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Sport

Mit der Mutter auf der Flucht vor dem Vater

Lina Poddubnaia hat tiefe persönliche Einschnitte hinter sich und ist hart im Nehmen. Jetzt möchte die 14-Jährige als Eisschnellläuferin in Dresden durchstarten.

Eisschnellläuferin Lina Poddubnaia will nach dem deutschen Meistertitel nun auch international überzeugen.
Eisschnellläuferin Lina Poddubnaia will nach dem deutschen Meistertitel nun auch international überzeugen. © Sven Ellger

Der Weg ist noch ganz, ganz weit. Doch das Ziel hat Lina Poddubnaia bereits klar vor Augen. „Den Traum von Olympia hat jeder. Ich denke aber in kleinen Etappen“, sagt sie. Die nächste führt das Eisschnelllauf-Talent vom EV Dresden am Wochenende nach Heerenveen. Dort startet die 14-jährige Sportschülerin beim Viking Race – eine Art inoffizielle Jugend-Europameisterschaft. Die gibt es offiziell für die Altersklassen 12 bis 17 nicht. Das Viking Race gilt deshalb als einer der wichtigsten Nachwuchswettbewerbe im internationalen Eisschnelllauf. Poddubnaia fährt gemeinsam mit fünf anderen Talenten aus Dresden in die Niederlande. Die Sachsen bilden damit die größte Reisegruppe im 24-köpfigen deutschen Kader.

Und die 1,73 Meter große Poddubnaia gehört nicht nur in Heerenveen zu den großen Dresdner Hoffnungen, sondern auch perspektivisch. Sie ist hart im Nehmen. Sportlich sowieso. Die einzige 333 Meter lange Freiluftbahn Deutschlands stellt Eisschnelllauftalente in Dresden vor besondere Herausforderungen. „Ich finde, es ist ein Vorteil. Wir trainieren mit anderen Bedingungen, beispielsweise mit wunderschönem Gegenwind“, erklärt die 14-Jährige sarkastisch. Der kleinere Kurvenradius auf der Bahn im Ostragehege zwingt die Schlittschuh-Hoffnungen aus Dresden zu einer exakteren Technik.

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Opa startet mit 40 Jahren als Degenfechter bei Olympia

Und die eine oder andere Unebenheit im Eis sind Poddubnaia und ihre Klubkollegen gewohnt. „Eigentlich“, sagt sie verschmitzt lächelnd, „bin ich froh, dass wir diese Eisbahn haben.“ In der C-Jugend gewann sie vor drei Wochen den deutschen Meistertitel im Mehrkampf. Trainerin Heike Reinwarth sieht die größten Stärken bei Poddubnaia deshalb fast folgerichtig in der Technik – „und sie hat Biss“. Das kann auch mit ihrer Familien-Biografie zusammenhängen. Die Tochter einer Kirgisin und eines Ukrainers kam in Karlsruhe zur Welt. Als Poddubnaia zwei Jahre alt war, musste ihre Mutter gewissermaßen vor ihrem Partner fliehen. „Wir sind weggegangen. Manchmal habe ich noch Alpträume oder Déjà-vus. Danach war ich verzweifelt und unsicher. Das bin ich jetzt nicht mehr“, erzählt sie erstaunlich offen. „Jeder Sportler hat seine eigene Geschichte“, sagt sie. Für die Teenagerin steht fest: „Ich möchte keinen Kontakt zu meinem leiblichen Vater!“

Viel lieber orientiert sie sich an ihrem Opa Aleksandr Poddubny. Der startete im Alter von 40 Jahren bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney als Degenfechter – und landete auf Platz 32. Danach ist die Familie nach Deutschland ausgewandert.

Beim Badminton, Tanzen und Tennis funkt es nicht

Ebenfalls über einige Umwege ist auch Poddubnaia bei ihrer Sportart gelandet. „Ich habe Tennis und Badminton gespielt“, sagt sie. Die Oma hätte sie gern als moderne Tänzerin gesehen. Doch so richtig funkte es da nicht. „Aber ich kann sagen, dass ich aus der Tanzerfahrung etwas gelernt habe. Wir brauchen ja auch Körperspannung beim Eisschnelllauf“, sagt Poddubnaia. Sie wurde von Dresdner Eislauftrainern letztlich in der Schule gesichtet. Poddubnaia fing sofort Feuer – und setzte ihren Willen auch gegen den des erfolgreichen Opas durch. „Er wollte nicht, dass ich diesen Sport mache. Ich hatte halt damals schon muskulöse Beine. Ich bin stolz, dass ich diesen Sport gewählt habe.“ Punkt.

Sie will ihre Familie stolz machen. Die Mama, eine Physiotherapeutin, den Stiefpapa, der als Flugingenieur die Woche über in Frankfurt am Main gefragt ist – und den kleinen Bruder. Bald bekommt die Familie noch mal Nachwuchs. In der modernen Thialf-Arena von Heerenveen möchte Poddubnaia als deutsche Meisterin nachweisen, dass sie besser geworden ist. Bei dem Wettkampf, bei dem sich auch die mehrfachen Olympiasieger Sven Kramer oder Ireen Wüst die ersten Sporen verdienten, wurde Poddubnaia im Vorjahr bereits Achte. „Meine Chancen stehen gut. Ich hoffe, dass ich in diesem Jahr unter die ersten drei komme“, sagt sie und überlegt kurz: „Oder sagen wir, unter die besten sechs.“ Der Weg ist nicht mehr ganz so weit.