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Eisige Verluste 

Wie schnell die Eismassen am Südpol und in Grönland schmelzen, zeigen Dresdner Forscher ganz plastisch. Wie viel weniger kann es noch werden?

Ihn zieht es beruflich dorthin, wo es richtig kalt ist. Seit 20 Jahren beschäftigt sich Prof. Martin Horwath mit Eis.
Ihn zieht es beruflich dorthin, wo es richtig kalt ist. Seit 20 Jahren beschäftigt sich Prof. Martin Horwath mit Eis. © Thorsten Eckert

Gibt es den Klimawandel? Welche Folgen hat er? Oft bestimmen gefühlte Wahrheiten die Diskussion solcher Fragen. Martin Horwath verweist lieber auf Zahlen. Der Professor am Institut für Planetare Geodäsie der TU Dresden hat schon seit 20 Jahren einen besonderen Blick aufs Eis. Auf die gewaltige Eisbedeckung des Antarktischen Kontinents und Grönlands. Die Eisberge werden bei ihm zu Datenbergen. Mit seinem Team analysiert Horwath Satellitenaufnahmen der vergangenen 40 Jahre oder vermisst festgelegte Punkte auf den Felsen in Grönland und deren veränderten Abstand zum Erdmittelpunkt. Die Ergebnisse der Wissenschaftler sind eindeutig: Die Eismassen schwinden. „Wir müssen genau wissen, wie sich die Welt verändert“, sagt Martin Horwath. „Dann haben Wissenschaftler die Chance, diese Änderungen im physikalischen System Erde zu verstehen und schließlich vorauszuberechnen.“

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Der globale Meeresspiegelanstieg ist ein Beispiel. Allein der Massenverlust des antarktischen Eisschilds ließ ihn in den vergangenen 25 Jahren weltweit um fast sechs Millimeter steigen, wobei drei Millimeter nur auf die letzten fünf Jahre entfallen. Heute würde über solche Ergebnisse in der Öffentlichkeit deutlich mehr gesprochen als noch vor 15 Jahren, sagt der Wissenschaftler. „Wir liefern Fakten in einer Welt von gefühlten Wahrheiten.“ Dafür sei es allerdings wichtig, die Erde als physikalisches System zu verstehen. Als etwas, das aus verschiedenen Komponenten ein Ganzes formt. So hätten eben auch die Tausenden übrigen Gletscher weltweit, die Änderung der Wasserspeicherung an Land und die Ausdehnung des wärmer werdenden Ozeanwassers Einfluss auf den globalen Meeresspiegel.

Gerade durch die Verknüpfung von Messungen machte ein Promotionsprojekt der Professur für Geodätische Erdsystemforschung erst vor Kurzem von sich reden. Erstmals wurden die Daten von sieben Satellitenmissionen kombiniert, um zu verdeutlichen, wie sich über längere Zeiträume die Oberflächenhöhe des Antarktischen Eisschildes ändert. „Für den größten Teil des Eisschildes konnten wir auf Daten ab 1992 zurückgreifen“, erzählt der Wissenschaftler. Für einen 500 Kilometer breiten Küstenstreifen existieren sogar Messungen, die bis 1978 zurückreichen. Die Forscher brachten all diese Datensätze zusammen und werteten die Messdaten von früher mit modernsten Analysemethoden aus. Das war kompliziert. Die verschiedenen Radar- und Lasermessungen mussten erst einmal untereinander vergleichbar gemacht werden. So waren zum Beispiel unterschiedliche Sensoren bei den Satellitenmissionen verwendet worden. Das Ergebnis ist ein neues Bild der Eismassen am Südpol. Es zeigt nun ganz genau, wie und wo sich die Höhe des Eisschildes verändert hat. Monat für Monat können die Forscher sich durch die einzelnen Jahre klicken. Am Ende dokumentiert die Studie deutlich: Seit den 1990er-Jahren schwindet das Eis immer mehr. Von 1992 bis 2017 gingen pro Jahr durchschnittlich 85 Milliarden Tonnen verloren. Eine Milliarde Tonnen entspricht der Masse von einem Kubikkilometer Wasser. In der Westantarktis ist die Situation allerdings besonders dramatisch. Seit 2010 gibt es dort jährliche Verluste von 140 Milliarden Tonnen Eis.

