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Eltern gesucht

Das Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Steinbach hilft seit 20 Jahren Kindern aus Problemfamilien. Noch immer ist der Bedarf groß.

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© Arvid Müller

Von Stephan Hönigschmid

Moritzburg. Kinder sind wie ein weißes Blatt Papier. Am Anfang ist völlig offen, in welche Richtung sich ihr Leben entwickelt. Allerdings kann sich das schnell ändern. Werden sie in eine Familie hineingeboren, in der Gewalt und Drogen auf der Tagesordnung stehen, können sie schnell auf die schiefe Bahn geraten.

Damit es gar nicht erst so weit kommt, gibt es Einrichtungen wie das Albert-Schweitzer-Kinderdorf im Moritzburger Ortsteil Steinbach. Seit mittlerweile 20 Jahren werden dort Kinder aus überforderten Problemfamilien von Kinderdorfeltern betreut. „Die Nachfrage ist groß. Regelmäßig fragen Jugendämter bei uns an, ob noch Plätze frei sind“, berichtet die Leiterin des Kinderdorfes, Brit Nitschke. Vorteilhaft ist die Unterbringung in den vier dreistöckigen Häusern der Anlage vor allem im Vergleich mit dem Heim. „Während im Heim im Laufe der Zeit das Personal wechselt und auch andere Kinder kommen und gehen, gibt es bei uns Kontinuität, so als wäre es die leibliche Familie“, erklärt Nitschke.

Drei Familien mit jeweils bis zu fünf aufgenommenen Kindern leben gegenwärtig in dem Dorf. Von den Kinderdorfeltern wird ein Elternteil, dass zudem über eine Ausbildung als Erzieher oder Sozialpädagoge verfügen muss, fest angestellt, während der Partner ganz normal einer anderen Arbeit nachgeht. Neben den Familien existiert in Steinbach auch eine sogenannte familiennahe Wohngruppe, in der ebenfalls eine Betreuung durch Fachpersonal rund um die Uhr gewährleistet ist. Alles in allem werden damit 20 Kinder in Steinbach betreut, die bei ihrer Ankunft nicht älter als zehn Jahre alt sein dürfen.

Trendwende geschafft

Wie die Kinder konkret profitieren, wenn sie ins Kinderdorf kommen, wird am Beispiel der Schützlinge von Pflegemutter Kathrin Sanderhoff deutlich. Als Alleinerziehende kümmert sie sich um fünf Mädchen, die zwischen sieben und 14 Jahre alt sind. „Meine Kinder hatten keinen leichten Start ins Leben und waren aufgrund ihrer Erfahrungen vor allem im sozial emotionalen Bereich belastet“, sagt sie.

Kein Wunder, dass auch die Schulnoten nicht gerade glänzend waren. Dennoch haben die Mädchen mithilfe der Pflegemutter schulisch und persönlich die Trendwende geschafft. „Wir haben Stück für Stück an vielen Themen gearbeitet und heute haben zum Beispiel alle Mädchen gute Zeugnisse in der Schule“, freut sich Sanderhoff.

Als Kinderdorfmutter ist sie quasi rund um die Uhr im Einsatz. In der Regel beginnt ihr Tag gegen 5.15 Uhr, wenn der Wecker klingelt. Anschließend macht sie Frühstück und bringt die Kinder zum Schulbus. Den Vormittag nutzt sie für Einkäufe oder um etwas im Haushalt zu erledigen sowie fachliche Beratungen.

Spätestens um 12.30 Uhr steht dann das von ihr oder weiteren Mitarbeitern selbst gekochte Mittagessen auf dem Tisch. Nachmittags nimmt sie sich viel Zeit, um mit jedem Kind die Hausaufgaben abzuarbeiten. Danach bringt sie ihre fünf Mädels unter anderem zum Sport in nahe gelegene Vereine, bereitet das Abendessen zu und schafft alle Kinder, die in dem Haus über eigene Zimmer verfügen, ins Bett.

„Die Arbeit bringt manchmal Einschränkungen bei den sozialen Kontakten mit sich.“ So ändere sich durch die vielen Kinder der Freundeskreis der meisten Kinderdorfeltern. „Sie sind nicht mehr in der Lage, jeden spontan zu besuchen, sondern darauf angewiesen, dass die Freunde auch mal selbst vorbeikommen, sagt Nitschke.

Vielleicht ist auch das ein Grund, warum es die Schweitzer-Dörfer immer schwerer haben, neue Familien zu finden. „Den Trend zur Individualisierung bekommen auch wir zu spüren. Viele Menschen scheuen sich davor, sich zu engagieren und Verantwortung für fremde Kinder zu übernehmen“, sagt Nitschke, die deshalb kürzlich beim Fest anlässlich des 20. Geburtstages des Dorfes nur einen Wunsch hatte: „Ich hoffe, dass sich in Zukunft wieder mehr Familien als Kinderdorfeltern melden, weil es eine schöne und wichtige Aufgabe ist.“