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Eine zweite Chance für Straßenkinder?

© Christian Juppe

Da die Förderung ausläuft, steht die Straßenschule der Treberhilfe vor dem Aus. Bis März soll ein neues Konzept her.

Von Julia Vollmer

Irgendwann blieb er einfach liegen. Ignorierte den Wecker, der jeden Tag um sechs Uhr klingelte. Seine Lehre zum Koch schmiss Rafael hin. Er stand auf der Straße. Ohne Perspektive, ohne Wohnung. Danach schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, schlief mal hier, mal da bei Freunden, manchmal auf der Straße. Der 22-Jährige, der in der Dominikanischen Republik zur Welt kam und jetzt seit über zehn Jahren in Deutschland lebt, hat zwar einen Hauptschulabschluss – doch ihm fehlte die Ausbildung und oft auch die Lust. Jetzt gibt ihm die Straßenschule am Albertplatz eine neue Chance. Die Chance auf einen Realschulabschluss und auf ein neues Leben. „Nur mit Hauptschulabschluss nimmt einen keiner“, sagt er.

Doch die Schule, die seit Jahren ehemaligen Straßenkindern und Schulverweigerern wie ihm einen Neustart ermöglichen will, steht vor dem Aus. Erneut. Bereits im letzten Jahr retteten erst 100 000 Euro aus dem Sozialtopf von SPD, Linke und Grünen im Stadtrat im letzten Moment das Projekt. Zwei hauptamtliche Mitarbeiter können derzeit davon bezahlt werden, die Miete erlässt der Vermieter der Schule für die Räume am Albertplatz. Doch das Geld reicht nur bis zum Schuljahresende. Gibt es danach keine neue Förderung, endet der Schulbetrieb. Das Sozialamt fühlt sich nicht zuständig, verweist auf die Abendschulen, wo Abschlüsse nachgeholt werden könnten.

Treberhilfe-Chef Dieter Wolfer reichte daher einen Förderantrag beim Jugendamt über das Schuljahresende hinaus ein, diesen lehnte der Jugendhilfeausschuss ab. Aber die Ausschussmitglieder wollen dem Projekt eine Chance geben – mit einem neuen Konzept. Das Jugendamt soll den Träger bei der Überarbeitung des Konzeptes bis Ende März unterstützen. Die jugendhilflichen Leistungen sollen von dem Angebot, den Schulabschluss nachzuholen getrennt werden, so Diana Petters aus dem Presseamt. Auch der Kostenplan soll angepasst werden. Danach will sich das Jugendamt mit dem Landesamt für Schule und Bildung abstimmen, ob und wie es mit der Straßenschule weitergehen kann. Wolfer hofft auf eine Kooperation mit den Ämtern. „Das Projekt ist erfolgreich, unsere Erfolgsquote liegt bei 80 Prozent geschaffter Schulabschlüsse.“

Ähnlich wie der Straßenschule erging es dem Projekt 2. Chance der Arbeiterwohlfahrt und des Sächsischen Ausbildungs-und Förderungswerks. Zum Jahresende stellte die Stadt die Förderung für das Schulverweigerer-Projekt ein. Im Dezember beschloss der Jugendhilfeausschuss, dass es ein neues Angebot für Schulverweigerer geben soll. Doch ob und wann das realisiert wird, ist offen. Nötig ist ein Angebot, denn die Zahlen der Schulverweigerer steigen. Während es im Jahr 2010 rund 965 Fälle gab, meldet das Schulverwaltungsamt 2017 bereits 1351 Schüler. Gründe sind soziale Probleme, Stress mit den Eltern, Drogen und Alkohol wie bei vielen Schülern der Straßenschule oder Mobbing sowie fehlende Motivation.

Jugendliche wie Rafael und Jana, die neben ihm im Unterricht sitzt, kennen Ausgrenzung und auch die fehlende Lust auf Schule. Jana lebte jahrelang auf der Straße. Ohne festen Tagesablauf. Sie schlug sich durch, schlief mal im Park und mal bei Freunden. Regelmäßig übernachtete sie im Übergangswohnheim. „Ich will meinen Abschluss schaffen und auf eigenen Beinen stehen“, sagt sie.

Fast 20 Schüler lernen mit ihr in der Straßenschule. Der Unterricht startet früh um neun, auf Beschluss der Schüler. „Viele von ihnen müssen sich nach Jahren auf der Straße erst mal an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen“, erzählt Dieter Wolfer. An das Stillsitzen im Unterricht und daran, Autoritäten anzuerkennen. Das bunt gemischte Dozententeam aus Studenten, Rentnern und Ehrenamtlern unterrichtet die Teilnehmer in allen prüfungsrelevanten Fächern – darunter Deutsch, Mathe, und Physik, so Projektleiterin Beate Rohder. Die Dozenten bereiten die Schüler auf die Prüfung an Oberschulen und Hauptschulen vor. Die Teilnehmer legen dort die Prüfungen ab, ohne dort Schüler zu sein. Fünf mündliche und vier schriftliche Prüfungen sind es. Im Mai wird es ernst. Auch für Rafael. Wenn er seinen Abschluss schafft, will er Tischler oder Maler werden und wieder Halt im Leben finden.