch nur die halbe Wahrheit. „Wir haben genug dafür getan, eine gute Präsenz in den Zweikämpfen gehabt“, erklärt der Trainer. „Wenn man sie spielen lässt, bekommt man Probleme. Man muss von Anfang an Flagge zeigen mit beherzten Aktionen.“

Hefele drückt es etwas drastischer aus: „Sie wollten es technisch lösen, aber wir haben ihnen gezeigt, dass hier Männerfußball gespielt wird.“ Im Rahmen des Erlaubten, versteht sich. Schiedsrichter Robert Schröder musste in dieser fairen Partie keine Karte zeigen. Es wirkt phasenweise so, als mieden die Stuttgarter jeglichen Körperkontakt.

Wie aber ordnet man diesen Start ein, der ein Auftakt nach Maß ist, ohne Gefahr zu laufen, ihn überzubewerten? „Wir müssen nix bremsen“, sagt Lambertz, „wir sind nicht euphorisch. Wir haben unseren Job erledigt, so gut es ging. Und so müssen wir weitermachen.“ Die echten Herausforderungen kommen erst, wahrscheinlich wird Dynamo schon im zweiten Spiel ganz anders gefordert sein. „Würzburg ist zu Hause eine Macht, eine Festung. Außerdem nehmen sie den Schwung vom Aufstieg mit“, mahnt Hefele vor dem nächsten Gegner. „Die sind körperlich eine andere Mannschaft, spielen härter.“

Dynamos zweite Reihe gewann gestern einen Test beim Landesliga-Aufsteiger VfL Pirna-Copitz mit 7:2 (4:1). Die Tore für Dynamo erzielten Sinan Tekerci (37., 64., 72.), Luca Dürholtz (14./Foulelfmeter, 45.) und Pascal Testroet (35.) sowie Eric Richter (53./Eigentor).