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Ein hochbegabter Informatiker und sein Ideengeber holen Apples weltweit begehrte Trophäe nach Leipzig – und sind noch längst nicht am Ziel.

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© Ronald Bonß

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Dieser Text ist ein Test. Er wurde mit Ulysses erfasst statt mit Word. Und das hat seinen Grund. Das Schreibprogramm für Autoren stammt aus Leipzig, wo auch diese Geschichte spielt. Sie handelt von Max Seelemann, einem überdurchschnittlich begabten IT-Entwickler. Er hat schon als Gymnasiast in Leipzig das Programmieren von Ulysses angefangen, war an der TU Dresden einer der besten Informatikstudenten seines Jahrgangs und hat in diesem Sommer, mit 30 Jahren, einen vorläufigen Karrieregipfel erklommen: Am Montag, 13. Juni, stand er auf der Bühne des „Bill Graham Civic Auditorium“ in San Francisco und erhielt aus den Händen von Apples „Chef-Evangelisten“ John Geleynse den Design-Award des Konzerns. Es ist ein kleiner Aluwürfel, in dem ein angebissener Apfel leuchtet, wenn man ihn berührt, und es ist für manche App-Entwickler die wohl begehrteste Trophäe der Welt.

Zeitig Lust aufs Programmieren

Dass dieser Designpreis nun in einer Vitrine in Sachsen steht, dürfte ziemlich einmalig sein – so wie die Geschichte dahinter. Sie beginnt vor 14 Jahren. Der Hamburger Werbefachmann Marcus Fehn will an einem Buch schreiben, findet aber kein passendes Programm. Er setzt eine Nachricht in einem E-Mail-Verteiler für Mac-Programmierer ab, Facebook gibt es noch nicht. Tenor: „Ich hab eine Idee für ein Programm. Hat jemand Lust, es zu schreiben?“ Es meldet sich der Leipziger Max Seelemann. Er ist gerade 15, Schüler am Ostwald-Gymnasium und programmiert nebenbei. „Ich bin von meinen Eltern vorgeprägt und habe schon als Kind kleine Spiele am Computer entwickelt“, erzählt er.

Marcus Fehn probiert es mit Max. Die Software entsteht binnen eines Jahres und kommt 2003 per eigener Webseite auf den Markt. Die ersten Versionen werden verkauft, Max tüftelt weiter. Es sollte noch ein Jahr dauern, ehe sich das ungleiche Duo zum ersten Mal sieht, 2004 während der Leipziger Buchmesse. Bald studiert Seelemann Informatik an der TU Dresden, 2011 schließt er als Jahrgangsbester ab.

Doch statt einer Doktorarbeit schreibt der Informatiker eine neue Version seines Programms. Die Software-Grundlagen bei Mac hatten sich zu stark weiterentwickelt. „Einige Funktionen, die wir anfangs eingebaut hatten, gab es nun auf der Mac-Plattform“, erzählt Max Seelemann. Er zieht zurück nach Leipzig und holt zwei Kommilitonen aus Dresden hinzu, die bei Ulysses 2.0 helfen. Und er gründet mit Marcus Fehn das Unternehmen „The Soulmen“ – eine englische Variante seines Nachnamens. Fehn kümmert sich seither von Hamburg aus um Konzeptionelles, Recherchen und Abläufe. Alles selbst finanziert, ohne Geldgeber.

Die Verkaufszahlen steigen, die Firma wächst, auch wenn es mitunter hart ist. Mit der Version für das Tablet 2015 kommt der endgültige Durchbruch, es wird das erste gute Geschäftsjahr. Der Umsatz explodiert, die USA und China werden zu den größten Märkten. Der Start der App für das iPhone im März dieses Jahres tut ein Übriges.

Mittlerweile sind elf Mitarbeiter bei dem Start-up am Rande der Leipziger Innenstadt beschäftigt. Die App für 45 Euro liegt in acht Sprachen vor, sie hat sich bald 100 000-mal auf der Welt verkauft. An einer Bürowand der „Soulmen“ hängen Auszeichnungen von Apple: Ulysses III wurde 2013 und 2015 zu einer der besten Apps des Jahres gekürt, unter zwei Millionen Konkurrenten. Apple schrieb, das Programm werde von seinen Mitarbeitern selbst gern genutzt. Dem Konzern fühlt sich Seelemann seit Jahren verbunden: Seit 2007 reist er regelmäßig zu deren Entwicklerkonferenz nach San Francisco. „Es ist der beste Weg, mit anderen Entwicklern ins Gespräch zu kommen“, sagt er.

Anfang August ist die Ulysses-Version 2.6. erschienen. Doch ein Ende der Reise ist nicht in Sicht. „Wir entwickeln das Programm ständig weiter“, sagt Max Seelemann. Sein Team wolle immer noch Funktionen ergänzen oder vereinfachen, etwa gemeinsames Arbeiten mit anderen Schreibern erleichtern. „Es ist schon eine krasse Vorstellung“, sagt der 30-Jährige, „dass täglich zigtausend Menschen auf der Welt mit unserem Programm arbeiten.“

Test bestanden

Gedacht ist das minimalistische, übersichtliche Programm besonders für Autoren, für Schriftsteller und Wissenschaftler ebenso wie für Blogger und Journalisten. Grundidee ist, sich allein aufs geschriebene Wort zu konzentrieren. Tatsächlich hat man nur ein leeres digitales Blatt vor sich, Werkzeuge müssen gesondert aufgerufen werden. „Man ist gezwungen, sich nur mit dem Text zu beschäftigen“, sagt Seelemann. „Viele Nutzer bestätigen uns, dass sie in kürzerer Zeit bessere Texte schreiben.“ Dazu ist Ulysses aufgebaut wie ein E-Mail-Programm: Auf Wunsch sind in der Bibliothek am linken Rand alle Textbausteine einsehbar und abrufbar. Zudem werden die Texte mit dem iPad oder iPhone synchronisiert, wenn man die zusätzliche Version erwirbt. So kann ein Autor einen Text am Computer beginnen, sich während einer Bahnfahrt am Handy Notizen machen und abends auf dem Sofa die Geschichte am Tablet zusammenfügen. Dann kann sie verschickt werden.

Wie bei diesem Text. Test bestanden.