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Eins auf, eins zu

In Hamburg schließt ein Meissener Traditionsgeschäft. In Düsseldorf dagegen erhält die Marke neuen Raum.

Peter Anderson

Alles muss raus. So steht es in weißen Lettern auf einer blauen Fahne am Traditionsgeschäft John Montag im Herzen der Hamburger Innenstadt. Der Ballindamm, an dem der Laden liegt, ist eine gute Adresse, um Wohnungen stilecht auszustatten. Der in der Region bekannte Einrichter Giesen-Raumprägung hat hier sein Geschäft. Ein paar Meter weiter lockt ein Antiquitätenhändler mit historischen Stücken. Es folgen Armani Casa und weitere größere und kleinere Namen der Branche.

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Ende eines Traditionsgeschäfts: Die Inhaber des Porzellan-Fachgeschäfts John Montag in Hamburg möchten sich zur Ruhe setzen. Quelle: Screenshot Netzseite John Montag
Ende eines Traditionsgeschäfts: Die Inhaber des Porzellan-Fachgeschäfts John Montag in Hamburg möchten sich zur Ruhe setzen. Quelle: Screenshot Netzseite John Montag

In Meißen sorgt der Ausverkauf bei John Montag für Gerüchte. Geschmacklos sei es von der Porzellan-Manufaktur gewesen, der Montag-Inhaberin Dagmar Becker-Steinberger eine der neuen Joaillerie-Boutiquen direkt vor die Nase zu setzen. Nur rund 100 Meter Luftlinie über die Binnenalster entfernt hatte das sächsische Unternehmen im Advent 2012 eines seiner Geschäfte im neuen Stil eröffnet. In einem Kabinett ganz aus Weiß und Gold werden dort Hingucker des neuen Meissen präsentiert. Die Schmuck-Reihe My little Mystery gehört ebenso dazu wie das Service Cosmopolitan mit verschiedenen Dekoren sowie eine Auswahl von Porzellan-Figuren.

Der Gegensatz zwischen der Joaillerie-Boutique und John Montag könnte kaum größer ausfallen. Die Bezeichnung Traditionsgeschäft legt die richtige Spur. Gegründet 1901 steht unter dem Firmennamen. Die Ladenräume versprühen den Charme des vergangenen Jahrhunderts. Das Porzellan wird in hohen, verglasten Vitrinen präsentiert. Der Verkaufstresen ist ein massiver Holzklotz mit Stilelementen der Renaissance. Sammler und ältere Liebhaber aus besser betuchten bürgerlichen Kreisen dürften sich in dieser Umgebung ganz zu Hause fühlen. Die Verkäuferinnen, welche hier Verkaufsberaterinnen heißen, sind dem Haus zumeist seit Jahrzehnten treu verbunden.

Genau das ist der Punkt. Um das Geschäft fit für das 21. Jahrhunderte zu machen, wären erhebliche Investitionen nötig. So schildert es der Vorsitzende der Manufaktur-Geschäftsführung Christian Kurtzke auf SZ-Nachfrage. Inhaberin Dagmar Becker-Steinberger sowie ihr Mann und Geschäftsführer Stefan Becker-Steinberger dagegen planen für den Ruhestand. Über drei Jahrzehnte lang haben sie das 1901 von dem Hamburger Kaufmann Wolfgang Knothe gegründete Geschäft geführt, dem später Knothes Schwiegersohn John Montag seinen Namen gab. Nach dieser Darstellung lässt sich die Eröffnung der Joaillerie-Boutique Ende 2012 in den Alsterarkaden am Jungfernstieg als geordneter Übergang für die Meissen-Kunden in Hamburg interpretieren.

Das Hamburger Abendblatt verbreitet allerdings eine andere Version. Dort heißt es, Familie Becker-Steinberger sei verschreckt worden durch das Aufweiten der Marke Meissen. Sie wolle die Wende zu Schmuck, Seidentüchern und Möbeln nicht mittragen. Manufaktur-Chef Christian Kurtzke widerspricht. Die Version der Zeitung sei falsch. „Wir haben mit Familie Becker-Steinberger ein sehr gutes Verhältnis und sind abgestimmt“, so der Unternehmenschef.

Tatsächlich passt der Ausverkauf bei John Montag in den Trend der vergangenen Jahrzehnte. Immer mehr ausschließlich auf Porzellan konzentrierte Geschäfte haben ihre Pforten geschlossen. Statt ihrer rollen Luxus-Konzerne den Markt auf, die unter ihrem großen Namen Glas, Porzellan, Stoffe und Möbel verkaufen und die Hersteller teilweise zur Aufgabe ihrer Marke zwingen.

Erklärtes Ziel von Meissen-Chef Christian Kurtzke ist es, genau das nicht zuzulassen. Ein nächster wichtiger Schritt dazu folgt am 15. November im Düsseldorfer Einrichtungshaus Franzen. Herrmann Franzen, der zusammen mit seinem Bruder Claus das Geschäft an der berühmten Königsallee führt, wagt dort einen Neuanfang. Franzen und Meissen holen in einer eigenen Abteilung das Porzellan aus der Vitrine und geben der Marke Platz, sich mit Möbeln, Leuchtern, Kissen und Fußboden in den Raum hinein auszubreiten. Die Idee, die dahinter steckt, ist ebenso simpel wie einleuchtend. Mit einer breiteren Produktpalette lässt sich auch eine größere Kundschaft erreichen. Hersteller und Händler hoffen auf das Schneeballprinzip. Wer einen außergewöhnlichen Leuchter sucht, findet vielleicht auch an der dazu passenden Meissener Figur Gefallen.

Alles ist drin, könnte das Motto zur Eröffnung bei Franzen am Freitag in einer Woche lauten. Vielleicht auch – wie in Hamburg – angekündigt mit weißen Lettern auf blauem Untergrund.