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Eisige Temperaturen setzen Pflanzen zu

Acker- und Obstbauern rüsten sich gegen Kahlfrost. Der lässt Pflanzen vertrocknen. Auf Teichen ist Vorsicht geboten.

© André Braun

Von Tina Soltysiak

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Mittelsachsen. Die Enten sind leicht genug, dass die Eisschicht auf dem Bürgergartenteich in Döbeln sie trägt. Die ist auf dem Gewässer unterschiedlich dick. Fußspuren zeigen: Auch Menschen haben die Eisfläche bereits betreten. Doch davon rät die Landestalsperrenverwaltung (LTV) dringend ab. „Eisflächen auf Flüssen, Talsperren und anderen Wasserspeichern sind aufgrund der schwankenden Wasserspiegel nicht tragfähig. Bei Betreten besteht Lebensgefahr“, so LTV-Sprecherin Britta Andreas. Randeis an den Ufern könne leicht abbrechen, da sich durch die ständig wechselnden Wasserstände Hohlräume bilden. „Zugefrorene Flüsse und Seen haben gerade auf Kinder eine große Anziehungskraft. Deshalb sollten Eltern und Erzieher die Kinder unbedingt über die Gefahren beim Betreten von Eisflächen aufklären“, rät Britta Andreas.

In den nächsten Tagen rutschen die Temperaturen weiter in den zweistelligen Minusbereich – auch tagsüber. Denn ein Polarwirbel bringt sibirische Kaltluft nach Deutschland. Matthias Habel, Meteorologe und Sprecher von Wetter-Online, erklärt das Wetterphänomen: „Der Polarwirbel beeinflusst unser Wetter maßgeblich. Ist er im Winter abgeschwächt, wie jetzt der Fall, gelangt häufiger kalte Luft aus Norden zu uns – der Winter wird deutlich kälter.“


Das versetzt die Pflanzen in Stress – und die Gärtner und Landwirte in Alarmbereitschaft. „Es droht Kahlfrost“, sagt Iris Claassen, Geschäftsführerin des Regionalbauernverbandes Döbeln-Oschatz auf DA-Nachfrage. Dabei handelt es sich um Frost in Erdbodennähe, der durch das Fehlen einer schützenden Schneedecke direkt auf die oberste Bodenschicht und Pflanzen einwirkt. „Bei strengen Frösten kann er zu Schäden an Winterkulturen und Gehölzen führen“, erläutert sie. Einige Felder liegen momentan brach, auf anderen stehen Raps und die sogenannten Winterungen, sprich Weizen und Gerste. „Dort, wo der Kahlfrost auftritt, werden die Pflanzen zerstört, sie liefern keinen Ertrag“, so Iris Claassen. Vor vier oder fünf Jahren habe es zuletzt aus diesem Grund Ernteausfälle in der Region gegeben, erinnert sie sich. „Dieses Risiko besteht nun einmal, da wir Landwirte unter freiem Himmel wirtschaften. Schutz gibt es davor nicht“, ergänzt sie. Wenn schon Winter, dann hätten die Landwirte und Obstbauern lieber eine geschlossene Schneedecke gehabt. Denn die würde den Pflanzen Schutz bieten. „Selbst Temperaturen um minus 20 Grad machen den Pflanzen unterhalb einer geschlossenen Schneedecke wenig aus. Schlimmer sind da weniger tiefe Temperaturen ohne Schneedecke. Sie lassen das Wasser im Boden gefrieren und so die Pflanzen austrocknen. Bei länger anhaltendem Kahlfrost kann der Frost durchaus mehr als einen halben Meter, manchmal auch bis zu einen Meter in den Boden eindringen“, berichtet Meteorologe Thomas Sävert bei Kachelmann-Wetter.


Auf dieser Internetseite sind auch die Bodentemperaturen in fünf Zentimetern Tiefe abrufbar: Am Freitagmorgen gegen fünf Uhr lagen sie zwischen zwei und vier Grad unter Null. Zum Vergleich: Zum selben Zeitpunkt im Vorjahr herrschten Temperaturen von fünf Grad über Null. Einige Landwirte sind tagsüber trotzdem auf den Feldern unterwegs. „Sie bringen Gülle aus, da es tagsüber noch frostfrei ist“, erklärt der Westewitzer Landwirt und Vorsitzende des Regionalbauernverbandes Torsten Krawczyk. Dass sie dies zu diesem Zeitpunkt tun, hänge mit den verschärften EU-Düngeverordnungen zusammen. „Als diese im Herbst erlassen wurden, wurden uns Landwirten einige Möglichkeiten genommen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Ausbringen der Gülle erlaubt. Da bei einigen Landwirten die Tanks voll sind, nutzen sie jetzt die Gelegenheit, weil die nächsten Tage Dauerfrost auch tagsüber bringen sollen“, sagt er. Die nächsten sieben bis acht Tage hält auch er aus ackerbaulicher Sicht für entscheidend. „Wir hoffen einfach, dass nachts keine Fröste von unter 15 Grad auftreten. Die Pflanzen sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr auf einen harten Winter eingestellt“, meint er.

Krawczyk rechnet auch nicht damit, dass sich dank der tiefen Temperaturen ein weiteres natürliches Problem der Landwirte von selbst erledigt: „Die Mäuse werden das überleben. Denn die Böden sind aufgrund des milden Januars nicht mehr so feucht. Wären die Gänge der Mäuse unter Wasser, würde der Frost den Tieren mehr zusetzen“, so Torsten Krawczyk.

Jan Kalbitz, Vorstand der Obstland Dürrweitzschen AG, bleibt, was die heimischen Obstkulturen wie den Apfel betrifft, gelassen: „Es ist Winter. Die Bäume haben noch keine Blüten und Triebe. Dahingehend ist alles im Rahmen.“ Die Erdbeeren seien bereits vor dem ersten Frost mit Vlies und Stroh abgedeckt worden. „Das bietet einen Schutz vor Wind und Austrocknung. Denn die Pflanzen erfrieren ja durch den Frost nicht, sondern vertrocknen“, erklärt er. Eine weitere Kultur, die etwas mehr Zuwendung benötige, sei die Birne. . „Um die Veredelungsstellen an den Gehölzen zu schützen, die sich etwa fünf bis zehn Zentimeter über dem Erdboden befinden, wird Champost angehäufelt“, so Kalbitz. Champost ist eine Art grobstrukturierter Kompost, der bei der Pilzzucht entsteht. Das Abfallprodukt ist durch die Pilze ausgelaugt und damit sehr gut als reiner Frostschutz geeignet. Im Frühjahr werden die Veredelungsstellen wieder freigelegt. In der Bio-Obst GmbH Baderitz, einem Tochterunternehmen der Obstland Dürrweitzschen AG, werde dabei darauf geachtet, dass das Substrat ebenfalls aus einem entsprechend zertifizierten Biobetrieb stammt.

Trotz all der Gefahr, die von dem Dauerfrost für die Pflanzen ausgehen könnte, herrscht allgemeine Freude über den Sonnenschein, den der Polarwirbel im Gepäck hat. An der Wetterstation in Geringswalde haben die Experten von Kachelmann-Wetter am Donnerstag acht Stunden und 20 Minuten Sonnenschein gemessen – damit ist das Maximum für diese Jahreszeit fast erreicht.