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30 Jahre Wir

Einer, der auszog, zu bleiben

Bernhard Sonntag kam 1991 für ein halbes Jahr zum Aufbau der Gewerkschaft aus Baden-Württemberg an die Spree. Heute nennt er sich angekommen in der Oberlausitz.

Bernhard Sonntag kam 1991 in die Oberlausitz. Es kostete ihn viel Überzeugung, seine Familie zum Umzug zu überzeugen. Doch er hat hier eine neue Heimat gefuunden.
Bernhard Sonntag kam 1991 in die Oberlausitz. Es kostete ihn viel Überzeugung, seine Familie zum Umzug zu überzeugen. Doch er hat hier eine neue Heimat gefuunden. © Steffen Unger

Bautzen. Jeder begrüßt Bernhard Sonntag im Steinhaus mit Handschlag, mit einigen wechselt er ein paar Worte. Trotz Rentner-Dasein kann es der ehemalige Bautzener DGB-Chef nicht lassen sich einzumischen. Beim Verein „Willkommen in Bautzen“ arbeitet der 62-Jährige im Vorstand, ein bisschen Kolpingfamilie, Eine-Welt-Verein in Schirgiswalde und CDU kommen noch dazu. Familie, Enkel und Garten darf er auch nicht vergessen. Aus Wegbegleitern sind Freunde geworden. „Wir leben bald 30 Jahre in der Oberlausitz. An keinen Ort war ich bisher länger. Den Granitkopf haben wir schätzen gelernt“, sagt er. Am 2. Januar 1991 begann der Gewerkschafter sein Bautzener Abenteuer.

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Bernhard Sonntag lächelt leise. Seine Gedanken gehen in den November 1989. Die Gewerkschaft hat den gebürtigen Rheinländer gerade nach Waiblingen geschickt. Der ausgebildeten Garten- und Landschaftsbauer hatte schon immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. „Ungerechtigkeit nervt einfach und wo ich mich einsetzen kann, mache ich es auch“, sagt er. Nach seiner Lehre in der Düsseldorfer Stadtgärtnerei führt ihn der Wunsch mehr für Arbeitnehmer zu machen, erst in den Personalrat und dann zur Gewerkschaft. Sie schickt den wissbegierigen jungen Mann zu Lehrgängen, dann zum Studium auf der Sozialakademie auf dem klassischen zweiten Bildungsweg.

Gewerkschaftsarbeit von der Pike auf gelernt

Danach geht’s für Bernhard Sonntag quer durch die alten Bundesrepublik. Steinfurt, Trier und Solingen sind seine Stationen als Gewerkschaftsvolontär. Er lernt das Handwerk des Vernetzens und Miteinanderredens, Veranstaltungen zu organisieren und mit Politikern ins Gespräch zu kommen. In Waiblingen könnte er all dieses Wissen anwenden, doch dann fällt die Mauer. Das innerdeutsche Beben verfolgt er von der Couch am Fernseher. Der zweifache Vater ist gerade krank - und die Menschen auf der anderen Seite der Mauer sind weit weg . „Wir hatten keinerlei Verwandtschaft im Osten, außer in Ost-Berlin war ich nie vorher auf dem Territorium der DDR“, erinnert er sich.

Vielleicht reizt Bernhard Sonntag genau dieses Unbekannte, vielleicht ist es auch Abenteuerlust. Bereits zur Jahreswende 1989/90 begeben sich die ersten DGB-ler für den Aufbau Ost in die Startlöcher, nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 stellt sich der spätere sächsische DGB-Vorsitzende Hanjo Lucassen eine „Task Force“ für die neuen Bundesländer auf. Lucassen und Sonntag kennen sich aus der Düsseldorfer Zeit. „Ich habe gelesen, dass Leute gesucht werden und mich bei ihm gemeldet, dass ich Interesse für ein halbes Jahr hätte“, sagt der Schirgiswalder.

