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Eltern fordern Kita-Anbau

Seit zwei Jahren werden sie vertröstet. Jetzt nutzte ein Vater seine Elternzeit und erarbeitete ein Konzept. Am Mittwoch stellte er es im Gemeinderat vor.

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© K.-D.Brühl

Von Jörg Richter

Priestewitz. Das gibt es sonst nie bei einer Gemeinderatssitzung in Priestewitz. Stühle müssen herangeschleppt werden, weil die Sitzplätze nicht reichen. 23 Mütter und Väter sind gekommen, um ihrem Elternvertreter Mathias Anderssohn den Rücken zu stärken. Der zweifache Vater hat seine letzte Elternzeit dazu genutzt, um das Konzept „Mehr Raum für Kinder und Erwachsene“ zusammenzustellen. Es beinhaltet den Entwurf eines zweigeschossigen Anbaus der Kita „Villa Kunterbunt“ in Priestewitz. Den fordern die Eltern schon seit zwei Jahren. Und nicht nur sie. Der Anbau soll die Arbeit der Erzieherinnen erleichtern.

Gleich zu Beginn der Gemeinderatssitzung stellt die Priestewitzer Bürgermeisterin Susann Frentzen klar, dass sie es war, die Anderssohns Vortrag kurzfristig auf die Tagesordnung gesetzt hat. Nach sächsischer Gemeindeordnung sei sie nicht dazu verpflichtet. Aber um eine zeitnahe Entscheidung des Gemeinderates zu ermöglichen, habe sie Anderssohns Wunsch stattgegeben.

Doch so schnell geht es dann doch nicht. Gemeinderätin Manuela Schietzel stellt den Antrag, dass die Beratung über das Anbau-Konzept öffentlich erfolgen soll. „Wenn wir hinter verschlossenen Türen darüber beraten, ist das nicht richtig“, sagt sie und zitiert aus der Sächsischen Gemeindeordnung. Danach gehöre dieses Thema nicht in den nichtöffentlichen Teil einer Gemeinderatssitzung, denn schließlich werden keine Persönlichkeitsrechte Dritter verletzt. Schietzel gibt sich kämpferisch: „Die Grundsätze der Demokratie sollten wir schon einhalten!“

Nach einigem Hin und Her bittet Bürgermeisterin Frentzel alle anwesenden Gäste aus dem Raum. Der Gemeinderat soll ohne Zuschauer über Schietzels Antrag abstimmen. Nach weiteren zehn Minuten dürfen die 23 Mütter und Väter wieder hinein. Eine Information, wie sich die Gemeinderäte entschieden haben, erhalten sie nicht.

Nach zwei anderen Präsentationen über schnelles Internet und die zukünftige Eigenheimsiedlung Strießen-Süd ist endlich Mathias Anderssohn an der Reihe. Er präsentiert das Konzept, das er zusammen mit dem Dresdner Architekten Jörg Zimmermann erarbeitet hat. Zimmermann stammt aus Stauda und ging in Priestewitz zur Schule. Er kennt das Haus, das heute die Kita beherbergt, aus dem Effeff.

Anderssohn benennt Mängel. „Das Haus ist mit 80 Kindern randvoll“, sagt er. „Das ist grenzwertig.“ In der obersten Etage gibt es keine sanitären Anlagen. Die Erzieher müssten ihre Aufsichtspflicht verletzten, um einzelne Kinder auf die Toilette zu begleiten. Auch die Treppe ist zu steil. Speisen müssen hochgetragen werden. „Das ist für die Erzieherinnen beschwerlich“, sagt der Familienvater. Ein großer Speise- und Mehrzweckraum im Erdgeschoss des Anbaus könnte Abhilfe schaffen. Neue Sanitärräume im Obergeschoss und ein neuer Standort für die Fluchttreppe gehören ebenso zu dem umfangreichen Konzept wie auch eine Kostenschätzung. Für den An- und Umbau hat Zimmermann rund 160 000 Euro kalkuliert. Sogar über Fördermöglichkeiten hat Anderssohn sich informiert. Sie sei über den Dresdner Heidebogen möglich.

Diesen Hinweis nimmt die Bürgermeisterin dankend entgegen und ist sichtlich beeindruckt. „Kompliment! Das ist ein sehr gutes Konzept“, sagt sie und stellt weiterhin klar: „Der Gemeinderat hat nie gegen das Kinderhaus entschieden.“ Im Gegenteil. Alle drei Kitas im Gemeindegebiet seien vollständig saniert.

Lobende Worte findet sie auch für Anderssohns private Initiative, die Kosten des Konzeptes aus Spenden zu finanzieren. Wie die SZ nach der Sitzung erfährt, haben Mathias Anderssohn und Manuela Schietzel insgesamt 1500 Euro von Firmen aus Priestewitz und Großenhain zusammengetragen. Architekt Zimmermann kam bei der Rechnung, die eigentlich 1800 Euro gekostet hätte, 300 Euro entgegen.

Anderssohn beendet seine Ausführungen mit den Worten: „Ich bitte den Gemeinderat, sich für unsere Kinder zu entscheiden. Es ist notwendig.“ Als er fertig ist, erhält er viel Applaus. „Ich war sehr positiv überrascht, wie viele Eltern da waren. Das hat sicherlich seine Wirkung auf die Gemeinderäte nicht verfehlt“, sagt Anderssohn später. „Das Klatschen hat mich bestärkt. Wir sind auf einem guten Weg.“

In der nächsten Gemeinderatssitzung am 19. Oktober soll über das Konzept „ergebnisoffen“ beraten werden, so Susann Frentzen. „Wir müssen jetzt unsere Zuarbeit leisten. Und dann muss man sich sachlich darüber unterhalten“, sagt sie.