merken

Einsatz für die Marsmännchen

Wenn im Landkreis Bautzen gefährliche Stoffe gefunden werden, tauchen Leute in auffälligen Anzügen auf. Wer steckt darin?

© Uwe Soeder

Von Katja Schäfer

Bautzen. Massenhaftes Fischsterben in Nedaschütz, weißes Pulver an einem Aussichtspunkt bei Frankenthal. Zwei Fälle aus jüngster Zeit, bei denen Spezialkräfte im Einsatz waren. In dicke grüne, gelbe oder orangene Anzüge verpackt, wirken sie wie Außerirdische. Die Gesichter sind kaum zu erkennen hinter Atemschutzmasken und Sichtfenstern in dicken Kapuzen. Wer steckt eigentlich in diesen Anzügen?

TOP Deals
TOP Deals
TOP Deals

Die besten Angebote und Rabatte von Händlern aus unserer Region – ganz egal ob Möbel, Technik oder Sportbedarf – schnell sein und sparen!

„Das sind Mitglieder von freiwilligen Feuerwehren aus verschiedenen Orten“, erklärt René Burk. Er leitet das Ordnungsamt des Landkreises Bautzen, das unter anderem für Brand- und Katastrophenschutz zuständig ist. Die Kameraden, die in die Chemikalienschutzanzüge steigen – und auch die, die um sie herum agieren – haben zusätzlich zur Feuerwehrgrundausbildung spezielle Lehrgänge und Trainings absolviert. Das ist nötig, denn die Einsätze sind anspruchsvoll. Schon das Anlegen der gasdichten und chemikalienbeständigen Anzüge ist eine Prozedur und nur mit der Hilfe eines Ankleiders zu bewältigen.

Bei der Demonstration für die SZ übernimmt Thomas Mietrach von der Bautzener Feuerwehr diese Aufgabe. Auf einer runden Plane stellt er alles bereit. Sein Kollege David Neumann zieht die Schuhe aus. Einsatzhose und Shirt behält er an. Zuerst steigt er in die Hosenbeine eines grünen Anzuges und zugleich in Stiefel aus schwarzem Gummi. Dann schnallt er sich eine schwere Atemluftflasche auf den Rücken, eine Atemschutzmaske vors Gesicht. Ein Funkgerät kommt vor den Bauch. Die dazugehörende Sprechgarnitur ist am Schutzhelm befestigt, den sich David Neumann auf den Kopf stülpt. Als er seine Hände in Baumwollhandschuhe gesteckt hat, zieht ihm Thomas Mietrach den Anzug, an dem Gummihandschuhe befestigt sind, über den Körper, die Kapuze über den Kopf. Dann schließt er den langen Reißverschluss. „Jetzt ist der Mann komplett von der Außenwelt abgeschottet“, erklärt Paul Stübner, Pressesprecher der Bautzener Berufsfeuerwehr. „Bei warmem Wetter schwitzt man darin mächtig“, berichtet er. Erst recht, da die so verpackten Einsatzkräfte schwierige Aufgaben zu erledigen haben. Proben von verdächtigen Stoffen zu nehmen oder gefährliche Materialien einzusammeln, sind nur zwei davon.

Gasgeruch im Keller oder Öl im Wasser

Die Kameraden in den auffälligen Anzügen gehören zu den Einheiten des Katastrophenschutzes – kurz Kat-Schutz genannt –, für deren Organisation der Landkreis zuständig ist. Die Aufgabe haben ihm Bund und Land übertragen, stellen dafür Fahrzeuge zur Verfügung. Diese sind in verschiedenen Orten stationiert und werden von den dortigen Feuerwehren besetzt. Zum Kat-Schutz gehören unter anderem ABC-Erkundungszüge, wobei die drei Buchstaben für atomare, biologische und chemische Stoffe stehen. Sie nehmen vor Ort Messungen und Untersuchungen vor. Einer davon kommt aus Kirschau. Außerdem gibt es zwei Gefahrgutzüge. Ihnen gehören die Träger der Chemikalienschutzanzüge an. Sie kommen unter anderem von der Cunewalder Feuerwehr. „Neun Mann sind bei uns dafür ausgebildet“, sagt Gemeindewehrleiter Thomas Bergander. Die Anzüge sind auf speziellen Gerätewagen stationiert, unter anderem in Bautzen.

„In den letzten zehn Jahren gab es im Landkreis keine ABC-Katastrophenfälle“, sagt René Burk. Aber Einsätze kommen oft vor. 2017 waren reichlich 40; dieses Jahr bis Ende Juni rund 20. Das reicht von Gasgeruch im Keller über Öl auf der Spree bis zum weißen Pulver am Aussichtspunkt. Einige Fälle sorgten in der Vergangenheit für Aufsehen; zum Beispiel als im Mai 2014 auf der A 4 bei Ohorn aus einem Gefahrgutlaster giftige Dämpfe entwichen oder als im März 2016 im Verteilzentrum in Ottendorf-Okrilla aus einem Paket eine Flüssigkeit und beißender Geruch austraten.

Ein einziger Schutzanzug kostet an die 3 000 Euro – und wird nach einmaligem Gebrauch entsorgt. Als unlängst Gift im Schwarzwasser ein großes Fischsterben verursachte, wurden sechs solcher Anzüge verbraucht. Hinzu kommen bei jedem Einsatz weitere Ausgaben, unter anderem für Laboruntersuchungen. Die Kosten trägt die Stadt oder Gemeinde, wo der Einsatz stattfindet. Sie kann sich das Geld vom Verursacher zurückholen; sofern er ermittelt wird.

Haben die Kameraden in den dicken Anzügen ihre Arbeit getan, können sie diese nicht einfach ausziehen. Erst kommt ein weiterer Bestandteil der Gefahrgutzüge zum Einsatz; die Dekontaminationsgruppe. Sie reinigt in mehreren Schritten die Anzüge und deren Träger. Eins dieser Fahrzeuge ist in Wilthen stationiert. – Wenn irgendwo ein gefährlicher oder verdächtiger Stoff gefunden wird, rücken also Einsatzkräfte aus verschiedenen Orten an. Die Zusammenarbeit üben sie fünf- bis sechsmal im Jahr. „Wir sind sehr dankbar, dass sich Ehrenamtliche für diese Aufgaben zur Verfügung stellen“, betont René Burk.