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Einfühlsamer Chronist

Gratulation. Heute feiert der Autor Erich Loest seinen 80. Geburtstag.

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Von Klaus Staeck

Meinungsfreiheit war noch nie nur eine Sättigungsbeilage auf der kalten Platte der Gesellschaft. Sie muss stets aufs Neue erkämpft und verteidigt werden. Wer weiß das besser als Erich Loest, der leidenschaftliche Streiter für die Freiheit der Literatur, von keiner Staatsmacht zum Schweigen zu bringen.

Es gibt Tage und Ereignisse, die sich ins Gedächtnis einbrennen und die man nie mehr los wird. Der 17. Juni 1953 ist so ein Datum für Erich Loest, für mich und viele andere. Von diesem Tag an konnte sich kein denkender Mensch in Sachen Aufbau des Sozialismus mehr auf naive Gutgläubigkeit berufen. Für mich kam er zur rechten Zeit. Er hat meine Zweifel an dem System DDR zur Gewissheit werden lassen. Für einen 15-jährigen Schüler waren die Folgen dieser Einsicht kalkulierbar, die Flucht in den Westen nur noch eine Frage des Zeitpunkts. Für den zwölf Jahre älteren Erich Loest waren sie dramatischer. Öffentlich geäußerte Zweifel am System waren im 1. Arbeiter- und Bauernstaat nicht vorgesehen.

In einem Interview hat sich Erich Loest kürzlich über den 17. Juni so geäußert: „Dieser Tag, den ich im Zentrum Berlins erlebte, bedeutete für mich einen Schock: Die Arbeiter erheben sich gegen die Partei, die sich Arbeiter- und Bauernpartei nannte.“ Wer so dachte, für den folgten 1957 Ausschluss aus der SED und Verhaftung wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“. Schließlich 1958 Verurteilung zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus, verbüßt im berüchtigten Bautzen II.

Ich weiß nicht mehr, wann wir uns zum ersten Mal gesehen haben. Wahrscheinlich bei einem der Günter-Gauß-Empfänge in der Ostberliner Ständigen Vertretung. Jedenfalls – so viel steht fest – haben wir uns immer schon gekannt. Es ist vor allem die politische Erfahrung im Umgang mit Diktaturen, die wir manchen voraus haben. Deshalb ist wohl auch unser Gefahrenbewusstsein um die Verletzbarkeit von Demokratie und Freiheit ausgeprägter. Es ist Loests klare Haltung, der auch die Gegner einen gewissen Respekt nicht versagen können. Niemand geht freiwillig für seine Überzeugungen sieben Jahre ins Zuchthaus. Es ehrt Erich Loest, dass er diese „gemordete Zeit“ nie als Argument, gar als Keule in den vielfältigen Auseinandersetzungen benutzt hat.

Sozialdemokratismus galt in der DDR als Stigma. Ich habe in Erich Loest auch immer den Genossen, allerdings den sozialdemokratischen, in des Wortes bester Bedeutung gesehen, Sozi mit oder ohne Parteibuch. Es ist wohl diese Grundüberzeugung, die wir teilen, warum wir auch einander vertrauen. Ohne Verantwortung ist Vertrauen jedoch nicht zu haben. Als ich vor 14 Tagen wieder einmal um eine Unterschrift für einen Solidaritätsaufruf zur Unterstützung der um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze streikenden AEG-Kollegen in Nürnberg bat, wollte er den ganzen Text gar nicht hören. In unseren Beziehungen ist Solidarität ein Schlüsselbegriff und nicht nur ein Wort, das nach Belieben in die politische Arena geschleudert wird und mit dem inzwischen auch eine Angela Merkel jongliert.

Sinnliche Schmalzbemmen

Als wir 1992 die „3. Bitterfelder Konferenz“ veranstalteten, war es selbstverständlich, dass Loest das Eingangs-Statement hielt. Wer hätte kompetenter über den Bitterfelder Weg und Irrweg mit seiner Forderung „Greif zur Feder Kumpel“ und „Erklimmt die Höhen der Kultur“ sprechen können als er, der Grenzgänger zwischen Ost und West.

Schließlich ist er nicht nur der einfühlsame, detailgenaue Chronist deutscher Geschichte, sondern als Schriftsteller und Historiker der große Erzähler der kleinen Leute und ihrer großen Geschichten, jemand, der auch die Sinnlichkeit des Alltags meisterhaft vermitteln kann. Wenn bei Loest von Schmalzbemmen zu lesen ist, dann schmeckt man sie geradezu.

Die professionellen Kritiker nehmen oft übel, wenn jemand Kunst und Leben, Kunst und Politik verbinden will. Das haben auch Böll, Grass und viele andere erfahren. Erich Loest hast sich um diesen künstlichen Streit nie geschert. So ehren wir in ihm heute auch den politisch engagierten Einmischer, selbst wenn diese Fähigkeit derzeit nicht gerade in ist.

Klaus Staeck, 1938 in Pulsnitz geboren,

wuchs in Bitterfeld auf und übersiedelte 1956 in die BRD. Berühmt machten ihn provokante politische Grafiken und Plakate.