Kurz an Entscheidung gezweifelt

Die ersten Angebote heißen Leipzig, Chemnitz und Dresden. Aber in die Großstadt will Bernhard Sonntag nicht. Zwei weitere Einsatzorte werden ihm genannt: Plauen und Bautzen. „Der Blick auf die Karte sagte mir, dass Plauen an der bayerischen Grenze, quasi um die Ecke, liegt. Bautzen indes kannte ich nur vom Namen. Ich war bereit, mich darauf einzulassen“, sagt er rückblickend. Die Anfahrt über Dresden ist eine Tagesreise, die Autobahn gen Osten wird immer kaputter. Beim ersten Anblick Bautzens bekommt er jedoch kurz Zweifel an seiner Entscheidung. Der Einblick der Altstadt erschüttert ihn, fast jedes Haus ist kaputt, in der Luft hängt der Geruch von Kohleöfen und Trabis.

Sein erstes Zuhause auf Zeit wird das Hotel „Stadt Bautzen“. „Das Haus war proppenvoll, lauter Westdeutsche – und nicht alle hatten Interesse etwas zu bewegen, außer Geld Richtung Westdeutschland“, sagt Bernhard Sonntag. Der Gewerkschafter fremdelt mit jenen Landsleuten, er sorgt sich um die Menschen vor Ort. Im Frühjahr 1991 ist die Einheitseuphorie verflogen, die ersten großen Betriebe sind dicht gemacht, Zehntausende stehen auf der Straße. Spätestens jetzt ist ihm klar, dass eine sechsmonatige Abordnung nicht reichen wird.

Zuerst braucht es aber demokratische Strukturen, anders als beim sozialistischen FDGB. „Wir haben bei Null angefangen, mussten Kollegen finden, die in den Betrieben und Gewerkschaftsgremien Verantwortung übernehmen wollen und ein Vertrauen zu den politischen Mandatsträgern aufbauen. Sie sahen uns vielfach als FDGB-Nachfolger und sahen uns als linke Sozialisten“, sagt Bernhard Sonntag. Seine Hauptaufgabe in der ersten Zeit ist es, mit Arbeitsamt und Politikern Maßnahmen für die Flut an Arbeitslosen zu entwickeln. Anfangs setzt er sich am Wochenende zuweilen mehr als einen halben Tag ins Auto, um zu seiner Familie zu fahren.

Fünfmal das Vertrauen erhalten

Schon bald lädt der DGB-Abgeordnete seine Frau und die beiden Kinder ins Auto, um ihnen seinen neuen Einsatzort zu zeigen. Mit dem Spaziergang entlang der Spree durch die kaputte Seidau überzeugt den Rest der Familie vorerst nicht. Es kostet ihn viel Überzeugungsgeschick, ein kleines, sanierungsbedürftiges Haus in Schirgiswalde macht den Lieben den Abschied in Baden-Württemberg leichter. Die Familie steckt viele Stunden ihrer Freizeit in die Sanierung – und damit wird auch ein Entschluss gefasst. Bernhard Sonntag kandidiert 1991 als DGB-Kreisvorsitzender in Bautzen und wird gewählt. Fünfmal sprechen ihm die Mitglieder bis 2017 insgesamt dieses Vertrauen aus.

Zweieinhalb Jahr ist Bernhard Sonntag inzwischen Rentner. „Ich habe von Anfang versucht, viel zu zuhören, versucht ein Gespür zu entwickeln, wie die Menschen ticken und mich bemüht auf ihre Gefühlslagen bei diesen riesigen Umbrüchen einzugehen“, sagt der Wahl-Oberlausitzer. Er sieht sich selbst als Brückenbauer, einer, der immer ehrlich mit den Menschen geredet hat. An eine Rückkehr in die alte Heimat habe er nie gedacht. In seiner neuen Heimat indes ist er nicht nur beim Plausch überm Gartenzaun, sondern auch beim Dienst im Eine-Welt-Laden regelmäßig und zuweilen im Steinhaus anzutreffen. Das Abenteuer ist auch knapp 30 Jahre nach seiner Ankunft noch lange nicht vorbei. Stattdessen sagt er: „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“

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