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Einsatz gegen Mautmuffel

Das Bundesamt für Güterverkehr sucht nach Truckern, die den Wegzoll prellen. Nicht jeder Verstoß ist allerdings Absicht.

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© Andreas Weihs

Von Jörg Stock

Der Lasterfahrer, nennen wir ihn Marek, regt sich auf. Mit dem Zeigefinger malt er das Nummernschild seines Trucks in die Luft, buchstabiert auf Tschechisch, sagt: „Okay! Okay!“ Für die Kontrolleure ist es nicht okay. Auf Mareks Ticket steht statt der Null ein O im Kennzeichen. Maut hat er ja bezahlt, aber für einen Phantomlaster, nicht für seinen. Der Wegezoll gilt als nicht entrichtet. Marek wird sauer. Er streckt beide Arme vor, so als ob man ihm jetzt die Handschellen anlegen solle. Dann hockt er sich frustriert auf den Gehsteig.

Kontrolleur Mike Röder informiert Kollegen, um einen Lkw zu stoppen.
Kontrolleur Mike Röder informiert Kollegen, um einen Lkw zu stoppen. © Andreas Weihs

Zwei Stunden zuvor, Autobahnbrücke Birkenhain nahe Wilsdruff. Ein Mann mit neongelber Jacke und weißer Tellermütze schraubt allerlei viereckige Gerätschaften ans Brückengeländer. Die Autofahrer unter ihm heben misstrauisch den Blick. Ja, die Leute reagieren, wenn er die Anlage aufbaut, sagt Mike Röder. Manche hupen, andere melden den vermeintlichen Blitzer gleich ans Radio. Dabei hat von diesem Apparat kein Autofahrer etwas zu befürchten.

Mike Röder ist Mautkontrolleur beim Bundesamt für Güterverkehr, kurz BAG. Der 43-Jährige gehört zur Kontroll-Einheit Sachsen-Ost. Sein Job ist es, Laster aus dem Verkehrsstrom zu filtern, die keine oder nicht genügend Maut bezahlt haben. Hier, an der A 4, hat Herr Röder regelmäßig zu tun. Heute baut er eine portable Kontrolle auf. Jagdfieber? Eher nicht, sagt er. Es ist wie in jedem Job: Irgendwann kommt die Routine. Immerhin: Er arbeitet mit Menschen. Das macht die Sache interessant.

Seit 2005 müssen gewerbliche Trucks in Deutschland für die Straßenbenutzung zahlen. Je nach Schadstoffklasse und Achsenzahl beträgt der Mautsatz pro Kilometer zwischen gut acht und knapp 22 Cent. Landesweit sind über 15 000 Straßenkilometer gebührenpflichtig, die allermeisten sind Autobahnkilometer. Laut BAG-Zentrale in Köln ist die Zahlungsmoral recht gut. Bei den Kontrollen – fast zehn Millionen Laster wurden zum Beispiel voriges Jahr überprüft – liege die „Beanstandungsquote“ deutlich unter einem Prozent. Mautumsatz 2015: knapp 4,4 Milliarden Euro.

Der Verkehr tost. Uwe Röthig, Chef der Kontroll-Einheit, schaut übers Brückengeländer. Ordentlich was los heute, findet er. Die Messung hier ist gerechtfertigt. Aber warum messen, wenn so gut wie jeder bezahlt und es ohnehin dreihundert automatische Mautbrücken zur Kontrolle gibt? Gezahlt wird, weil das Amt Präsenz zeigt, sagt Herr Röthig. Die Lasterfahrer müssten jederzeit damit rechnen, angehalten zu werden. Wäre das nicht mehr der Fall, würde es Schule machen, auf Risiko zu setzen: Ich zahle nicht, es wird schon gut gehen.

