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„Eltern müssen draußen bleiben“

Stefan Schwager organisiert die 100. Vorlesung der Riesaer Kinderuniversität. Da gelten besondere Regeln.

© Sebastian Schultz

Riesa. Polizeirevier, Kläranlage, Bahn-Stellwerk: Mit der Kinderuniversität Riesa gelangen Grundschüler aus der Region an Orte, zu denen sie sonst nicht so einfach Zutritt hätten. Am Mittwoch stellt bei der 100. Vorlesung unter Regie des Sternwarten-Vereins ein Raumfahrt-Sammler seine Exponate vor. Die SZ hat Stefan Schwager befragt, den Organisator der außergewöhnlichen Reihe.

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Herr Schwager, der Sternwarten-Verein richtet die 100. Vorlesung der Kinderuniversität Riesa aus. Das hätte auch anders kommen können, oder?

Ja. 2009 stand die Reihe vor dem Aus: Damals löste sich der Verein Kinderuniversität Riesa auf, der vor allem aus Studenten der Akademie Marie bestanden hatte. Keiner kümmerte sich drum, wie es mit der Kinderuni weitergehen könnte. Wir als Sternwarten-Verein hatten zuvor einige Vorlesungen gestaltet. Ich hatte Sorge, dass das Projekt stirbt – und habe meine Mitvorstände im Verein dafür geworben, die Kinderuni zu übernehmen.

Raumfahrt, Dinosaurier, Kinotechnik

Vorlesungen gibt es bei der Kinderuniversität jeweils am ersten Mittwoch im Monat, wobei das Wintersemester von Oktober bis Februar reicht und das Sommersemester von April bis Juli. Manchmal gibt es auch Ferienangebote.

Beginn ist jeweils um 17Uhr, die Veranstaltungen dauern in der Regel 60Minuten. Das Angebot richtet sich vor allem an Sieben- bis Zwölfjährige, doch auch jüngere und ältere Kinder sind willkommen.

Die 100. Vorlesung am 7.November dreht sich um die Raumfahrt: Tasillo Römisch vom „Space-Service-International“ bringt Teile von Raumanzügen und Raumschiffen sowie persönliche Dinge von Astronauten mit.

Ab 16.30 Uhr ist der Empfang an der Kreuzstraße geöffnet. Der Eintritt samt Diplom und Überraschung beträgt fünf Euro pro Kind. 17 Uhr startet der Vortrag von Tasillo Römisch.

Die nächsten Veranstaltungen drehen sich um Dinosaurierfossilien und darum, wie es hinter den Kulissen des Riesaer Kinos aussieht.

www.kinderuni-riesa.de

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Und das hat geklappt?

Die Leute waren begeistert! Im Juni hatte sich der Verein aufgelöst, schon im Oktober sollte es aber weitergehen. Da hat dann jeder von uns erst mal 50 Euro auf den Tisch gelegt, damit wir einen Grundstock dafür hatten, einen neuen Referenten zu holen. Das Konzept haben wir beibehalten: Das Angebot richtet sich vor allem an Grundschüler, die nach zehn Besuchen eine Doktor-Urkunde und mit 45 Teilnahmen schließlich den „Professor-Titel“ erreichen können.

Das schafft man doch bei monatlichen Vorlesungen als Kind in seiner Grundschulzeit kaum ...

Es ist ambitioniert. Aber es geht: Etliche Kinder sind bis zur 5. oder 6. Klasse bei uns.

Sechstklässler und Erstklässler gemeinsam: Funktioniert das überhaupt?

Perfekt! Über alle Altersgruppen, Schulformen und Herkunftsorte verstehen sich die Kinder bestens. Da kommt es oft vor, dass ein größeres Kind ein kleineres an die Hand nimmt und einzelne Dinge noch mal extra erklärt. Und wir haben Kinder regelmäßig nicht nur aus Riesa dabei, sondern auch von den Grundschulen in Strehla, Lommatzsch, Hirschstein, Stauchitz, Zeithain, Nünchritz.

Was waren aus Ihrer Sicht Höhepunkte der Reihe?

2010 hatten wir den Astronauten Ernst Messerschmid hier: Der war 1985 mit dem Spaceshuttle Challenger im Weltraum unterwegs. Bei unserer Veranstaltung war die Aula im Heisenberg-Gymnasium voll. Auch eine Präsentation von Repliken der Himmelsscheibe von Nebra aus dem Landesmuseum Halle 2013 war ein Höhepunkt. Auch ein Besuch im Riesaer Seifenwerk 2011 war toll.

Wie viele Kinder haben mittlerweile an der Kinderuni teilgenommen?

Wir haben insgesamt an die 3 000 Diplome für jeweils eine Teilnahme ausgestellt. Insgesamt haben die 530 unterschiedliche Kinder erhalten. Unsere erste Vorlesung hatte mit zehn Kindern angefangen, in Spitzenzeiten kommen aber auch mal 60 oder 70 Kinder gleichzeitig.

Gehen Ihnen die Themen für die Vorlesungen denn nie aus?

Bislang nicht! Wir achten darauf, keine inhaltlichen Dopplungen anzubieten. Spannend ist es, aktuelle Themen zu berücksichtigen: Das kann in der Reifenwechselzeit ein Besuch im Reifendienst sein. Kurz nach dem Zwischenfall von Fukushima haben wir beispielsweise einen Kernphysiker von der TU Dresden nach Riesa geholt.

So ein kompliziertes Thema funktioniert bei Grundschulkindern?

Der Wissenschaftler war auch erst skeptisch. Aber dann hat das super geklappt. Fukushima hat dann auch noch mal bei einer Exkursion ins Observatorium Collm eine Rolle gespielt: Dort sind Seismologen von der Uni Leipzig tätig und haben uns gezeigt, wie sich das Fukushima-Unglück sich sogar hier in der Region auf der seismologischen Kurve abzeichnete. Auf dem Collm hatten wir auch eine Extra-Führung für die Eltern. Die müssen sonst bei der Kinderuni draußen bleiben.

Warum denn das?

Wir wollen, dass die Kinder sich melden und den Referenten Fragen stellen – und nicht die Eltern. Die Kinder sollen sich ihr eigenes Bild erarbeiten. Mit den Eltern können sie das neue Wissen ja dann später zu Hause besprechen.

Hat die Kinderuni auch schon mal dazu geführt, dass ein Grundschüler seinen Wunschberuf entdeckt hat?

Tatsächlich studiert einer unser ersten „Doktoren“ jetzt schon ein technisches Fach. Viele regelmäßige Teilnehmer haben mittlerweile die Uni im Blick. Wobei wir auch das Thema Handwerk präsentieren. Ein gutes Beispiel fällt mir noch ein: Ein Kind hat damals das Bahnstellwerk am Riesaer Bahnhof mit besichtigt – und war begeistert. Der Schüler hat dann später bei der Bahn noch Praktika gemacht und will nun nach dem Abitur dort anfangen. Wichtig ist aber noch was anderes.

Nämlich?

Die Schüler gehen nach den Vorlesungen alle mit einem Lächeln raus! Diese Stimmung beeindruckt. Und das trägt über die Jahre. Da lohnt sich die Arbeit.

Das Interview führte Christoph Scharf.