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Eingesperrt und zur Arbeit gezwungen

Dass es ein Arbeitslager bei Königstein gab, ist wenigen bekannt. Ein Projekt will die Erinnerung daran wachhalten.

© SRB

Von Katharina Klemm

Königstein. Unterhalb der Festung Königstein, genau da, wo heute das Parkhaus für die Besucher steht, befand sich früher Orion I. Ein Konzentrationslager, von den Nationalsozialisten noch im November 1944 eingerichtet. Nicht weit davon über die B 172 hinweg, rechts des Milchwegs befand sich ein weiterer Teil des sogenannten Außenlagers des KZ Flossenbürg, Orion II. Häftlinge, die das erste Lager aufbauten, waren währenddessen im Struppener Mittelgasthof untergebracht. Bis zur Aufgabe der beiden Orion-Lager im März 1945 inhaftierte man dort etwa 1 000 Menschen.

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Auf einem Luftbild, das die Rote Armee 1945 anfertigte, sind die beiden Lager, die ein Außenlager des KZ Flossenbürg bildeten, zu erkennen. Wo früher Orion I war, steht heute das Parkhaus der Festung. Orion II lag im Wald versteckt. Die Straße nach Königs © Repro: Akubiz

Dass es solche Lager auch in der Sächsischen Schweiz gab, sei bisher nur lückenhaft aufgearbeitet worden, sagt der Verein Akubiz aus Pirna. So würden Orte, an denen an die Verfolgung während des Nationalsozialismus erinnert werden könnte, verfallen. Mit seinem Dokumentations- und Erinnerungsprojekt „Gedenkplätze“ will der Verein gegen das Vergessen angehen und zur Geschichte von Verfolgung und Widerstand in der Sächsischen Schweiz während der NS-Zeit recherchieren. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Mitglieder auf einer Internetseite.

Die Geschichte des Nationalsozialismus in der Sächsischen Schweiz werde bisher noch zu wenig beleuchtet, meint Wolf Meyer. Er hat zwei Jahre lang die Projektkoordination für Gedenkplätze übernommen und zum Thema recherchiert. Über Bildungsfahrten zu den Konzentrationslagern Auschwitz und Theresienstadt fing er an, sich mit der Verfolgung unter den Nationalsozialisten zu beschäftigen. Meyer selbst kommt aus der Sächsischen Schweiz und ist Mitglied der Schwarz-Roten Bergsteiger, einer Untergruppe der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) Dresden, die das Projekt ebenfalls fördern.

Deren Engagement allerdings könnte andere etwaige Unterstützer abschrecken. Denn der sächsische Verfassungsschutz stuft die Dresdner FAU sowie die Schwarz-Roten Bergsteiger als linksextremistisch ein und beobachtete diese. Ihr Ziel sei es, die freiheitlich-demokratische Grundordnung abzuschaffen, heißt es im Jahresbericht 2016 des Verfassungsschutzes.

Genaue Opferzahlen sind unbekannt

In Archiven und Chroniken hat das Team Informationen zum Lager unterhalb der Festung gesucht. Die damaligen Häftlinge mussten bei Strand 23 Stollen in den Felsen treiben. Ziel war es, dort eine bombensichere Fabrikanlage für Treibstoff einzurichten. Die Stollen sind noch heute vorhanden. Einer wird von der Schützengesellschaft Königstein als Schießstand genutzt.

Auch Berichte von überlebenden Häftlingen hat das Team in seine Berichterstattung mit aufgenommen. Einem tschechischen Häftling zufolge mussten die Gefangenen in gefährlichem Gelände arbeiten. Oft lösten sich Steine aus den Felsen, durch die manche verwundet und sogar getötet worden seien.

Die Arbeit im Steinbruch und die unzureichende Verpflegung kostete über 70 Menschen das Leben, hat die Projektgruppe recherchiert. Heute ist nichts mehr vom Lager bei Königstein zu sehen. Nur einzelne Fundamente sind noch in der Erde zu finden. Mitglieder der Schwarz-Roten Bergsteiger haben diese im vergangenen Jahr auf etwa 15 Metern freigelegt.

Das Gebiet, auf dem sich früher das Lager Orion II befand, gehört heute zum Landeswald des Freistaates Sachsen. Ob der Staatsbetrieb Sachsenforst von der Grabung wusste oder wie er diese bewertet, ist noch nicht bekannt. Dass das Lager existierte, weiß man. Doch derzeit gebe es vonseiten des Forstes keine Bestrebungen, dessen Reste zu erhalten beziehungsweise einen Verweis auf diese zu geben, teilt Kerstin Rödiger, Sprecherin des Forstbezirkes mit.Sollten Maßnahmen angestrebt werden, werde man diese unterstützen. Auch Königsteins Bürgermeister Tobias Kummer äußerte sich entsprechend. Derzeit gebe es von der Stadt keinerlei Bestrebungen.

Genaue Zahlen, wie viele Menschen in der Sächsischen Schweiz interniert wurden oder umkamen, gibt es laut Wolf Meyer nicht. Viele Opfer seien nicht registriert worden. Es sei daher schwierig, ihre Zahl zu bestimmen oder sie gar namentlich zu benennen. Außerdem seien viele offizielle Unterlagen kurz vor Kriegsende geschreddert oder bei Bombenangriffen zerstört worden. Die Arbeit sei daher sehr detektivisch, so Meyer. Man könne jahrelang daran forschen.

Das Team freut sich deswegen immer über neue Helfer, die sie bei der Forschung, auch zu weiteren Lagern wie in Halbestadt oder Struppen, unterstützen. Aber auch über Personen, die sich noch an die Zeit in der Region bis 1945 erinnern und vielleicht zur Aufklärung beitragen, umso die Erinnerung zu bewahren.

Infos im Internet