Die Vorrichtung am Brückenrand ist bereit: Infrarot-Empfänger, Scanner und Blitzer, in der Mitte die Kamera zum Fotografieren der Trucks. Via Drahtlosverbindung werden die Daten zum Messfahrzeug geschickt, das an der Brückenrampe parkt. Alle Teile der Apparatur sind mit Drahtseilen am Geländerstahl verankert. Hier darf nichts herunterfallen. Die Folgen könnten verheerend sein.

Im Messwagen setzt sich Mike Röder an den Computer. Hier wird er die Bilder der Laster empfangen. Wie stellt er fest, ob in der Brummi-Herde ein schwarzes Schaf mitläuft? Der Königsweg führt über die OBU, die On-Board-Unit, das automatische Maut-Abrechnungsgerät. Per Satellit werden gefahrene Strecken erfasst und die Gebühren selbsttätig abgebucht.

Ein Ausraster auf dem Rastplatz

Der Apparat an der Brücke nimmt Kontakt mit den OBUs der Durchfahrer auf, sieht, ob sie arbeiten und Kredit haben. Gibt es kein OBU, muss der Laster entweder im Internet eingebucht sein oder ein manuell gezogenes Maut-Ticket haben. Das klärt die Technik binnen eines Wimpernschlags mit dem Zentralrechner von Toll Collect, der Firma, die das Maut-System betreibt. Ist die Maut korrekt entrichtet, wird der Fall abgehakt, ohne dass der Kontrolleur etwas davon mitbekommt.

Jetzt aber bekommt er ein Bild auf seinen Rechner. Ein Mautpreller? Die Maschinen halten es für möglich. Röder klickt das Bild mit dem verdächtigen Laster an. Die OBU ist grün, arbeitet korrekt. Aber das Nummernschild passt nicht dazu. Aha! Ein Kabelbinder liegt quer über dem Kennzeichen. Deshalb hat die Kamera aus einer Sechs irgendwie ein E gemacht. Röder korrigiert den Fehler. Fall erledigt. Doch schon kommt ein Autotransporter rein, womöglich ein Falschzahler. Er hat als Vierachser Maut entrichtet. Die Technik sagt, dass er bei seiner Länge fünf Achsen haben müsste. Röder betrachtet das Übersichtsfoto. Nein, vier Achsen stimmen. Die meisten Autotransporter sind Vierachser, das weiß er aus Erfahrung.

Dann aber ein tschechischer Renault-Truck mit Schüttgutmulde. Sein OBU ist rot, gesperrt. Ein manuell gezogenes Maut-Ticket hat der Wagen nicht. Mike Röder funkt Kontrollgruppe 4 an, die fünf Kilometer weiter am Dresdner Tor steht. Die BAG-Leute hängen sich an den Renault dran, der auf die A 17 Richtung Prag abgebogen ist, und bugsieren ihn auf den Rastplatz Nöthnitzgrund. Aus dem Fahrerhaus klettert ein junger Schlaks im Schlabbershirt. Marek.

Marek, der eine Fuhre Salz geladen hat, versteht die Welt nicht mehr. Er hat doch bloß einen Buchstaben mit einer Zahl verwechselt. Am Maut-Terminal hatte er Probleme, sagt er. Die Geräte, die das Ticket ausdrucken, sprechen zwar vier Sprachen, aber nicht Tschechisch. „Display no good!“, lamentiert Marek.

Die Kontrolleure erklären ihm, dass es Unterschiede zwischen O und Null gibt, die er kennen müsste. Als sie ihm die Rechnung schreiben – 27 Euro nachzuzahlende Maut plus Sicherheitsleistung in Höhe des wahrscheinlichen Strafgelds von 40 Euro – rastet er noch mal aus, haut gegen seinen Truck, dass es rumst.

Einheitsführer Uwe Röthig kann Mareks Groll verstehen. Zwar glaubt er nicht, dass der Trucker mit Absicht falsch gehandelt hat. Doch gebe es hier keinen Ermessenspielraum, sagt er. Als Kontrolleur dürfe man sich nicht in die „Gefühlsecke“ drängen lassen. „So hart, wie es ist: Vor dem Gesetz sind alle gleich.“