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Einkaufen in der virtuellen Schattenwelt

Die Tatwaffe des Münchener Amokläufers stammt aus dem Darkweb, einem verborgenen Bereich des Internets.

© dpa

Von Daniel Mudra

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Hatte es der Nutzer im Kommentarbereich der Computerzeitschrift Chip vorhergesehen? Zweieinhalb Monate vor dem Amoklauf in München kritisierte er einen Artikel über die Schattenwelt des Internets mit dem Satz: „Soll das jetzt zu Zeiten des Terrors zum Bestellen einer Waffe anregen?“

David S. jedenfalls hat genau das getan. Der junge Mann, der am vergangenen Freitag in München neun Menschen tötete und sich dann selbst erschoss, hatte die Waffe, eine Pistole vom Typ Glock 17, im Internet besorgt. Sie war eine unbrauchbar gemachte Theaterwaffe, quasi eine Requisite. Offensichtlich aber war sie wieder scharfgemacht worden, ein Prüfzeichen aus der Slowakei ist darauf zu finden. Anders jedoch als bei den meisten Amokläufen der letzten Jahre hatte David S. die Pistole nicht aus dem Waffenschrank seines Vaters gestohlen, sondern sie sich in einer Parallelwelt des Internets beschafft: dem Darkweb.

Es ist ein Teil im Netz, der mit Suchmaschinen wie Google nicht zu finden ist. Es ist der schmutzige Teil des Deepweb. Zum Deepweb gehören immens umfangreiche Datenbanken wie die der Nasa oder von Klimaforschern bis hin zu inaktiven Facebook-Profilen. Inzwischen übersteigt die Datenmenge im Deepweb den gemeinhin zugänglichen Teil des Internets um ein Vielfaches. Den meisten Nutzern ist es dennoch völlig unbekannt.

Ursprünglich ist es aus einer Initiative der US-Marine entstanden, die damit Regimekritikern in ihnen feindlich gesinnten Ländern einen sicheren Informationsaustausch gewähren wollte. Der Zugriff darauf erfolgt über spezielle Browser wie TOR. Die Abkürzung steht für The Onion Ring: Die Suche in diesem Bereich folgt dem Aufbau einer Zwiebel (englisch: onion), bei der mit jeder abgelösten Schale Spuren verwischt werden. Die Standortinformationen des Nutzers verlieren sich in einer Reise rund um den Globus. Die Weiterleitung erfolgt dann über sogenannte Wikis mit Links zu anderen Seiten bis hinein in den dunkelsten Teil des Deepwebs, dem Darkweb. Diese Technologie schafft ein Paradies für all jene, die nicht erkannt werden wollen.

Zwar hilft die Anonymität des Darkwebs Dissidenten wie dem Whistleblower Edward Snowden, ihre Informationen weiterzuverbreiten. Gleichzeitig ist es aber auch ein Tummelplatz für Kriminelle: Drogenhändler, Geld- und Ausweisfälscher, Hacker und Auftragsmörder, Betreiber von kinderpornografischen Seiten und eben Waffenhändler.

In Sachsen bekämpft seit 2014 eine Spezialeinheit des Landeskriminalamtes mit über 60 Mitarbeitern auch diese Form der sogenannten Cyberkriminalität, das SN4C. Die Polizei spricht auch von „Underground Economy“. Die Täter ausfindig zu machen und strafrechtlich zu verfolgen, ist jedoch fast unmöglich. Ein Hauptschwerpunkt liegt daher auf der Aufklärung.

Zwar gelingt immer wieder mal ein Schlag gegen unvorsichtige Darkweb-Nutzer, selten decken die Sicherheitsbehörden größere Fälle auf wie Silkroad, den größten Drogenumschlagplatz im Darkweb. Doch meist führen in diesen Fällen nur die Unbedachtheit der Nutzer zum Erfolg und nicht ein Durchbruch der Behörden im Umgang mit dem TOR-Browser.

Auch normale Nutzer sollten sich vorsehen, wenn sie das Darkweb besuchen. Dort existieren Seiten, bei denen schon das Anklicken strafbar ist, etwa wenn Kinderpornografie angeboten wird. Abgesehen davon drosselt die Technologie dieser speziellen Browser die Internetverbindung extrem.