Wer will, kann sich das Schwinden des Eises auch zu Hause anschauen. Vor drei Jahren ging ein Datenportal online, für das die Dresdner das Zahlenmaterial aufbereitet haben. Dafür werteten sie die Daten der deutsch-amerikanischen Satellitenmission Grace aus. Dabei waren kleinste Änderungen der Schwerkraft erfasst worden. Die entstehen zum Beispiel dann, wenn Eismassen in verschiedenen Gebieten zu- oder abnehmen. Auch diese Auswertung kommt zu dem Schluss, dass der schmelzende Antarktische Eisschild den Meeresspiegel ansteigen lässt. „Gerade für Städte an der Küste ist die große Frage, wie sich das weiterentwickelt“, sagt Martin Horwath. Im 20. Jahrhundert stieg der Meeresspiegel im globalen Mittel um 15 Zentimeter. Für das 21. Jahrhundert rechnen Experten mit 40 bis 80 Zentimetern. Die Zahl hängt entscheidend vom Treibhausgasausstoß in die Atmosphäre ab.

Es könnte auch deutlich mehr werden, weil besonders das Verhalten des Antarktischen Eisschilds bis heute schwer vorauszuberechnen ist. „Darum sind unsere Messungen wichtig für ein besseres Systemverständnis“, sagt Horwath. Die vorhandenen Zahlen unterstreichen jedoch, dass dringend etwas getan werden muss. Macht das Eis, oder besser gesagt sein Verschwinden, etwas mit Martin Horwath? „Was die Wissenschaft zum Klimawandel weiß, betrifft mich genau wie jeden anderen“, sagt er. Der Vater von vier Kindern versucht, mit seiner Familie klimafreundlich zu leben. Sie vermeiden private Flugreisen, benutzen nur gelegentlich ein Auto und essen wenig Fleisch. Dazu gehört für ihn auch, politische Prozesse im Sinne des Klimaschutzes zu unterstützen. Eine Sache macht ihm allerdings in seinem Job zu schaffen: Die Wissenschaftscommunity selbst muss umweltbewusster werden. „Es gibt heute viel zu viele Konferenzen, für die eine Vielzahl an Menschen in Flugzeuge oder ins Auto steigt, ohne Rücksicht auf die CO2-Bilanz.“

Auf die Eismassen wird Martin Horwath auch in Zukunft schauen. Seine Team-Mitglieder und Geodäsie-Studenten sind regelmäßig in beiden Polarregionen unterwegs. Nur er selbst war noch nicht in der Antarktis. „Natürlich will ich da irgendwann persönlich hin“, sagt er. Momentan hat er allerdings keine Eile. Es gibt genug zu tun. Zum Beispiel für die Europäische Weltraumorganisation ESA. Für sie arbeiten TUD-Wissenschaftler an einer genaueren Aufschlüsselung, welche Faktoren wie genau zum Meeresspiegelanstieg beitragen. Wieder geht es um Dinge, die die Forscher schon wissen und anderes, das noch unsicher ist. „Eine Unsicherheit ist zum Beispiel die Verformung des Ozeanbodens, die ja auch eine Rolle spielt“, erklärt Martin Horwath. Diese Unsicherheit würde er gern genauer verstehen und dann verringern. Eines steht allerdings fest: Für Diskussionen um den Klimawandel hat er danach statt gefühlter Wahrheiten noch zuverlässigere Zahlen.

www.sz-link.de/eismassen

Von Jana Mundus

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