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Einmal Nobelpreis und zurück

Die Dresdner Ärztin Carlotta Conrad ist dabei, wenn in Oslo die Kampagne gegen Atomwaffen ausgezeichnet wird.

© Christian Juppe

Zwischen ihrem Spätdienst als Assistenzärztin am Uniklinikum und dem Abflug nach Oslo nimmt sich Carlotta Conrad Zeit für ein Interview. Die 27-Jährige arbeitet im Vorstand des Vereins „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ (IPPNW). Die Organisation hat vor zehn Jahren die Internationale Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen (Ican) ins Leben gerufen. Diese Kampagne erhält am Sonntag in Oslo den Friedensnobelpreis. Carlotta Conrad aus Dresden ist dabei.

Frau Conrad, wie aufgeregt sind Sie, wenn Sie an Oslo denken?

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Seit gestern merke ich, wie die Aufregung steigt. Das ist natürlich ein einmaliges Ereignis und eine Chance, die ich auf jeden Fall wahrnehmen wollte. Deshalb musste ich auch noch einige Dienste am Uniklinikum wegtauschen.

Mediziner setzen sich doch eigentlich oft für „Ärzte ohne Grenzen“ ein. Wieso widmen Sie sich den Atomwaffen?

Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ treffen meist 24 Stunden nach einer Katastrophe ein, um den Menschen zu helfen. IPPNW ist ein friedenspolitischer Verein, der langfristiger agiert, nachhaltiger. Es geht uns darum, eine Atomkatastrophe zu verhindern. Auch weil im Fall eines Atomkrieges Mediziner kaum noch helfen könnten. Die Gefahr eines solchen Atomkrieges besteht aber nun einmal latent. Wenn Trump eine Atomrakete starten will, kann er das durchsetzen. Das ist ein sehr unangenehmes Gefühl.

Welche Folgen hätte so ein Atomkrieg aus medizinischer Sicht?

Die heutigen Atombomben sind 1000-fach stärker als die von Hiroshima und Nagasaki. In einer Stadt wie Dresden wären 100 000 Menschen vermutlich sofort tot. Die restlichen Bewohner hätten Verbrennung, und würden unter der akuten Strahlenkrankheit leiden. Die Folgen betreffen Generationen. Wissenschaftler befürchten außerdem klimatische Veränderungen durch die Atomwolken. Sie sprechen dabei vom nuklearen Winter. Außerdem würde Ackerland verwüstet. Es käme zu Ernteausfällen und Hungerkatastrophen.

Was hat die Ican-Kampagne bisher erreicht, um so etwas zu verhindern?

Im Juli haben sich die Vereinten Nationen über ein Verbot von Atomwaffen verständigt. Am 20. September haben 50 Länder den Vertrag unterschrieben. Sie sprechen sich damit nicht nur gegen den Einsatz, sondern auch gegen Besitz, Erwerb, Erprobung und Lagerung von Atomwaffen aus. Wenn der Vertrag noch ratifiziert wird, müsste Deutschland die Atomwaffen abschaffen. Diese US-Atombomben lagern auf dem Bundeswehrgelände Büchel in der Eifel. Wenn es zu einem Atomkrieg kommt, kann es also sein, dass deutsche Kampfflugzeuge diese Bomben abwerfen.

Das Thema wird durch den Nobelpreis sicher noch mehr Aufmerksamkeit erhalten. Was wünschen Sie sich dann?

Ich wünsche mir, dass Deutschland den UN-Vertrag auch ratifiziert. Wenn Deutschland das macht, ziehen sicher viele andere nach. Derzeit steht auch im Raum, dass die Atombomben in Büchel erneuert werden sollen. Die USA würden dafür Milliarden ausgeben. Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt. Und ich wünsche mir, dass die gesamte Nuklearkette beachtet wird.

Was heißt das genau?

Zur Nuklearkette gehören auch der Uran-Abbau, der aber unter schlechten Bedingungen stattfindet. Außerdem wird Uran wegen seiner hohen Dichte für Munition verwendet – dadurch werden aber die Soldaten verstrahlt. Ich war zweimal in Belgrad. Dort haben selbst junge Leute ein Bewusstsein für Uranmunition, weil sie im Kosovokrieg eingesetzt wurde und die Soldaten noch heute unter den Folgen leiden.

Ändert sich denn das Bewusstsein in Deutschland bei dem Thema?

Ja. Als unsere Organisation IPPNW 1985 den Friedensnobelpreis erhielt, wurde das von der Bundesregierung boykottiert. Mein Kollege Professor Ulrich Gottstein, der damals die Dankesrede hielt, wurde als linker Aktivist abgestempelt. Er ist nun 91 Jahre alt und kommt heute mit nach Oslo. Jetzt wird er total hofiert.

Das Interview führte Juliane Richter.